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Betriebskonzepte

Auf genussvolle Vielfalt umgestellt

Theurer_Team_B
Patrizia Schallert
am
08.11.2018

Am Ackerbaubetrieb Theurer wachsen Nüsse und Ginko als neue Standbeine

Theurer_Hofladen_B

Raabs an der Thaya/NÖ Haselnüsse ab Hof und Ginkgo für die Pharmaindustrie. Auf dem Betrieb der Familie Theurer in Raabs an der Thaya lässt sich erkennen, wie auch in der Landwirtschaft alte Denkmuster aufbrechen und innovativen Ideen Platz machen. Während Vater Herbert Theurer mit der Umstellung seines Ackerbaubetriebs auf den ökologischen Landbau beschäftigt ist, hat Sohn Matthias eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Vor zehn Jahren pflanzte er seine ersten Haselnussbäume und vor sieben Jahren seine ersten Ginkgobäume. Heute produziert er in einem guten Jahr mehr als 1000 kg Nüsse/ha und etliche kg Ginkgoblätter.

„Wer Haselnüsse anbaut, braucht einen langen Atem und viel Geduld“, sagt Jungbauer Matthias Theurer. Nachdem er 2008 auf 3,5 ha insgesamt 2400 Haselnussbäume gepflanzt hatte, dauerte es fünf Jahre, bis sie zum ersten Mal Früchte trugen. Auch in den folgenden Jahren war der Ertrag mit 200 bis 300 kg/ha eher dürftig, erst 2016 hatte der landwirtschaftliche Facharbeiter endlich sein großes Erfolgserlebnis: Die Haselnussbäume lieferten einen Hektarertrag von 1000 kg. „Das war ein tolles Gefühl.“

Hoffen auf das nächste Jahr

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Nach dem Erfolg kam aber schon im folgenden Jahr der nächste Nackenschlag in Form eines Totalausfalls. Den Bäumen hatten die Spätfröste im Frühjahr und der trockene Sommer trotz intensiver Bewässerung schwer zu schaffen gemacht. „Das war bitter, weil wir unsere Kunden auf das nächste Jahr vertrösten mussten.“ Auch heuer war die Ernte schmal. „Offenbar ist die Befruchtung nicht so recht gelungen. An den Bäumen hängen zwar viele Nüsse, aber die meisten sind hohl oder die Frucht vertrocknet wie eine Rosine. Jetzt kann ich nur hoffen, dass es im kommenden Jahr klappt.“

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Schädlinge in seinen Haselnussbeständen hat Theurer derzeit kaum zu beklagen. Der Haselnussbohrer ist zwar da, muss aber noch nicht behandelt werden. „Die Population wird jedoch sicher zunehmen, sodass wir ihn dann wohl bekämpfen müssen.“ Chemische Pflanzenschutz- und Düngemittel setzt der Landwirt in seinen Haselnussplantagen nicht ein, nur gelegentlich Kompost. Das Unkraut und Gras zwischen den Bäumen wird ausgemäht. Der Einsatz von Schafen oder Hühnern wäre zwar einfacher, sagt Theurer, „aber ich habe mit diesen Tieren einfach nichts am Hut.“ Wie dem auch sei, die Flächen unter den Bäumen müssen frei sein, da die Haselnuss-Erntemaschine ähnlich wie eine Kehrmaschine bodennah arbeitet.

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Nach der Ernte werden die Nüsse auf dem „geNUSShof Theurer“ mit Maschinen der Marke „Eigenbau“ gewaschen und bei maximal 40 °C zehn Tage lang getrocknet. Danach knackt und sortiert eine Spezialmaschine die Nüsse in die Größen 15 bis 22 mm und größer. Die Lagerung der Nüsse muss lichtgeschützt und trocken erfolgen, weshalb sie nach der Sortierung in großen Plastikboxen landen. „Geknackt und in Sackerln abgepackt werden sie auf Bestellung immer frisch“, erklärt Theurer. Der Verkauf erfolgt ausschließlich an Privatpersonen, die ihre gewünschte Nussmenge entweder telefonisch oder über die Webseite der Familie ordern.

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Eine innovative Idee kam Theurer vor zwei Jahren. „Unsere bewährten Sorten wie die Rotblättrige Zellernuss, die Corabelle und die Merville treiben immer viele Wassertriebe aus, die mit hohem Arbeitsaufwand händisch entfernt werden müssen. Die Baumhasel dagegen bildet kaum Triebe und dafür einen schönen Stamm. Außerdem wurzelt sie tiefer – ein Vorteil im Klimawandel mit seinen zunehmenden Trockenperioden.“ Anfangs sei die Idee einer Veredelung der Bäume, auf die Theurer im Internet gestoßen war, nur eine Spinnerei gewesen. „Schließlich habe ich dann aber doch Kontakt mit der Baumschule Haas & Haas in Zwingendorf aufgenommen. Dort wurden zwar bislang nur Walnussbäume veredelt. Die Unternehmer waren aber von der Idee, es auch mit der Baumhasel zu versuchen, sofort fasziniert.

Optimistisch trotz hoher Investition

Und so veredelte die Baumschule Ende 2016 rund 1500 Bäume für die Familie Theurer, die sie zu Pfingsten 2017 auf 3 ha anpflanzten. Die Kosten beliefen sich auf 20 € pro Stück und damit auf 10 000 €/ha. Hinzu kam eine Bewässerungsanlage für 20 000 €. Dafür schlug Theurer eigens einen 60 m tiefen Brunnen. Trotz der hohen Investitionskosten ist der Jungbauer guter Dinge. „Weil wir die Haselnüsse direkt ab Hof ohne Zwischenhandel für 16 €/kg verkaufen, benötigen wir nur ein ertragreiches Jahr, um die Investition zu amortisieren.“ Bis es soweit ist, ist Geduld gefragt. Die Bäume müssen erst einmal richtig tragen. Theurer rechnet für seine neugepflanzte Anlage mit einer Nutzungsdauer von 30 bis 40 Jahren.

Um seine Erfahrungen an Berufskollegen weiterzugeben, hat der Landwirt auf einem halben Hektar einen Versuchs- und Schaugarten mit rund 20 verschiedenen Haselnusssorten angelegt, der nicht nur bei Berufskollegen, sondern auch bei der Bevölkerung auf großes Interesse stößt. Für die Familie Theurer ist der Schaugarten ebenfalls ein Gewinn. Sie können die Eigenschaften der verschiedenen Nüsse beobachten, wie sie sich entwickeln und sich knacken lassen. „Und in 20 Jahren kommen wir dann darauf, welche Nuss wir hätten anbauen sollen“, scherzt der 32-Jährige. Zusätzlich zu den Haselnussanlagen wurden vor acht Jahren auf einem halben Hektar 50 Walnussbäume gepflanzt. Um den Bekanntheitsgrad der in Niederösterreich angebauten Haselnüsse zu steigern, hat Matthias Theurer gemeinsam mit vier Berufskollegen den Verein „Waldviertler Haselnüsse“ (WaHa) gegründet (siehe Infokasten).
Ein weiteres Betriebsstandbein des Jungbauern, der 2016 von seinen Eltern 36 der 100 ha betrieblicher Nutzfläche übernommen hat, ist der Anbau von Ginkgobäumen. Sie sind der Grund, warum Matthias Theurer, anders als sein Vater Herbert, nicht auf den ökologischen Landbau umstellen kann. „Der Ginkgo braucht nämlich mehr Pflanzenschutz und Mineraldünger, als sich mit dem Ökolandbau vereinbaren lässt. Außerdem müssen die Flächen zwischen den Baumreihen absolut unkrautfrei gehalten werden, damit bei der Ernte der Blätter keine Fremdstoffe hineinkommen, die die Inhaltsstoffe der Ginkgoblätter verändern würden.“ Den Anstoß für den Ginkgo-Anbau gab die „Waldland Naturstoffe GmbH“ in Oberwaltenreith.
Der Waldlandhof, der unter anderem Arznei- und Gewürzpflanzen veredelt und vermarktet, hatte vor sieben Jahren ein Ginkgo-Projekt gestartet. „Ich war sofort begeistert und bin mit eingestiegen.“ Theurer erledigt den Pflanzenschutz und die Düngung, bis die Pflanze einen Meter hoch ist. Wenn der Ginkgobaum drei Jahre alt ist, werden erstmals die Blätter im Spätsommer geerntet, in der Folge jedes Jahr. Die Ernte wird von Waldland mit einer Baumwollerntemaschine durchgeführt. Den Transport zur Firma, wo die Trocknung und Weiterverarbeitung erfolgt, erledigt Theurer selbst. „Ginkgobäume sind sehr dankbar. Wenn der Bestand einmal schön dasteht, ist er im Vergleich zur Haselnuss nicht mehr wirklich arbeitsintensiv.“
Trotz der getrennten Betriebe arbeitet die gesamte Familie Hand in Hand und jeder packt an, wo gerade Not am Mann ist. In dem 2015 eröffneten Hofladen werden Haselnüsse mit und ohne Schale, Haselnussbruch, Haselnussöl und -geist, Haselnussmehl und Haselnussnudeln verkauft. Ganz neu im Verkaufsregal und das Highlight unter den Produkten ist die „Theuratella“, ein Aufstrich aus heimischen Rohstoffen wie gemahlenen Haselnüssen und kaltgepresstem Sonnenblumenöl, UTZ-zertifizierter Kakaobutter und Kakaopulver. Die Stiftung UTZ mit Sitz in Amsterdam vergibt ihr Siegel nur an Farmer, die eine nachhaltige Anbaumethode und faire Arbeitsbedingungen bieten, weder Kinder- noch Zwangsarbeiter einsetzen. Wer ein Siegel erhält, darf damit ein Jahr auf seinen Verpackungen werben.
„Unsere Haselnüsse sind zwar nicht biozertifiziert, aber absolut ökologisch“, erklärt Matthias Theurer. Gleichwohl hält er sich die Option für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln offen, falls der Haselnussbohrer einmal überhand nehmen sollte. „Für einen Ökobetrieb wäre das nicht möglich.“ Patrizia Schallert

Betriebsspiegel

Familie: Herbert (54), Rita (53), Matthias (32), Daniela (34), Manuel (4), Lina (2).

Flächen: 100 ha, davon 64 in der Umstellungsphase zum ökologischen Landbau (Herbert) mit dem Anbau verschiedener Getreidesorten, Ackerbohnen und Roggen, geplant ist Dinkel. 2019 erfolgt die erste Bio-Ernte. 36 ha konventionell bewirtschaftet von Matthias, Anbau von 7 ha Haselnussbäumen, 14 ha Ginkgo, 3 ha Raps, 0,5 ha Kümmel, 0,5 ha Walnussbäume, in der Fruchtfolge Weizen und Gerste.

Vermarktung: Haselnüsse ab Hof, Ginkgo als Vertragsanbau für die Firma Waldland in Oberwaltenreith. SP

Seit acht Jahren Haselnussanbau im Waldviertel

Das Kürzel „WaHa“ steht nicht nur für Waldviertler Haselnüsse, sondern auch für einen Verein, der vor acht Jahren von drei konventionellen und zwei Biobauern gegründet wurde. „Anfangs wurden wir noch belächelt, aber unser Erfolg ließ die Kritiker bald verstummen“, sagt Vereinsobmann Matthias Theurer. Das trockene und frische Klima des Waldviertels kommt den Haselnüssen sehr entgegen, sodass sie einen intensiven Geschmack entwickeln. Die Haselnussanbaufläche der Vereinsmitglieder beläuft sich derzeit auf insgesamt 20 ha. Die Vermarktung der Produkte übernehmen die Betriebe jeweils selbst, aber die Verkaufspreise sind bei allen gleich.

Begonnen hatte die Zusammenarbeit der fünf Waldviertler Landwirte schon etliche Jahre vor der Vereinsgründung. 2006 erfuhren sie über eine Infoveranstaltung der Bezirksbauernkammer erstmals von der Möglichkeit des Haselnussanbaus in Niederösterreich. Ein Jahr später ließen sie sich auf das Abenteuer ein und bestellten Haselbäume aus Deutschland. „Es dauerte ein Jahr, bis wir endlich alle Pflanzen beisammen hatten und jeder von uns damit 2 bis 3,5 Hektar bestückte“, erinnert sich Theurer.

Mit der Vereinsgründung verfolgten die fünf Haselnussanbauer mehrere Ziele. Zum einen verteilten sich die Kosten für die gemeinsame Erntemaschine auf fünf Betriebe, zum anderen versprach ein gemeinsames Marketing einen besseren wirtschaftlichen Erfolg. „Eine gemeinsame Preispolitik ist das A und O, um sich nicht gegenseitig in die Quere zu kommen und dadurch den Preis zu ruinieren“, betont Theurer. „Außerdem können wir unsere Erfahrungen miteinander austauschen, was umso wichtiger ist, als es über den Haselnussanbau kaum Literatur gibt.“

Die Zusammenarbeit im Verein läuft hervorragend, weitere aktive Mitglieder sind willkommen. „In Österreich tendiert der Selbstversorgungsgrad bei Haselnüssen gegen Null,“ so Theurer. Es müsse sich also kein potenzieller Anbauer Sorgen machen, dass der Markt in naher Zukunft überschwemmt werden könnte, zumal die Verbraucher die regionale Qualität sehr zu schätzen wüssten.

Für den Junglandwirt ist der Haselnussanbau mit Blick auf das hohe Ertragsrisiko eine spannende Sache. „Aber es geht im Leben nicht nur um Profit. Natürlich muss auch ein Landwirt wirtschaftlich denken, aber er sollte vor allem seinem Bauchgefühl folgen. Wer seine Arbeit mit Liebe und Hingabe macht, wird auch belohnt“ – fallweise mit einer guten Haselnussernte. SP

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