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Arbeitsplanung

Imkern ist nicht nur Honigschlecken

Das Füttern ist eine der wichtigsten Aufgaben des Imkers
Externer Autor
am
30.11.2018

Knapp 450 Bienenvölker bewirtschaftet die Gebirgsimkerei von Achim Schneider im vorarlbergischen Kleinwalsertal. Der Familienbetrieb kämpft speziell im Frühsommer mit einer hohen Arbeitsbelastung.

FM_Mittelwände

Es ist der erste wirklich kalte Tag in diesem Jahr. Ungemütlich pfeift der Wind durchs Tal, während wir am Horizont in den Bergen den ersten Schnee der Saison vor Augen haben. Achim Schneider ist gerade dabei, den Futtervorrat seiner Bienenvölker zu kontrollieren. Die Tröge sind gut gefüllt. Das Auffüttern kann er sich bei den meisten Völkern demnach sparen – die Bienen stellen sich bereits auf die Winterruhe ein und haben nur noch wenig Bedarf. Sie haben sich ihre Winterruhe aber auch verdient. Immerhin haben sie der Gebirgsimkerei aus Riezlern im Kleinwalsertal heuer eine gute Ernte beschert.

Rasant vom Hobby zum Berufsimker

FM_Kontrolle
Dass Schneider überhaupt in die Bienenhaltung einsteigt, danach sah es trotz früher Anfänge lange nicht aus. „Ich habe schon als Fünfjähriger Bienen mit Zuckerwasser angelockt und wollte sie mit Plastiktüten einfangen um ein Volk zu gründen“, erinnert sich sich der 43-Jährige heute. Doch im Elternhaus, wo man die Landwirtschaft längst aufgegeben hatte, stieß er damit nicht auf Gegenliebe.
FM_Gebirgsimkerei
Fast 20 Jahre später war er gelernter Elektroinstallateur und landesweit für Volksbanken als IT-Spezialist tätig. Trotz aller Technikbegeisterung – die Biene ließ ihn nicht los. „Ich war dann 24, als ich mir am Haus einen Freiständer gebaut und am 28. April 1999 mit den ersten sieben Völkern begonnen habe.“ 25 Völker hat er am Ende des selben Jahres eingewintert. Dann hat sich seine Zucht in rasantem Tempo weiterentwickelt. Heute – wiederum 20 Jahre später – sind es rund 450 Völker.
FM_Produkte
Dabei war lange nicht klar, ob er sich wirklich damit selbstständig machen möchte: „Man hängt schon von sehr vielen Faktoren ab und weiß in keinem Jahr, was dazwischenkommt und ob es reicht. Alles in allem war mir lange Zeit das Risiko zu hoch und ich habe 200 Völker neben der Arbeit her bewirtschaftet – das meiste davon bei Nacht.“ Auch der einjährige Lehrgang zum Facharbeiter für Bienenzucht an der Landeslehranstalt in Imst absolvierte er in den Jahren 2001/2002 berufsbegleitend.
FM_Technik
Letztendlich reizte ihn aber doch die Herausforderung: „Vor zehn Jahren habe ich mich dann doch selbstständig gemacht.“ Seine Carnica-Völker stehen heute an mehreren Standorten im Kleinwalsertal sowie im wenige Kilometer entfernten Deutschland.

Vorsicht vor Kälteeinbrüchen

Im Hochsommer wandert der Imker dabei für drei bis vier Wochen auch mal auf bis zu 1700 m über Meereshöhe. „Normalerweise sind wir auf höchstens 1500 m – darüber hinaus muss man auch im Hochsommer auf Kälteeinbrüche aufpassen, bei denen die Bienen binnen zwei Tagen sterben können.“ Dennoch lohnt sich das Risiko in einzelnen Jahren – denn mit dem Alpenrosenhonig versucht Schneider, ein exklusives Produkt zu gewinnen. „Damit wir eine Ernte bekommen, müssen aber viele Faktoren zusammenpassen – das ist uns in all den Jahren erst dreimal gelungen.“
„Generell haben wir in unserer Höhenlage eine sehr kurze Vegetationszeit – nach acht Monaten Winter muss im Frühjahr alles sehr schnell passieren“, weiß der erfahrene Bienenexperte. „Wir haben höchstens zwei Ernten, meistens nur eine.“ Im 10-Jahresvergleich erntet er jährlich rund 18 bis 20 kg Honig je Wirtschaftsvolk. „Von absoluten Spitzen bis Totalausfall ist da alles dabei.“ Im Mittel über alle 400 Völker – also auch den Nachzuchten, reduziert sich die Jahresleistung auf durchschnittlich 12 kg je Volk.

Exklusiver Alpenrosenhonig

Neben der klassischen Gebirgsblüte und dem exklusiven Alpenrosenhonig, hofft er im weiteren Jahresverlauf auf den Waldhonig, der in dieser Höhenlage aber auch nicht immer einsetzt. Während der Hauptsaison von April bis Ende Juli sind Arbeitstage mit 14 bis 16 Stunden die Regel – freie Tage gibt es in dieser Zeit keine. Er schafft es, täglich rund 80 Völker zu betreuen. Dabei hat er durch das Heben der schweren Kästen jeden Tag ein Gewicht von bis zu 5 t in den Händen. „Maschinen können wir durch die Hanglagen im Gelände eigentlich fast nirgends einsetzen“, erklärt er die Nachteile seines Standortes.
Entlastet wird er aber tatkräftig von seiner Frau Judith sowie seiner zwölfjährigen Tochter Johanna, die sich bereits viel um den Verkauf kümmert und seinem achtjährigen Sohn Max, der bei den Bienen mit anpackt. So auch beim Füttern, wenn ihm sein Vater zeigt, worauf es bei der Gabe des Zuckerwassers ankommt und welche Mengen die Bienenvölker benötigen. „Normal füttern wir ab Ende Juli zu. Die Bauern haben heuer aber statt zweimal dreimal gemäht, und wir mussten entsprechend wegen Futtermangel schon ab Mitte Juni zufüttern.“
Auch die Dauer der Zufütterung ist durch den milden Herbst ungewöhnlich: „Normal ist das Füttern Mitte September abgeschlossen, in diesem Jahr geht es einen ganzen Monat länger.“ Als Nahrungsquelle dürfen sie sowohl den eigenen Honig im Brutraum behalten und bekommen zusätzlich Zuckerwasser aus Rübenzucker. Von der 1:1 mit Wasser angerührten Zuckerlösung verfütterte Schneider in diesem Jahr 22 t. Inklusive Transport und Steuer muss er dabei mit 500 bis 560 € je t Zucker rechnen.

Ruhige Carnica für wandernde Touristen

Bei der Zucht achtet er gezielt auf den klassischen Carnica-Typ: „Die müssen sanftmütig sein und dürfen nicht gleich auffliegen, sobald man den Stock öffnet. Der ruhige Charakter ist für uns auch wichtig, weil wir viele Völker in der Nähe von Wanderwegen stehen haben und da viele Touristen vorbeikommen. Ohnehin sind ruhige Völker auch einfach schneller zu bewirtschaften.“ Daneben zählt auch die Honigleistung: „Das ist mir aber nicht das Wichtigste. Wenn es honigt, bringt auch die Carnica genug Honig heim.“ 400 Königinnen braucht Schneider jährlich, um seinen eigenen Bedarf zu decken, rund 150 davon kauft er zur Genetikauffrischung und für den Zuchtfortschritt pro Saison zu.
Gehalten werden die Völker im Herold-Magazin mit Platz für je zehn Rähmchen pro Kasten im Kaltbau. Für den Berufsimker bietet das System viele Vorteile: „Durch das Nut- und Feder-System kann man die Kästen bei der Kippkontrolle prima bewegen, ohne dass etwas rutscht, – das gilt auch für den Transport.“ Die robusten Kästen seien zudem aus naturbelassener Fichte gefertigt und damit so naturnah wie möglich. „Kunststoff kommt für mich nicht infrage – ich will lieber einen regionalen Baustoff.“ Mit rund 140 bis 160 € muss man bei der Anschaffung eines voll ausgerüsteten Bienenstocks rechnen – ohne Bienenvolk.
Um den Bienen eine Starthilfe zum Wabenbau zu geben, fertigt Schneider auch die sogenannten Mittelwände selbst. Die stolze Menge von 4000 solcher Wachsplatten benötigt er für den Eigenbedarf. Dafür investierte er zuletzt in eine Maschine zur vollautomatischen Herstellung von Mittelwänden. Bis zu 150 kg Wachs aus dem betriebseigenen Wachskreislauf kann er damit pro Tag umarbeiten. Damit kann er sich selbst sicher sein, dass sich in seinem Wachs keine Fremdstoffe wie Pflanzenschutzmittel oder Stearin und Paraffin finden, wie sie von der Industrie mit untergemischt werden. Das Herstellen von Mittelwänden bietet er inzwischen zusätzlich als Dienstleistung an – auch schon für Kleinmengen. Auch das Einziehen der Mittelwände in die Rähmchen macht Schneider selbst. Dafür hat er sich eine Apparatur gebaut, über die er kurz eine Spannung auf die Spanndrähte der Rähmchen gibt und damit die Mittelwände festschmilzt.

Der Endverbraucher denkt um

Auch die Vermarktung hat Schneider inzwischen komplett in die eigene Hand genommen: „Anfangs haben wir den Honig an Wiederverkäufer im Tal gegeben. Inzwischen verkaufen wir alles selbst direkt im eigenen Laden, über regionale Märkte und auch über den Onlineshop (www.walser-honig.at). Vermarktet wird nur das Urprodukt Honig, geringe Mengen an Propolis sowie Bienenwachskerzen. „Es ist schön zu sehen, dass der Endverbraucher umdenkt und auch Handgemachtes wieder zu schätzen weiß“, freut er sich über die gute Entwicklung seiner Direktvermarktung. Auch ein eigener Youtube-Kanal sowie ein Livestream, der die Aktivität der Gebirgsbienen zeigt, wird den Kunden geboten.
Trotz des guten Absatzes will er nicht noch mehr Bienenvölker: „Ich möchte auch künftig kein Massenprodukt liefern und lieber ein Geheimtipp bleiben. Außerdem ist es arbeitswirtschaftlich schon gar nicht möglich. Es sind ja nicht nur die Bienen, sondern auch das Abfüllen, Etikettieren, Vermarkten und die Buchhaltung, die da noch hinterherkommen“, erklärt er, dass er und seine Familie damit ausreichend gefordert sind. „Imkern ist ein absolut schöner Beruf, aber nicht nur ein Honigschlecken.“ Florian Maucher

Was tun gegen die Milbe?

Die Varoa-Milbe ist in der Honigbienenhaltung ein weitverbreitetes Problem. „Wir selber haben das Problem ganz gut im Griff, müssen aber trotzdem aufpassen, dass die Milben und Folgeerkrankungen nicht von fremden Völkern eingeschleppt werden. Wir Bienenhalter hier im Tal arbeiten da aber ganz gut zusammen“, zeigt sich Achim Schneider mit der Kooperation zufrieden.

Der Berufsimker hat sich ein gutes Auge erarbeitet: „Ich schau täglich nach den Völkern und es gibt Indikatoren, die auf einen Befall hindeuten.“ So beispielsweise tote Bienen, die am frühen Morgen raus geschleppt werden, Diagnoseschalen in den Beuten oder auch verkrüppelte Drohnen. Speziell bei Letzteren setzen viele Imker mit der Behandlung gegen die Milbe an. Vom Herausnehmen der Drohnenbrut, die besonders anfällig ist gegen die Milbe, hält er aber nicht viel: „In einem gewissen Rahmen kann man das machen, aber das System ist arbeitsaufwendig und das Volk braucht die Drohnen – die sind gut für᾽s Wohlbefinden der Bienen und sogar die Leistung kann sinken, wenn man zu viele entnimmt.“

Schneider setzt lieber auf das Schröpfen der Völker. Bei Befall teilt er das Volk und entnimmt dafür Brutwaben samt einigen Bienen, um somit den Befallsdruck zu dezimieren. „Das Jungvolk kann ich dann mit organischen Säuren behandeln. Zum Jungvolk kommt dann auch immer eine neue Königin, die er gezielt nach Qualität auswählt, um wieder ein stabiles Volk zu bekommen. Um künftig eine optimale Tiergesundheit für Honigbienen sicherzustellen, plädiert er dafür, für Bienenhalter einen Kurs vorauszusetzen. FM

Probleme der Imker

Die Imkerei wird von einigen Problemen umgetrieben. So freut sich Berufsimker Achim Schneider zwar am vermehrten Interesse an den Bienen, sieht aber das Verhalten vieler Hobby-Imker kritisch: „Viele belesen sich nur im Internet und kaufen dort dann auch Rassen, die einfach nicht zu uns hergehören.“ So komme es zu immer mehr Vermischungen zwischen der heimischen Carnica mit beispielsweise der Kunstrasse Buckfast. „Das ist eine Einkreuzung verschiedener Rassen, die gegen die Trachee-Milbe gezüchtet wurde.“

Auch die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft sieht er kritisch: „Spritzmittel sind zwar bei uns im Tal durch die Grünland- und Berglandwirtschaft weniger ein Problem, dafür spüren wir aber die Umnutzung von Mager- zu Fettwiesen und die maschinelle Schlagkraft. „Früher wurde in Etappen gemäht – da blieb den Bienen immer was, inzwischen sind aber binnen weniger Tage alle Bienenweiden weg. Kommen dann noch ungünstige Witterungs – und damit Flugverhältnisse für die Bienen dazu, fallen ganze Erntefenster aus. Wir hatten heuer das erste Mal seit acht Jahren mal wieder einen Frühjahrsblütenhonig“, freut er sich aber heuer über viele günstige Faktoren wie die frostfreien Nächte, die ihm in die Karten gespielt haben.

Zudem sieht Schneider die Honigdeklaration als fragwürdig: „Es wird viel als einheimischer Honig oder Honig mit speziellen Nektargrundlagen wie Alpenrosenhonig verkauft, der gar keiner ist. Da wird zu wenig überwacht“, kritisiert er. „Das ist gegenüber dem Endverbraucher nicht fair – und auch gegenüber denen nicht, die wirklich vor Ort erzeugen.“

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