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Neue Modelle für den Beruf Landwirt

Alternative bäuerliche Lebensformen
pd
am
08.01.2018

Vermarktungssoftware und mehr: Landwirte ermutigen zu Innovationen.

Die Leerstandskonferenz diente neben dem Aufzeigen von Defiziten und Herausforderungen vor allem dazu, Mut zu machen und die Scheu vor dem Finden neuer, innovativer Lösungen abzubauen. Dazu gehört auch eine neue Gesprächskultur. „In Summe hat sich das soziale Klima auf den Höfen stark verbessert. Es wird viel mehr gesprochen und ausdiskutiert als früher, die autokratische Struktur hat stark abgenommen“, so Soziologieprofessor Franz Höllinger von der Universität Graz. „Weiters gibt es auch den Wunsch nach mehr Privatsphäre am Hof, das heißt, Rückzugsorte sind wichtig für das soziale Zusammenleben. Man klebt nicht mehr durchgehend gemeinsam in der Stube aufeinander“, so Höllinger.

Die Konferenz warf brisante Fragen auf: Was ist, wenn ein leerstehender Hof einen Nachfolger findet? Wie stellt man sich als Jungbauer oder als Jungbäuerin in der heutigen Zeit auf? „Oft wird die Hofübergabe viel zu spät in Angriff genommen, da sind dann wir auch selbst verantwortlich für den Leerstand“, so der Gastwirt und Landwirt Josef Lugger aus Obertilliach.

Vom Stillstand zum Ort des Lebens

Katharina Forster

Entlang dieser Fragestellungen zu landwirtschaftlichem Leerstand wurde die Bühne genutzt, um anhand von Good-Practice-Beispielen zum Nachmachen zu inspirieren. So erklärte die Jungbäuerin und Architektin Katharina Forster, die in Braunau/Inn in Oberösterreich einen stillgelegten Betrieb wieder aktivierte, wie durch die Zusammenarbeit mit einem Nachbarhof ein neues Betriebsmodell entsteht.

Zwei Höfe werden zu einem Biobetrieb zusammengelegt, gemeinsam setzen sie auf Direktvermarktung sowie die Kooperation mit anderen Höfen und Gewerbebetrieben in der Region. Die Mitarbeit im Architekturbüro nonconform hat Katharina Forsters Bewusstsein für den ländlichen Raum verändert. So war der Schritt zurück aufs Land leichter.

 Ihr Hof liegt im Dorfverband und ist ein Ort des Lebens geworden: Er ist Treffpunkt für kulturelle Aktivitäten und beherbergt eine Kunstschmiede, ein Architekturbüro sowie Seminarräume. Durch dieses Projekt wird deutlich, dass sowohl einzelne Gebäude am Hof als auch auch der gesamte Bauernhof eine neue Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten bieten können.

Oder der Vorarlberger Simon Vetter, der nicht nur Protagonist im Film „Bauer unser“ ist, sondern auch auf das Neudenken von Grund und Boden aufmerksam macht. Vetter ist Mitinitiator des Vereins „Bodenfreiheit“, der sich um ein Umdenken in raumplanerischen Fragen kümmert und Grundstücke für die Allgemeinheit erwirbt. Im Brotberuf ist Simon Vetter erfolgreicher Biobauer. Seine Produkte werden nur direkt vermarktet.

Der Kundenstock umfasst derzeit rund 800 Personen pro Woche, die eine Gemüsekiste zugestellt bekommen.
Für dieses Projekt hat Vetter im abgelaufenen Jahr 2017 den Österreichischen Klimaschutzpreis in der Kategorie Landwirtschaft gewonnen. „Es gibt keine Wahlmöglichkeit und die Leute sind froh, wenn ihnen einmal in der Woche eine Entscheidung abgenommen wird“, so seine humorvolle Erkenntnis. Derzeit investiert der Hof in eine neue digitale Form für die Organisation der Vermarktung: Eine innovative Software namens „Marta“ wurde entwickelt, die die komplexen Abläufe der Direktvermarkter organisiert und so hilfreiches Werkzeug für Betriebe sein kann.

Netzwerk und Kooperation

Diese Mutmachermodelle setzen bewusst auf einen Gegentrend und lassen erkennen, dass es zwar ein enormer Kraftakt ist und am Beginn viel Gegenwind und den Vorwurf des Spinnertums einträgt, sich langfristig aber auszahlt. Es gibt genug Platz für hochqualitative Nischenprodukte, man muss sich nur trauen, aus dem System des schneller, höher, weiter auszubrechen – und durchhalten. Nach dem Motto: „Netzwerk und Kooperation statt Konkurrenz und Preisdruck“.

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