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Dank Ziegen in eine gute Zukunft

Ziegenstall Tirol
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Redaktion Wochenblatt, Wochenblatt
am
14.11.2017

Die einstige Hobbyhaltung von Landwirt Christian Schroll im Nordtiroler Oberndorf ist zum Vollerwerb für ihn und seine junge Familie angewachsen.

Die Ziege gehört für Landwirt Christian Schroll ganz selbstverständlich zum Hofleben dazu. Die einstige Hobbyhaltung im Nordtiroler Oberndorf ist inzwischen aber zum Vollerwerb für ihn und seine junge Familie angewachsen.
Lebendig geht es zu im Stall des Schneiderbauers im Nordtiroler Oberndorf. Die schneeweißen Jungziegen springen von links nach rechts und umgekehrt, um ja den besten Platz bei der Fütterung zu ergattern. Und der beste Platz scheint immer dort, wo zuerst gefüttert wird.

„Eine Handvoll Ziegen war immer schon am Hof“, erklärt Christian Schroll und blickt von der Empore des Stalls hinab auf seine deutlich angewachsene Herde. „Eigentlich waren wir aber ein Rinderbetrieb, wenn auch schon über Jahrzehnte nur noch im Nebenerwerb.

Als mein Vater den Hof in den 70er-Jahren übernommen hat, standen acht Kühe im Stall“, weiß der Landwirt um die jüngere Geschichte seines Betriebs. „Mein Vater ging als Briefträger arbeiten und meine Oma machte damals noch die Stallarbeit – bis es ihr zu viel wurde.“ Mitte der 90er wurde deshalb auf Mutterkuhhaltung umgestellt.

Als im Jahr 2010 am Nachbarbetrieb Schörgerer eine Hofkäserei entstand, war plötzlich Ziegenmilch und der künftige Hoferbe gefragt. „Ab da sind wir zweigleisig mit Mutterkühen und anfangs 30 Ziegen gefahren. Im Lauf der Jahre wurden die Geißen mehr und die Rinder weniger“, erinnert sich der 31-Jährige an die Entwicklung.

Mit Ziegen zum Haupterwerb

Ziegenstall Christian Scholl

Als die Zahl der Ziegen im Jahr 2013 auf 80 stieg, war für die letzten Mutterkühe Schluss. Seither hat sich der Betrieb auch konsequent in Richtung Haupterwerb entwickelt. „Ich habe Kurse und Fachvorträge in Österreich, Deutschland und der Schweiz besucht und viele Beziehungen zu anderen Ziegenhaltern aufgebaut“, erklärt der sympathische Tiroler. „Das Wichtigste ist ein gutes Netzwerk – weil wenn du neu anfängst, stellen sich überall Fragen.“ 

So stellte sich grundlegend die Rassefrage: „Wir haben uns für Saanenziegen entschieden – von der Rasse waren damals am meisten Tiere verfügbar und von allen Rassen hat sie die beste Milchleistung. Sie ist größer und bis zu 20 Kilo schwerer als andere Milchziegen – damit kann sie mehr Futter aufnehmen, mehr Umsatz generieren und entsprechend auch mehr Milch geben“, zeigt sich der Landwirt bis heute zufrieden mit der Entscheidung. Als einzigen leichten Nachteil macht er das weiße Haarkleid der Tiere aus: „Die sind  sofort schmutzig – der Stall muss immer top gepflegt sein.“

Größte Sorgfalt lässt der Ziegenmilcherzeuger auch bei der Fütterung walten. Neben dem Heu als Grundlage bekommen die Tiere zur Umsetzung der hohen Milchleistung bis zu 2,2 kg Kraftfutter je Tier und Tag. „Wir füttern das eigentlich ad libitum, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass die Ziege nicht mehr davon frisst, als sie braucht.“ Allerdings stehen den verschiedenen Leistungs- und Aufzuchtgruppen neun verschiedene Sorten Kraftfutter zur Verfügung.

Sogar der Zuchtbock erhält ein eigenes, auf ihn abgestimmtes Leistungsfutter. Das Kraftfutter wird den Milchziegen allerdings nur über den Vormittag zur Verfügung gestellt, sodass es bis zum Abend wieder möglich ist, die Tiere mit Lockfutter zum Melken zu bewegen.

Eeine durchschnittliche Milchleistung von rund 1150 l pro Ziege und Jahr

Mit seinen aktuell 110 melkenden Tieren erreichte Schroll im vergangenen Jahr eine durchschnittliche Milchleistung von rund 1.150 l pro Ziege. 20.000 l gingen an die Hofkäserei im Ort, weitere 110.000 l liefert er inzwischen an die Tirol Milch, die noch von neun weiteren Ziegenbetrieben beliefert wird.

Die erzeugte Milchmenge sowie die Inhaltsstoffe schwanken durch die saisonale Brünstigkeit der Tiere im Lauf des Jahres noch stark. Während sich der aktuelle Durchschnitt der Inhaltsstoffe auf 3,4 % Fett und 2,99 % Eiweiß beläuft, lag er im vergangenen Februar bei 4,53 % Fett und 3,87 % Eiweiß bei allerdings deutlich geringerer Milchmenge und höheren Zellzahlen.

Generell sei die gezielte Zucht auf die Fett- und Eiweißwerte ein Pro­blem in der Ziegenzucht. „Wenn wir neue Böcke brauchen, kommen die in der Regel aus Holland. Der Zuchtverband holt die Tiere in einer Sammelbestellung und wir können uns hier Böcke aussuchen. Das Problem ist aber, dass die Holländer nur die Milchleistung und keine Inhaltsstoffe messen“, erklärt der Züchter das System. Der einzige Anhaltspunkt sei die Abstammung. Bisher habe er aber dennoch gute Erfahrung gemacht.

Melkbarkeit wichtig

Bei der Zucht achtet der Betrieb zudem auf eine leichte Melkbarkeit: „Es sollte nicht viel drin bleiben – das erhöht sonst den Arbeitszeitbedarf zum Ausmelken, die Gefahr von erhöhten Zellzahlen und Euterentzündungen.“ Die leichte Melkbarkeit ist für den Milchziegenhalter dabei das wichtigere Kriterium vor der Euterform: „Wir haben viele Tiere mit längeren Zitzen und hängenden Eutern, aber die gehen super zum melken.“ Aufgestallt wird derzeit noch jedes weibliche Tier, aussortiert erst anhand der ersten Laktation: „Ich will erst das Euter und die Leistung sehen, vorher geht keine vom Betrieb.“

Mitentscheidend bei der Selektion sind auch gute Fundamente und gesunde Tiere. Die Herde des Schneiderbauern trägt den Status CAE-frei. Dagegen tritt die Pseudotuberkulose immer wieder im Bestand auf. Rund ein Drittel der Herde sei von der bakteriellen Infektionskrankheit betroffen. „Das kriegst du leider nur in der Theorie aus dem Bestand“, weiß der Ziegenhalter, „praktisch ist das kaum möglich. Der Erreger hat eine Inkubationszeit von bis zu einem halben Jahr und hält sich an Holz über mehrere Jahre.“ Bis es für die Erkrankung ein flächendeckendes Programm gebe, helfe nur das Öffnen und Reinigen der Abszesse mit anschließender gründlicher Desinfektion, um die Ansteckung bestmöglich zu verhindern.

120 Ziegenkitze selbst vermarktet

Ziegenstall

Alttiere und Kitze, die sich nicht für die Zucht eignen, werden selbst vermarktet. „Aus den Altziegen machen wir Kaminwurzen, die Kitze verkaufen wir als Fleischpakete.“ Als halbe oder ganze Tiere vermarktet, bekommt Schroll auf diesem Weg 12 € für das Kilo Fleisch.

Acht bis zehn Wochen alt sind die Tiere, wenn sie mit 16 bis 20 kg Lebendgewicht geschlachtet werden. „Etwa die Hälfte bleibt an Schlachtgewicht über“, weiß der Direktvermarkter, der im vergangenen Jahr 120 Kitze auf diesem Weg an private Kundschaft und regionale Gastronomie verkauft hat.    


Als gute Werbung dient hier sicher der im vergangenen Jahr für 250 Milchziegen neu errichtete Stall im Außenbereich des Ortes. Rund 30 Betriebe habe er vorab besucht, um die ideale Lösung für seinen Betrieb zu finden. „Es gibt bei der Geiß wohl nichts, was nicht funktioniert“, zieht er als Bilanz der Exkursionen, „die Tiere sind total anspruchslos, aber man muss es halt für sich selber so einrichten, dass es praktisch ist.“ Ziel war es, vier getrennte Leistungsgruppen zum Melken treiben zu können, ohne dass man diese überkreuzen muss.

Spezieller Melkstand

Als zentrales Element im Stallgebäude hat sich nun der 24.000 € teure Doppel-24-Swing-Over-Melkstand heraus entwickelt. Die Selbstfangfressgitter mit Lockfütterung sorgen während des Melkvorgangs für Ruhe. 10 000 € zahlte Schroll dafür. Die Melkzeit für die 110 Tiere liegt   aktuell bei 40 Minuten. „Mit vollem Stall rechne ich entsprechend mit rund 1,5 Stunden. Wenn man hier schneller sein will, ist der technische Aufwand groß und die Karusselle sind sehr teuer.“ Etwa eine halbe Stunde kalkuliert er für die restliche Stallarbeit.

Je links und rechts des Melkstandes erstreckt sich ein Futtergang und beidseitig davon je eine Leistungsgruppe. Jede Leistungsgruppe kann über Treibgänge zum Melkstand gelangen, ohne mit einer anderen Gruppe in Berührung zu kommen. 320.000 € hat Schroll für den Stall inklusive Steuer, Erschließung, Planung, Aufstallung und ohne Förderung bezahlt: „Wir haben aber brutal viel selber gemacht“, erklärt der gelernte Zimmerer und Maurer, „sonst wäre es nicht gegangen.“

Der Stall ist dabei als Halle auf Punktfundamenten ausgeführt und mit einem 12 cm dicken Betonboden versehen. „Alles was drin ist, könnte man zur Not ebenerdig machen und die Halle umnutzen.“ Der Fressplatzbereich ist 35 cm überhalb der Liegefläche ausgeführt. So kann der Liegebereich großzügig mit Stroh eingestreut werden.

Vier- bis Fünfmal im Jahr wird der Stall per Hoftrac entmistet: „Man könnte den Mist noch höher wachsen lassen, aber irgendwann ist der Punkt da, an dem man zu viel Stroh braucht, um die immer feuchtere Mistmatratze sauber zu halten.“ Den Stallbau bezeichnet er als beste Betriebsentscheidung, die er je getroffen habe. Damit war es dem Ziegenhalter möglich, seinen Hof als Vollerwerbsbetrieb zu führen und damit seine junge Familie zu ernähren: „Wir haben so ein super schönes Leben.“

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