Login
Marktnischen

Einen guten Riecher für ihre Kräuter

Manuela Pürmair
Walter Neugebauer
am
08.07.2019

Die sind kräuternarrisch, die Hirschbacher. Das denkt sicher mancher, der erstmals unvoreingenommen in die Mühlviertler 1200-Seelen-Gemeinde kommt.

Hirschbach/OÖ In und um Hirschbach dreht sich alles um Minze, Melisse, Brennnessel und Co. Direkt unterhalb der spätgotischen Marienkirche liegen der Kräuterbäcker und der Kräutermetzger. Weiter unten am Bach lädt das Seminarhaus Kräuterstadel ein, das vom Verein Kräuterkraftquelle betreut wird. Vor dem Haus eine Kräuterpyramide. Auf dem Kräuterwanderweg Herbalix kann man diese Pflanzen erleben und sie dann anschließend beim Kräuterwirt im Ortsteil Guttenbrunn auf dem Teller wieder entdecken.

Kräuter riechen
und genießen

Wiesinger Kräutergarten
In der Kräuterei, dem Werksladen der Österreichischen Bergkräutergenossenschaft eGen im Ortsteil Thierberg (www.bergkraeuter.at), kann der Gast weiter probieren und einkaufen oder einfach nur dieses duftende Kräuterparadies genießen. Oder er schaut bei einem der zahlreichen Kräuterbauern vorbei, die an die Genossenschaft liefern. Und wer noch mehr über Kräuter wissen will, der bucht eine Führung oder einen Kurs bei einer der zehn Hirschbacher Kräuterpädagoginnen (kurse@kraeuterkraftquelle.at) oder der Kräuterhexe.
Kräuter markieren auch den Jahresverlauf in Hirschbach, dem Hauptort der österreichischen Genussregion Mühlviertler Bergkräuter. So wird die Kräutersaison jedes Jahr Anfang Mai mit dem Genuss-Kräuter-Markt eröffnet. Über 100 verschiedene Kräutersorten waren heuer dort zu sehen und Kräuterpädagoginnen berieten die Besucher bei der Auswahl und informierten über die Anwendung. Auch beim Genuss-Kräuter-Kirtag, der alle zwei Jahre stattfindet, dreht sich alles um Kräuter. Dazu kommen Sonderausstellungen im Bauernmöbel-Museum und viele Veranstaltungen der zahlreichen Vereine.
Die Bauern und Gewerbetreibenden wie Bäcker, Metzger und Gastwirte sind voll in das Kräuterprogramm eingebunden. Hofbrenner, die Kräuter- und Wildfruchtbrände, Liköre und Kräutersäfte herstellen, sowie die Kräuterei laden zur Verkostung und Betriebsbesichtigung ein. Und wer nicht wandert, der kann sich mit der Pferdekutsche durch die hügelige Landschaft zu den kulinarischen Leckerbissen fahren lassen. Im Neubaugebiet Hirschbachs gibt es inzwischen auch einen Lavendel- und einen Melissenweg.
Die neueste Attraktion, die Stefan Wiesinger (63) als ehemaliger Bürgermeister noch mit organisiert hat, ist der Natur- und Erlebnisweg Herbalix mit 16 Stationen „für Körper und Geist“ auf 2,5 km. „Damit wollen wir den Menschen wieder die Kreisläufe der Natur bewusst machen und sie die Kraft der Natur und der Kräuter spüren lassen“, erklärt er.
An jeder Station laden Infotafeln den Besucher ein, spielerisch leichte Übungen für Körper, Geist, Herz und Seele zu machen. Außerdem gibt es ein Rätsel zu knacken. Das kommt gut an. Das alles trägt dazu bei, dass immer mehr Touristen nach Hirschbach kommen, jeder ein paar Euro da lässt und der Kräuterort immer mehr Bekanntheit erlangt.
Schön ist, dass viele Hirschbacher aktiv mitmachen. Zum Beispiel Manuela Pürmair vom Biohof Abraham, deren Schafskäse gern gekauft wird und die im Verein Kräuterkraftquelle Hirschbach aktiv ist. Sie ist eine der Kräuterpädagoginnen des Ortes und betreut mit ihrer Schwiegermutter Erika Freudenthaler den Kräutergarten am Erlebnisweg Herbalix in der Nähe des Hofes.
Hat eine ihrer Kolleginnen mit einer Gruppe den Kräutergarten besichtigt, dann kehrt man am Abrahamhof ein und lässt sich im Innenhof eine Pizza backen. Die kann jeder vorher selbst belegen, mit Kräutern und Schafskäse, versteht sich. Dazu gibt es selbst gebrautes Bier. „Auch Bustouristen kommen, um den Betrieb zu besichtigen und Käse zu verkosten“, sagt die rührige Bäuerin. „Diese Gruppen führe ich dann auch in den Kräutergarten und erkläre ihnen die Wichtigsten der über 130 Pflanzen, die hier wachsen.“

Mit den Kräutern das Einkommen gesichert

Was dem einen oder anderen Besucher Hirschbachs jetzt wie das Gesamtwerk einer grünen Werbeagentur vorkommen mag, hat sich in Wirklichkeit langsam entwickelt, wurde aus der Not heraus geboren. Stefan Wiesinger kann ein Lied davon singen, denn er war der Motor dieser Kräuterbewegung.
„Viele Bauern aus unserer klein- strukturierten Gegend konnten Ende der 1980er-Jahre allein mit dem Einkommen aus der Viehwirtschaft nicht mehr überleben. Deshalb haben wir versucht, aus unserer Situation des Beste zu machen, unseren natürlichen Kräuterreichtum zu nutzen und damit unsere kleinen Flächen in der noch intakten Natur intensiver zu bewirtschaften“, schildert Initiator Wiesinger die Ausgangslage. „So haben wir vor rund 30 Jahren die Österreichische Berg- kräutergenossenschaft gegründet, um mit dem Anbau und dem Verkauf von Kräutern aus kontrolliertem biologischem Anbau den Weiterbestand unserer Betriebe zu sichern. Wir hatten damals wohl wirklich einen guten Riecher.“
Auch interessant