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Seltene Nutztierrassen

Nachhaltig wirtschaften aus Tradition

Dieser Artikel ist zuerst im Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt erschienen.

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Wildmoser Milchvieh
Begeisterte Anhänger der Pinzgauer Rinder sind Klaus und Christine Widmoser sowie Sohn und Hofnachfolger Stefan. Die Hälfte ihres Bestandes haben rein-rassiges Blut. © Florian Maucher
von , am
04.12.2017

Das Erbe erhalten will Familie Widmoser aus Waidring in Osttirol. Seit über 600 Jahren befindet sich der Betrieb in Familienhand und wurde im vergangenen Jahr mit dem Josef-Willi-Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Gemächlich trottet die Milchviehherde über die Betonfläche vor dem Stall. Sichtlich satt und zufrieden sind sie, als Landwirt Klaus Widmoser seine Tiere von der Weide holt. Am Ende und noch etwas gemütlicher als alle anderen läuft die 16-jährige Pinzgauer-Kuh Miaz. Auf die Mascha-Tochter ist der Betrieb besonders stolz: Mit 14 Kälbern aus zwölf Abkalbungen und einer Milchleistung von inzwischen weit über der 100.000-l-Grenze steht das Golden-Girl wie keine andere für die Nachhaltigkeits-Philosophie der Familie Widmoser.

Für die nachhaltige Wirtschaftsweise wurde der Widmoshof bei Waidring in Tirol im vergangenen Jahr mit dem Josef-Willi-Nachhaltigkeitspreis von der Landwirtschaftskammer Tirol ausgezeichnet. Bei der Auswahl der Betriebe werden zahlreiche Faktoren wie Landschaftspflege, Nährstoffkreislauf, Biodiversität und Pflanzenbestand, Futterqualität, Bildung, Familie und Sicherheit bewertet. Prämiert werden die je acht Bezirks- und ein Landessieger.

Lange Tradition

Wildmoser Pinzgauer
Seit über 600 Jahren ist der Erbhof bei Waidring in Händen der Familie Widmos – so belegt es das Familienwappen, das neben der Haustüre mit der Jahreszahl 1416 eingekerbt ist. © Florian Maucher

Seit über 600 Jahren ist der Erbhof in Händen der Familie Widmos – so belegt es das Familienwappen, das neben der Haustüre mit der Jahreszahl 1416 eingekerbt ist. Tradition hat am Hof auch die Haltung der Pinzgauer-Rinder, auch wenn ab den 70er Jahren mit dem Einkreuzen von Red Holstein (RH) begonnen wurde. „Die Kreuzungen konnte man damals gut vermarkten, weil sie eine deutlich bessere Milchleistung brachten. Zudem hatten die eine bessere Melkbarkeit und Euterqualität“, erinnert sich der Klaus Widmoser.

Heute fließt aber in der Hälfte des Bestandes wieder reinrassiges Pinzgauerblut. „Die Milchleistung ist ziemlich gut geworden und sie sind robuster“, erklärt der Landwirtschaftsmeister und weiß aus Erfahrung: „Reine Pinzgauer sind seltener krank. Je höher der Holstein-Anteil, desto höher ist zwar die Milchleistung, aber die Tiere werden auch sehr viel feinfühliger.“

Mehr als 50 % RH-Anteil wollen sie deshalb in keinem Tier mehr haben. Speziell die gute Klauengesundheit der Pinzgauer fasziniert die Milchviehhalter: „Erdbeerkrankheit und Panaritium kennen die nicht. Wir machen einmal jährlich Klauenpflege, mehr braucht es nicht.“

Zurück zum Ursprung als Label

Wildmoser Pinzgauer
Kuh und Kalb bleiben am Betrieb Widmoser die ersten drei bis vier Tage beieinander. Dadurch können Durchfall-Erkrankungen der Kälber weitgehend vermieden und Arbeitszeit gespart werden. © Florian Maucher

Das gute Fußwerk ihrer Tiere ist für die Familie Widmoser von entscheidender Bedeutung: „Wir sind den Sommer über auf unserer Alm und da muss das Vieh auch in steilem Gelände laufen können.“ Gemeinsam mit einem weiteren Landwirt bewirtschaften sie rund 140 ha Fläche rund um die, in 1400 m Höhe gelegene, Alm.

Rund 600 Höhenmeter Unterschied liegen zwischen dem Sommersitz von Klaus und Christine Widmoser und deren Heimbetrieb, der seit drei Jahren während der Sommermonate von Sohn Stefan umgetrieben wird. Die Milch wird zweitägig auf der Alm abgeholt und wird über das „Zurück zum Ursprung“-Label der Lebensmittel-Handelskette Hofer vermarktet.

Um dafür produzieren zu können, muss die Fütterung biologisch und silagefrei sein. Zudem dürfen nur inländische Futtermittel verwendet werden. „Wir stehen da voll dahinter, aber das macht den Zukauf von Kraftfutter nochmal teurer als normales Bio-Kraftfutter“, erklärt Klaus Widmoser und stellt aber auch klar, dass die Kühe mit Kraftfuttergaben von zwei und 3,5 kg ohnehin nur verhalten gefüttert werden. Dennoch erreicht die Herde eine hohe Leistung von 7314 kg Milch bei 3,96 % Fett und 3,40 % Eiweiß.

Die gute Milchleistung führen Widmosers auf ihr Grünland zurück: „Wir haben lauter Süßgrasbestände und mähen das Futter jung“, erklärt Hofnachfolger Stefan Widmoser. Drei Schnitte sind in der rauen Lage möglich. „Wir hatten in den letzten zwei Jahren warme und feuchte Sommer, das hat uns in die Karten gespielt.“

Futterqualitätmuss stimmen

Wildmoser Mobilstall
Der mobile Legehennen-Stall ist neben den etablierten Nebeneinnahmen aus Winterdienst, Wald und Ferienwohnungen ein weiterer Bestandteil der Diversifizierung des Betriebs. © Florian Maucher

Um den guten Grünlandbestand rund um Rot- und Weißklee, Raigras, Glatt- und Goldhafer zu erhalten, wurde in diesem Sommer nachgesät. „Wir hatten vor vier Jahren Hochwasser und mussten teils neu einsäen. Wir haben dann nach dem ersten Schnitt nachgesät und hatten jetzt nach dem dritten Schnitt schon wieder deutlich mehr Futter“, freut er sich über den Erfolg.

Doch er weiß auch, dass mehr zu einem guten Grundfutter gehört, als der Grünlandbestand: „Wir fahren unser Futter einen Tag nach dem Mähen wie Silo ein und trocknen es dann in unserer Heubelüftung fertig“, erklärt der Junglandwirt. 30 °C warme Luft wird dazu Tag und Nacht in den Stock geblasen.

Ein Luftentfeuchter, die Dachabsaugung und ein holzbefeuertes Heizregister mit 90 kW sorgen in Kombination für die Trocknung in der zehn mal zehn Meter großen Trocknungsbox, in der bis zu 700 m3 Futter Platz finden. Seit den 50er Jahren wird am Widmoshof bereits auf diese Weise Futter erzeugt.

Die Erfahrung zeigt, dass es beim Einschichten in die Trocknungsbox auf eine gleichmäßige Verdichtung des Futters ankommt. „Die besten Ergebnisse erzielen wir mit unserem Erntewagen mit Walzen – da gibt es keine Klumpen und damit beste Futterqualität.“

Kalb bleibt für einige Tage bei der Kuh

Wildmoser Milchviehstall
Im Stall werden die Kühe mit Heu gefüttert. Das schafft ein angenehmes Stallklima und macht den Milchpreis interessanter. Die Milch wird über Hofers „Zurück zum Ursprung“-Label vermarktet. © Florian Maucher

Ein Umstieg auf Silage kommt für die Familie nicht in Frage. „Das Stallklima spielt da für uns eine ganz wichtige Rolle“, erklärt Christine Widmoser: Sie kennt den Vorteil für die Tiere: „Die Kuh kann sich aus dem Heu aussuchen, was sie nicht mag – das geht beim Silo nicht so leicht.“ Das könne die Gesundheit der Tiere positiv beeinflussen, ist sie überzeugt.

Sollte doch mal ein Tier krank sein, setzt die Bäuerin hauptsächlich auf Homöopathie: „Speziell Euterprobleme bekommen wir damit gut in den Griff und Trockensteller verwenden wir dadurch nur noch in Einzelfällen.“ Meist ohne Heilbehandlung funktioniert auch die Kälberaufzucht: „Bei uns bleibt das Kalb die ersten drei bis vier Tage bei der Kuh“, erzählt Klaus Widmoser. „Das Kalb kann nach Bedarf rund um die Uhr warme Milch saufen und wird optimal mit Biestmilch versorgt.

Seither haben wir kaum noch Pro­bleme mit Durchfall-Erkrankungen.“ Während Kuh und Kalb am ersten Tag ganz sich selbst überlassen werden, wird die Kuh ab dem zweiten Tag aber auch wieder zusätzlich am Melkstand gemolken. „Das Kalb sauft danach problemlos am Kübel und für uns ist es eine Arbeitserleichterung.“  

Leichter und vor allem schneller arbeiten lässt es sich auch in dem Fischgrätmelkstand. Die neun Melkplätze wirken auf den ersten Blick überdimensioniert, doch für Widmosers ist klar: „Was bringt mir ein Melkstand, wenn ich für meine 30 Kühe trotzdem über eine Stunde zum Melken brauch?“ In 30 Minuten ist die Melkarbeit derzeit erledigt.

Etwas mehr Geld haben die Landwirte auch bei den mit Gummi überzogenen Spaltenboden in die Hand genommen: „Der war zwar teuer, aber heute wissen wir, dass er sein Geld wert ist: Der ist nicht rutschig und scharfkantig, wir haben weniger Verletzungen und die Kühe reiten auch besser auf – das erleichtert die Fruchtbarkeitskontrol-
le deutlich.“

Der hohen Achtsamkeit der Widmosers verdanken die Tiere ihr hohes Alter: Trotz dem Verkauf von Jungkühen erreicht der Betrieb eine durchschnittliche Lebensleistung von 35.000 l Milch. Dafür sorgen altgediente Kühe, denn neben Golden Girl Miaz stehen zwei weitere Kühe kurz vor der 100.000-l-Grenze.

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