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Direktvermarktung

Fröhliche Hühner, zufriedene Kunden

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Walter Neugebauer
am
03.09.2018

Mit der Hühnerhaltung auf der Wiese hat Gerti Selker ihre Idee verwirklicht

Sigharting/OÖ Die wochenlange Hitze und Trockenheit haben auf dem Schlagdoblerhof von Alois und Gertraud (Gerti) Selker im Hügelland zwischen Pramtal und Sauwald ihre Spuren hinterlassen. Ein Teil des Silomaises ist schon gehäckselt, Gülle ausgebracht und der magere Aufwuchs vom Grünland siliert. Auch die sonst saftig grüne Wiese um den mobilen Hühnerstall zeigt deutlich den Wassermangel. Den 230 Legehennen scheint das nichts auszumachen. Munter picken und gackern sie um den Stall herum und rennen auf ihre Bäuerin zu, als diese wie jeden Tag gegen 14 Uhr kommt, um die Nester zu leeren.

Vorteile der Wieseneier sind überzeugend

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Gerti Selker ist mit der Legeleistung zufrieden, 170 Eier hat sie aus den Nestern geholt: „Trotz der Hitze und obwohl die Hennen jetzt schon auf das Ende ihrer Legeperiode zugehen, legen sie noch fleißig. Das liegt wohl am Stall, in dem sie sich wohlfühlen, an der Weidehaltung und an einigem, das ich in vier Jahren dazu gelernt habe“. So habe sie anfangs ein Mischvolk aus vier verschiedenen Rassen eingestellt. Das habe zwar gut ausgesehen, aber nicht funktioniert. Der Konkurrenzkampf untereinander sei zu groß gewesen. Jetzt halte sie nur noch Lohmann Brown und das gehe sehr gut.

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Doch was hat sie zu dieser Hühnerhaltung veranlasst? Langeweile kann es nicht gewesen sein, denn schon 2014 hatte sie einen mehr als ausgefüllten Tag. Der Haushalt, ihr Mann Alois und vier Kinder waren zu versorgen: Damals war Julia 16, Jakob elf, Martin acht und Severin drei. Für die Pramoleum-Genossenschaft hat sie in einem eigenen Arbeitsraum auf dem Hof das Kürbiskernöl selbst gemacht und über Pramoleum vermarktet. Und sie hat im Büro von Pramoleum im Schloss Sigharting geholfen. „Wir hatten schon 50 Hühner“, sagt Gerti Selker. „Jetzt sollte ein neuer, winterfester Stall für sie hergerichtet werden und so haben wir uns informiert. Dabei sind wir auf das Hühnermobil gestoßen, in dem die Hühner auch im Winter draußen bleiben können. Auch alle weiteren Vorteile haben uns überzeugt“.

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Selkers versetzen den Stall nach jeweils sieben Tagen, meist am Wochenende, auf einen neuen, eingezäunten Platz in der Wiese. So bleiben der Kot und Parasiten zurück und das „abgegraste“ Wiesenstück kann sich wieder erholen. Der Stall wird gereinigt und desinfiziert. Die Hühner haben auf der neuen Parzelle wieder frisches Gras zum Picken, bleiben gesund und erhalten ihre Legeleistung. Und nicht zuletzt sehen Kunden, die auf den Hof kommen, wie die Hühner gehalten werden und das überzeugt sie. „Sie sind dann auch bereit, etwas mehr für diese Eier zu bezahlen“, stellt Gerti Selker immer wieder fest. Auch vom Lebensmittelhandel und Schloßwirt Sigharting als regionalen Gastronom bekomme sie mehr für ihre Eier als Kollegen mit Stallhaltung. Weitere Infos unter www.huehnermobil.de

Wie sich herausgestellt hat, hält sich die Arbeitsbelastung in Grenzen. „Wir arbeiten im Hühnerstall täglich durchschnittlich eine Stunde“, erklärt Gerti Selker. „Dazu gehören neben dem täglichen Eierholen die wöchentlichen Pflegearbeiten wie Ausmisten, Wasser und Futter fahren, Einstreuen sowie das Umstellen des Hühnerstalls und die Weidepflege“.

Aus dem Hobby wurde ein Betriebszweig

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Im neuen Hühnerstall wurde der Hühnerbestand auf 250 aufgestockt und aus der Hobbyhühnerhaltung wurde ein eigener kleiner Betriebszweig. Die Vermarktung war relativ einfach, denn über Pramoleum bestanden bereits Kontakte zum Lebensmittelhandel und zu Gaststätten in der Umgebung. Beide Sparten bevorzugen mehr und mehr regionale Produkte. Gerti Selker liefert ihnen die Eier einmal pro Woche, meist selbst, und so hält sie auch den Kontakt zu ihren Abnehmern.

Gefüttert wird Fertigfutter. „Wir haben von Anfang an großen Wert darauf gelegt, dass kein gentechnisch verändertes Sojaschrot enthalten ist“, betont die Bäuerin. „Dazu haben die Hühner stets jede Menge frisches Gras“. Ein echtes Anliegen ist der Bäuerin die tierwürdige Verwertung der Legehennen nach Ablauf der eineinhalbjährigen Legeperiode. Sie arbeitet hierfür mit einem Schlachtbetrieb zusammen und vermarktet die Tiere als Suppenhühner. „Ich bekomme zwar nur so viel dafür, dass es den Schlachtpreis deckt“, sagt sie, „aber ich habe ein gutes Gefühl dabei, dass die Tiere nicht einfach nur entsorgt werden“.

Viel Werbung scheint für den Absatz der Eier nicht mehr nötig zu sein. Der hat sich offenbar gut eingespielt. Auch der Name Kalimero sei inzwischen bekannt, obwohl viele Kunden auf Anhieb nicht wüssten, woher der kommt. Kalimera bedeute in Griechenland „Guten Morgen“ oder „Guten Tag“, aber Kalimero erinnere vor allem an das italienische Zeichentrickküken. „Wir haben uns den Schriftzug Kalimero, das fröhliche Wiesenei, mit der Eier legenden Henne darüber als Wortbildmarke schützen lassen“, sagt Gerti Selker (siehe www.kalimero.at ).

Familie Selker arbeitet sehr vielseitig

Alois und Gerti Selker bewirtschaften 46 ha Ackerland, 6 ha Grünland und 4 ha Wald. Im Stall stehen 18 Milchkühe und die weibliche Nachzucht. Die eigenen Stierkälber werden gemästet. Dazu weitere über den Fleckviehzuchtverband Inn- und Hausruckviertel oder die Rinderbörse zugekauft, sodass man immer 45 füttern kann. Die Milch geht an die Bergland Molkerei, die Stiere werden über die Rinderbörse verkauft. Hauptabnehmer ist der Schlachtbetrieb Großfurtner aus dem Nachbarbezirk.

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„Die Milch ist das Steckenpferd meines Vaters. Die damit verbundene Arbeit erledigt er zu hundert Prozent“, lacht Alois Selker. „Aber in unserem klassischen Familienbetrieb hilft auch meine Mutter Marianne noch mit und meine Frau Gerti“. Und deshalb kann der Landwirtschaftsmeister wirklich gut lachen, wenn man bedenkt, was er sonst noch um die Ohren hat: Geschäftsführer der Pramoleum eGen (www.pramoleum.at ), Obmann von „Wie’s Innviertel schmeckt“, einem Zusammenschluss von 16 Direktvermarktern, aktives Mitglied bei „Genussland Oberösterreich“, ebenfalls eine Vernetzung von Direktvermarktern, und, und, und. Zudem betreibt seine Schwester Maria mit Unterstützung der Mutter auf dem Hof eine Naturheilpraxis („Seele im Mittelpunkt“). Wenn das keine aktive Familie ist! Und auf vier Standbeinen so gut wie möglich abgesichert: Milchvieh, Stiermast, Pramoleum eGmbH und seit 2014 die Wiesenhühner.

Auf den Ölkürbis ist Alois Selker 2009 gestoßen, als er ein regionales Eiweißfuttermittel für seine Rinder suchte. In Frage kamen Presskuchen von Raps oder Ölkürbis. „Ich habe eine Reihe von Kürbisbetrieben angerufen, aber keiner hatte Presskuchen zu verkaufen“, erzählt er. „Also überlegte ich, selbst Kürbisse anzubauen, schreckte aber vor den hohen Kosten für Maschinen, Waschanlage und Trocknung zurück. Ein Kollege aus dem Nachbarort wusste von ersten Versuchen, Anbau und Ernte per Hand, alles noch in den Kinderschuhen. Ich rief dort an und so entstand Mitte Jänner 2010 der erste Kontakt“.

Mit vier Partnern Pramoleum gestartet

Schnell fanden sich die vier Mitstreiter, die heute noch aktiv mitmachen: Schweinemäster Walter Etzl, Schweinemäster und Ackerbauer Alois Mayr sowie Erich Bangerl (Senior) und Matthias Bangerl mit Spezialkulturen wie Samenvermehrung von Gräsern und Blumen. Am 22. November 2010 haben sie sich als Genossenschaft ins Firmenbuch eingetragen. Zum Start wurde es als Leader-Projekt gefördert, das heißt, es gab in drei Jahre lang Fördergeld für Personal und Investitionen. Der Name Pramoleum ist aus dem des heimischen Flüsschens Pram sowie der lateinischen Bezeichnung für Öl, Oleum, entstanden.

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Um die Führung der Kultur Ölkürbis zu erlernen, sind die fünf Betriebsleiter mehrmals in das Ölkürbismekka Steiermark gefahren, haben dort Betriebe besucht und mit Betreibern von Ölmühlen gesprochen. „Das ging von der Bodenbeschaffenheit über Fruchtfolge und Saatbettbereitung, Ablagetiefe, Abwehr von Schnecken bis hin zu Ernte, Trocknung und Vermarktung“, erinnert sich Selker. „Wir haben dann in unserer Satzung festgelegt, dass Ölkürbis nur alle vier Jahre auf der gleichen Fläche angebaut werden darf, weil er nicht selbstverträglich ist, und dass für uns ein striktes Verbot von Klärschlamm gilt“.

So haben sie angefangen, in Oberösterreich Ölkürbisse zu produzieren. Auf jungfräulichen Böden, deshalb sei bis jetzt der Krankheitsdruck noch sehr gering und der Ertrag sehr gut. „Inzwischen haben wir auch Anbauverträge mit etwa 100 anderen Landwirten in Oberösterreich und in Bayern, sodass heuer etwa 200 ha Ölkürbisse zur Ernte anstehen“, sagt Selker. „Dazu kommen Mohn, Kümmel, Amaranth, Quinoa, Raps und Buchweizen im Vertragsanbau.“
So ist die Pramoleum eGen inzwischen ein beachtliches Unternehmen, das organisiert und geführt werden muss. „Wir fünf Partner haben uns die Arbeit aufgeteilt, wobei ich als Geschäftsführer zusammen mit Erich und Matthias Bangerl am meisten operativ tätig bin. Sie haben durch ihre Spezialkulturen das Know-How über Reinigung, Trocknung und die Aufbereitung von Rohstoffen aus Sonderkulturen und die entsprechenden Anlagen auf ihren Betrieben. Wir organisieren zum Beispiel auch den Einsatz der Maschinen bei Anbau und Ernte“, erklärt Selker. Die Sämaschine hat Alois Mayr, den Kürbisernter und die Waschmaschine Matthias Bangerl. Zwei Halbtagskräfte, Gerti Selker und Anita Lang, erledigen die Arbeit im Büro im Schloss Sigharting, verkaufen im Firmenladen und verschicken die Pramoleumprodukte, die per Onlineshop geordert wurden.

Goldmedaillen für Spitzenqualität

Die Kürbiskerne werden nach der Ernte gewaschen, getrocknet und in Big-Bags kühl gelagert. Je nach Ölbedarf werden sie zum Pressen in die Steiermark gebracht und das Kernöl in 1000-Liter-Containern auf den Betrieb Selker gefahren, wo sie Gerti Selker für Pramoleum nach IFS-Standard in Flaschen abfüllt (0,1 und 0,2 l, 0,5 und 1 l) weiter in Bag-in-Box-Verpackungen mit 3 und 5 l. Diese Verpackung würde immer beliebter und damit habe Pramoleum die Listung bei der Metro Österreich geschafft.
Überwiegend werden Kernöl und Kerne an Gastwirte und Lebensmittelgeschäfte verkauft, vom Sighartinger Schlosswirt bis zu Spar und Rewe, an Bäcker und Industriebetriebe. Die Rieder Brauerei bekommt Kürbiskerne für ihr Kürbiskernbier. Dabei ist der Wettbewerb durch Importe aus China und Osteuropa stärker geworden. Das bekommt auch Pramoleum zu spüren, wie Alois Selker zugibt. „Aber mit unserem regionalen Anbau und unserer transparenten Struktur haben wir gute Verkaufsargumente“, sagt er.

Vor allem hätten die Pramolem-Partner von Anfang an nach der Devise „ehrlich, nachhaltig, naturverbunden“ gearbeitet und Wert gelegt auf Premiumqualität. Goldmedaillen von Wettbewerben der Messe in Wieselburg und vom International Oil-Contest der AVPA in Paris sowie ein Siegerpreis im Genuss-Magazin hätten ihre Spitzenqualität bewiesen. Die wichtigsten Qualitätsmerkmale des reinen, unbelasteten Kernöls wie Farbe, Geruch und Geschmack müssten eben stimmen. Nicht zuletzt seien deswegen Starköche wie Mike Süsser und Viktoria Stranzinger auf die Pramoleumprodukte aufmerksam geworden und setzten diese mit Begeisterung in ihren Kochschulen ein. Ganz wichtig sei aber zudem die regionale Vernetzung mit Direktvermarktern. Deshalb ist Alois Selker in Vereinigungen wie „Wie’s im Innviertel schmeckt“ und „Genussland Österreich“ aktiv.

Die Welser Messe zeigt, wie Betriebe gute Ideen umsetzen

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Die Landwirtschaftskammern und Ländlichen Fortbildungsinstitute Österreichs haben mit „Mein Hof – Mein Weg“ eine bundesweite Innovationsoffensive gestartet (www.meinHof-meinWeg.at). Der Beauftragte für Oberösterreich ist Bernhard Brait von der Abteilung Bildung und Beratung beim Unternehmerservice der Landwirtschaftskammer (LK) Oberösterreich in Linz. „Wir wollen aufzeigen, dass Landwirtschaft mehr ist als Milch und Ackerbau, Sau und Stier und Fleischproduktion. Wir versuchen Bauern zu unterstützen, die etwas Neues anfangen wollen“.

„Wir beraten gern bei fachlichen und rechtlichen Problemen, bei der Vermarktung sowie beim Einstieg in gewerbliche Tätigkeiten am Hof“, erklärt er beim Gespräch auf dem Hof von Familie Selker. „Wir wollen der Ansprechpartner sein für alle möglichen und unmöglichen Dinge, für die Berater im Tagesgeschäft der Bezirksstellen oft nicht mehr die Zeit haben“.

Das Spezialgebiet Braits ist die Innovations- und Grundberatung. So ist er die Anlaufstelle für alle Betriebsleiter mit neuen Ideen. Um zu zeigen, wie viel neue und wie unterschiedliche Aktivitäten es allein in Oberösterreich gibt, hat er mit Kollegen des LK-Unternehmerservice heuer auf der Welser Messe vom 6. bis 9. September einen Marktplatz der Ideen organisiert. „An unserem Stand wollen wir am Beispiel von 20 Betrieben zeigen, was diese in den letzten Jahren verwirklicht haben“, sagt Brait. Alle seien spontan bereit gewesen mitzumachen.

So werden auch Alois und Gerti Selker aus Sigharting am Stand der LK auf der Messe sein und über ihren mobilen Hühnerstall (www.kalimero.at ) sowie den Ölkürbisanbau und die Vermarktung (www.pramoleum.at ) berichten. Weiters stellt die Familie Hebesberger aus Nussbach (Bezirk Kirchdorf) ihre Weidegänse vor und die Familie Klinger aus Lochen (Bezirk Braunau) ihr Landcafe. Als Beispiel für die Umwandlung in einen Gewerbebetrieb nennt Bernhard Brait den Bauern und Koch Christoph Gallner, der zusammen mit seinem nichtlandwirtschaftlichen Partner Ernst Maybäurl in Niederneukirchen im Bezirk Linz Land die Gernekoch GmbH gegründet hat und jetzt innovatives Essen ohne Konservierungsstoffe in praktischen Gläsern anbietet. Den habe er steuerlich und rechtlich beraten.

Bei seiner Beratung von Bauern, die gern eine Idee verwirklichen möchten, geht Bernhard Brait manchmal auch unkonventionelle Wege. So frage er nicht sofort nach einer Rentabilitätsberechnung, Bilanz oder Steuererklärung, sondern schaue sich die Leute genau an. Auch mögliche Fördermittel stünden bei ihm nicht im Vordergrund: „Die Förderung soll eine Starthilfe sein, eine Hilfe bei der Umsetzung, aber nie der Auslöser für eine Umstellung oder Neuanschaffung“. Er sei überzeugt, dass sich Gerti Selker ihren mobilen Hühnerstall auch ohne die Unterstützung durch das Investitionsförderprogramm angeschafft hätte.

Bernhard Brait weist darauf hin, dass kein Produkt sofort gut gehe. Jeder, der einen neuen Weg einschlage, brauche einen ungeheuer langen Atem, müsse Rückschläge einkalkulieren und Lehrgeld bezahlen. „Das machen wir den Leuten, die zu uns kommen, immer wieder klar“, betont er.

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