Login
Internationaler Handel

Mercosur - die Angst vor dem Billigfleisch

imago60116797h
Gerhard Poschacher
am
22.07.2019

Mercosur-Einigung beflügelt auch Diskussion um Fleischverzicht

Wien Bei Bauern, Umweltschützern, zwischen den Parteien und Interessensvertretungen ist das Handelsabkommen der EU mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay (Mercosur) heftig umstritten. Der Lebensmittelhandel äußert sich dazu differenziert. Hofer und REWE nehmen kaum Stellung, während der Chef des zweitgrößten Handelsriesen SPAR, Gerhard Drexel, den Freihandelspakt mit Südamerika in mehreren Medieninterviews vehement ablehnt und ihn als Angriff auf das Weltklima beurteilt.

3,5 Millionen Rinder zum Schlachter?

Vor allem bei Fleisch fürchtet die österreichische Landwirtschaft durch Billigimporte Marktanteile zu verlieren. Das vereinbarte Importkontingent von fast 100 000 t statt bisher 45 000 t betrifft vor allem Qualitätsteile (Filets, Rostbraten), was nach Expertenangaben die Schlachtung von 3,5 Mio. Rindern erfordert. Sollte das ganze Importkontingent ausgeschöpft werden, würde damit etwa ein Fünftel des EU-Verbrauchs abgedeckt. Darauf verweisen die Landwirtschaftskammer Österreich und die Verarbeitungsbranche.

Der hohe Fleischkonsum in Österreich sorgt immer wieder im Hinblick auf den Klimaschutz und die hohen Einfuhren von Soja für Diskussionen. Insgesamt beträgt der Verbrauch pro Kopf und Jahr 64,8 kg, davon macht der Konsum von Schweinefleisch 38,2 kg aus. Der Verzehr von Rind-und Geflügelfleisch hält sich mit etwa je 12 kg die Waage. Im Jahre 2018 wurde in Österreich auf einer Fläche von 67 624 ha Soja angebaut. Die Produktion fiel witterungsbedingt mit 184 342 t gegenüber dem Vorjahr allerdings um fast 5 % niedriger aus. Nach wie vor müssen allerdings fast eine halbe Million Tonnen, größtenteils aus Südamerika, importiert werden.

Fleischkonsum um ein Fünftel reduzieren

Die heftigen Auseinandersetzungen über das Mercosur-Abkommen beflügeln die Diskussion drüber, ob die Reduktion des Fleischverbrauchs, der im europäischen Spitzenfeld liegt, realistisch ist. Eine Studie von Martin Schlatzer von der Universität für Bodenkultur kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass der Rückgang des Fleischverbrauchs um ein Fünftel die Einfuhren von Sojabohnen weitgehend überflüssig machen würde. Weniger Fleischkonsum würde Agrarflächen für die Ausweitung des Sojaanbaus freimachen. Der Sojaproduktion in Südamerika fallen nämlich immer mehr Regenwälder mit verheerenden Auswirkungen auf das Weltklima zum Opfer. Soja wird in Österreich nicht nur als Futtermittel, sondern vor allem auch für Ernährungszwecke verwendet.

Volksabstimmung zu Mercosur-Abkommen?

Die Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung sowie die NEOS, ein politischer Wunschpartner für die ÖVP nach den Wahlen am 29. September 2019, verteidigen das Freihandelsabkommen mit Südamerika. Einflussreiche Medien und die FPÖ fordern hingegen eine Volksabstimmung. Autoexporte im Tausch gegen Rindfleischeinfuhren sind ein Zankapfel, weil der Markt für Agrarerzeugnisse in der EU nicht zuletzt durch den bevorstehenden Brexit unter Druck ist.

Der Österreichische Bauernbund verweist darauf, dass in Südamerika mit durchschnittlichen Rinderbeständen von 3500 je Betrieb wesentlich billiger produziert werden kann als in Europa oder Österreich. Dazu kommt, dass Großbritannien den Rindfleischbedarf überwiegend aus Irland deckt und in Hinkunft auf Einfuhren aus Südamerika zurückgreifen könnte. Irlands Produktion würde dann verstärkt auf den EU-Markt drängen.

In Österreich übersteigt die Rindfleischproduktion mit mehr als 140 % seit Jahren den Inlandsbedarf, weshalb billige Einfuhrmöglichkeiten bei den Bauern erhebliche Existenzsorgen auslösen. Der Streit um Gustostücke aus Übersee wird weiter gehen.

Auch interessant