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Waldnutzung

Nutzt eure Ressource Wald!

Sepp Kellerer; Simon Michel-Berger
am
27.05.2016

DI Felix Montecuccoli, Präsident der Land&Forst Betriebe Österreich, sprach mit dem Wochenblatt über die neue Waldstrategie, den Beitrag der Wälder zum Klimaschutz und warum der Wald gerade in Krisenzeiten interessant ist.

Wochenblatt: Was ist eigentlich das Besondere an der Waldstrategie 2020+?
Montecuccoli: Es ist eine Strategie des Ministeriums für die Republik. Sie wurde nicht nur parteienübergreifend, sondern mit allen Interessengruppen gemeinsam erarbeitet. Wir haben damit ein fachpolitisches Programm jenseits von Ideologien.
Wochenblatt: Wenn 85 Organisationen dahinterstehen, muss der Text nicht zwangsläufig in Allgemeinplätze abgleiten?
Montecuccoli: Er stellt sicher da und dort einen Kompromiss dar. Das ist aber auch notwendig.
Wochenblatt: Wie schwierig waren die Diskussionen mit den Umweltverbänden?
Montecuccoli: Das war oft auch mit anderen Interessengruppen sehr schwierig, der Dialogprozess hat ja auch Jahre gedauert. Aber obwohl der Text in einigen wenigen Punkten lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt, ist er heute eine gute Basis und von allen akzeptiert.
Wochenblatt: In der bundesdeutschen Biodiversitätsstrategie werden konkrete Ziele für die Stilllegung im Wald genannt. Wurde das in Österreich auch diskutiert?
Montecuccoli: Natürlich, aber letztlich hat man dem Konzept der multifunktionalen Waldwirtschaft den Vorzug gegeben. Der Ansatz ist nicht, den Wald in Gebiete intensiver Nutzung, intensiver Biodiversität und intensiver Erholung zu teilen. Wir wollen und brauchen alles auf allen Flächen - allerdings mit unterschiedlichen Gewichtungen.
Wochenblatt: Was halten Sie von Quoten für Naturwald, Altholz und Totholz?
Montecuccoli: So etwas macht keinen Sinn, auch naturschutzfachlich nicht. Soll ich von einem 1,5 Hektar großen Wald zehn Prozent stilllegen? Das ist komplett sinnlos.
Wochenblatt: Gibt es auch Punkte, wo Sie nicht so ganz von der Waldstrategie überzeugt sind?
Montecuccoli: Was über Wildnisgebiete und Totholz in der Strategie steht, ist immer noch sehr viel. Aber es ist eben ein Kompromiss.
Wochenblatt: Ist der einzelne Betrieb schon von der Waldstrategie betroffen?
Montecuccoli: Nein, es ist kein Managementplan, sondern ein politisches Programm. Auswirkungen hat die Strategie dennoch, weil sie die Richtung vorgibt, in die es geht. Die betriebliche Entwicklung daran zu orientieren ist durchaus sinnvoll.
Wochenblatt: Was meinen Sie konkret?
Montecuccoli: Ein wichtiger Punkt ist zum Beispiel die bewusste Wahl der Herkunft für Baumarten, für etablierte und für neue, oder der Ruf nach gezielter Züchtung bei Forstpflanzen.
Wochenblatt: Wie sieht es aus mit Arten, die bisher bei uns nicht heimisch sind - etwa der Douglasie?
Montecuccoli: Das wird als eine Möglichkeit genannt, den Wald an den Klimawandel anzupassen. Aber wie der Wald genau reagiert ist eine riesige Unbekannte. Man wird auch einige Dinge probieren müssen.
Wochenblatt: Zum Beispiel?
Montecuccoli: Man wird sich bei der Herkunft von Baumarten sicher mehr nach Südosten orientieren. Tannen aus Rumänien sind ein Beispiel. In den Karpaten gibt es Herkünfte, die sich sehr gut an Trockenheit und Hitze angepasst haben, aber auch Spätfrost vertragen. Das heißt nicht, dass man in Österreich nur mit solchen Herkünften aufforstet. Aber man muss überlegen, wie man die nächste Generation unserer Wälder auf ein breiteres genetisches Fundament stellen kann.
Wochenblatt: Sie haben den Klimawandel angesprochen. In der EU-Kommission überlegt man dieser Tage, welche Emissionsminderungsziele man der Land- und Forstwirtschaft vorschreiben kann. Was wären hier Ihre Wünsche?
Montecuccoli: [lacht] Wie viel Zeit haben Sie? Die große Linie muss sein, dass wir den Fokus auf die Emissionen aus Verkehr, Wohnen und Industrie legen. Nicht eingerechnet werden dürfen Landnutzungsänderungen bedingt durch den Klimawandel, weil wir das durch unser Management nicht beeinflussen können. Auch darf die Kohlenstoffbilanz der Forstwirtschaft nicht mit der Abfuhr des Holzes am Waldrand enden, sondern muss die Einsparungs- und Substitutionseffekte der Holzverwendung berücksichtigen.
Wochenblatt: Land- und Forstwirtschaft sind vom Klimawandel auch intensiv betroffen.
Montecuccoli: Wenn der Waldboden wärmer wird, entsteht ein höherer biologischer Umsatz. Das Plus an Kohlenstoff in der Atmosphäre könnte der Wald auch wieder speichern. Diesen Speichereffekt wollen wir, genauso wie den Substitutionseffekt - wenn Holz etwa als Baumaterial genutzt wird -, gutgeschrieben wissen. Wenn das falsch berechnet wird und nur die Holzentnahme berücksichtigt wird, entsteht schnell der falsche Eindruck, dass wir dem Klima schaden.
Wochenblatt: Kommen wir zurück zur österreichischen Ebene. Der Waldstrategie soll ein Aktionsplan mit Maßnahmen zur Umsetzung folgen. Was sind aus Ihrer Sicht Kernpunkte in so einem Plan, etwa bei der Forschung?
Montecuccoli: Forschungsbedarf haben wir zuvorderst bei der Genetik der Waldbäume - ich meine wirklich alle Waldbäume, nicht nur forstliche Baumarten. Welche Eigenschaften sind wie genetisch fixiert? Wenn beispielsweise die Spätfrostgefahr durch den Klimawandel zunimmt, müssen wir stärker auf die Buche verzichten oder können wir mehr auf Buchenarten setzen, die das aushalten?
Wochenblatt: Wo gibt es noch Forschungsbedarf?
Montecuccoli: Ganz klar beim Naturwaldprogramm. Wir wollen nicht Wald stilllegen, um irgendwelche Quoten zu erfüllen. Wo Wald aus der Nutzung genommen wird, muss das auch wissenschaftlich begleitet werden. Am Ende muss ein Zuwachs des Wissens stehen.
Wochenblatt: Können Sie uns noch ein Beispiel nennen?
Montecuccoli: Ganz wichtig ist auch die Erforschung des Verhaltens der größten Nutzergruppe des Waldes - der Freizeitsportler und Erholungssuchenden. Wann, wo, wie und warum nutzen sie den Wald? Wir wollen keine ideologischen Auseinandersetzungen führen, sondern fundiert über Verträglichkeit, Art und Intensität der Nutzung reden.
Wochenblatt: Wo sehen Sie Handlungsbedarf außerhalb der Forschung?
Montecuccoli: Auch hier gibt es viele Bereiche. Ich denke an die Züchtung - Stichwort Samenplantagen -, aber auch an die Forsttechnik. Die Entwicklung von E-Motoren sollte auch bei Werkzeugen mit Kleinmotor im Wald Einzug halten. Die Nadelholzernte ist gut durchorganisiert, beim Laubholz gibt es Nachholbedarf.
Wochenblatt: All diese Dinge wirken in den Forstsektor hinein. Wie schaut es mit der Kommunikation aus der Branche nach draußen aus?
Montecuccoli: Der ganze Waldsektor kommuniziert, glaube ich, nicht so toll. Hier muss man einiges verbessern. Wir machen viele gute Dinge, aber wir reden zu wenig darüber - auch über die Probleme, die wir haben.
Wochenblatt: Was meinen Sie?
Montecuccoli: Wir werden immer noch konfrontiert mit dem Vorwurf, in Österreich gebe es nur Fichten-Monokulturen. Aber wer im Wald spazieren geht, findet diese Monokulturen nicht. Das ist ein Kommunikationsproblem. Gleiches gilt, wenn jemand den Holzkonsum super findet, aber nicht sehen kann, wie im Wald ein Baum gefällt wird.
Wochenblatt: Das Leistungspotenzial des Waldes liegt Ihnen sehr am Herzen.
Montecuccoli: Weil der Wald mehr kann, als so mancher Waldbesitzer glaubt. Gerade in der jetzigen Krise rufe ich allen Grünlandbetrieben oder Tierhaltern mit Forst zu: Nutzt Eure Ressource Wald! Man kann damit sicher einige betriebliche Probleme an anderer Stelle abpuffern.
Wochenblatt: Also lieber auch einmal in den Wald als in den Stall investieren?
Montecuccoli: Jedenfalls. Zudem können wir mit einer ordentlichen Waldbewirtschaftung auch eine nachhaltige Sicherstellung aller Waldleistungen gewährleisten. Das ist auch eine deutlich sinnvollere Lösung als zum Beispiel die Stilllegung von Waldflächen. Diese ist nämlich in der Regel schwer rückgängig zu machen.

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