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Umstelllung

Vom Rinderstall zum Ziegenparadies

Bernhofer
Patrizia Schallert
am
10.07.2018

Familie Berndorfer aus Golling stellt die Milchviehhaltung erfolgreich um.

Bernhofer

Wenn das Einkommen aus der Milchvieh- und Mutterkuhhaltung nicht mit dem Arbeitsaufwand Schritt hält und an einen Vollerwerbsbetrieb nicht zu denken ist, bieten sich zwei Möglichkeiten an: entweder eine alternative Produktionsschiene oder die Betriebsaufgabe.

Letzteres kam für die Familie Bernhofer in Golling im Tennengau nicht in Frage. Sie stellten ihren Biorinderbetrieb auf Biomilchziegen um, nahmen einige Tausend Euro in die Hand und verwandelten den alten Milchviehstall mit viel Eigenleistung in ein Ziegenparadies. „Die Ziegen passen perfekt zu unserem Betrieb“, sagt Gabi Bernhofer. Anders als mit den Kühen kommt sie mit der Arbeit im Ziegenstall auch alleine zurecht, während ihr Mann Johann seinem Haupterwerb als Schlosser nachgeht.

Wenn Gabi Bernhofer über „ihre“ Ziegen spricht, strahlt sie über das ganze Gesicht. Nie hätte sich die Einzelhandelskauffrau träumen lassen, dass ihr das Leben als Bäuerin so großen Spaß machen und ihr die kleinen Wiederkäuer so sehr ans Herz wachsen könnten. „Als ich vor vier Jahren mit meinem Mann Johann seinen elterlichen Betrieb mit sechs Milchkühen übernommen hatte, war mir nicht ganz wohl dabei“, räumt die 31-Jährige ein. „Ich konnte einfach nicht mit Kühen umgehen. Außerdem waren das Ausmisten des Stalls und das Melken mit der Kübelmelkanlage für mich alleine nur schwer zu bewältigen, weil mein Mann aus beruflichen Gründen zu den Stallzeiten oft nicht daheim ist.“ 

Betrieb musste wirtschaftlich werden

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Gabi Berndorfer wollte zuhause bei ihren Kindern Sebastian (6) und Annalena (4) bleiben, außerdem waren bauliche Maßnahmen im Anbindestall notwendig und der Nebenerwerbsbetrieb sollte wirtschaftlicher gestaltet werden. „Deshalb haben wir uns eine Alternative zum Milchvieh überlegt“, merkt Betriebsführer Johann Bernhofer an.

Nach ausgiebigen Recherchen im Internet und der Besichtigung mehrerer Betriebe kam die Jungbäuerin zu einer Entscheidung: Wenn schon Nutztiere, dann sollten es Ziegen sein, von denen seit jeher drei Stück am Sagschneiderbauerhof als Hobby gehalten wurden. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Noch vor dem Umbau des Kuhstalls, den die Landwirtschaftskammer Salzburg planerisch unterstützte, kauften die Bernhofers von einem Betrieb in Ostermiething 30 ein bis drei Wochen alte Kitze der Rasse „Gämsfärbige Gebirgsziege“. Die Jungbäuerin zog die Kleinen zwei Monate lang mit angewärmter Kuhmilch auf. „Mir war wichtig, dass die Ziegen bei uns auf dem Betrieb aufwachsen, deshalb haben wir sie noch vor dem Stallumbau auf den Hof geholt. Im Juni 2014 wurden das Milchvieh verkauft und der Stall nahezu in Eigenregie für seine neuen Bewohner modernisiert. 

Kuhstall mit Geschick für Ziegen umgebaut

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Eine Wand des Gebäudes wurde abgebrochen und der Stall um vier Meter verbreitert. Große Fenster an der neuen, betonierten und gemauerten Außenwand sorgen für viel Licht im Laufstall. Als Decke wurden, wie bereits im alten Stall, Holzbalken eingezogen und mit Brettern verkleidet. „Das Holz war nicht nur kostengünstig, weil wir es aus unserem eigenen Wald verwenden konnten, sondern sorgt auch für ein gutes Stallklima“, erklärt Johann Bernhofer.

Bei der Umsetzung des Vorhabens waren sein handwerkliches Geschick und sein Beruf als Schlosser sehr hilfreich. Absperrgitter, Futterraufen, Tore, sogar den Melkstand fertigte er selbst aus Holz an. Durch die Eigenleistungen der gesamten Familie hielten sich die Kosten im Rahmen von rund 80.000 €.

Der Stall wurde in zwei große Bereiche geteilt, einen für die jungen und einen für die alten Ziegen. In zwei Abkitzboxen verbringen die Ziegenböcke den Winter. Von August bis Dezember laufen die Böcke in der Herde mit, in der restlichen Zeit sind sie von ihr getrennt. Während die älteren, zugekauften Ziegen noch Hörner tragen, werden die nachgestellten wegen der Verletzungsgefahr für den Menschen und den Kämpfen bei der Rangordnung enthornt.

Der Stall ist eingestreut, das Stroh muss die Familie zukaufen. „Zweimal jährlich miste ich den Stall mit dem Bobcat meines Onkels aus“, sagt der Biobauer. Die Anschaffung eines eigenen kleinen Radladers sei wirtschaftlich nicht rentabel. Der Mist wird ein Jahr lang kompostiert, zweimal mit dem Frontlader durchgemischt und dann auf dem betriebseigenen Grünland ausgebracht. Alle landwirtschaftlichen Tätigkeiten wie Mähen, Schwaden, die Heuernte und Mistausbringen werden von der Familie mit dem eigenen Fuhrpark  durchgeführt.

Ziegen sind wetterempfindlich

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Die Ziegen haben ganzjährig Zugang ins Freie. „Allerdings müssen das Wetter und die Temperatur schon optimal passen“, schmunzelt Gabi Bernhofer. Ein bisschen zu viel Sonne oder nur ein paar Regentropfen – und schwupps seien die Ziegen wieder im Stall.

Die Herde ist inzwischen auf 60 Milchziegen, 25 Lämmer und Jungtiere und zwei Böcke angewachsen. Weitere zwei Böcke hat die Familie selbst nachgezogen und verkauft. Den Sommer verbringen die nicht trächtigen Ziegen und jene, die das notwendige Gewicht von 35 kg für die Belegung nicht erreicht haben, auf dem Göllberg. Dort hat die Familie ein Weiderecht.

Weil das Futter für die wählerischen Ziegen auf der Weide nicht ausreicht, werden ihnen zusätzlich frisch gemähtes Gras und Heu vorgelegt und weil der Sagschneiderbauerhof seit jeher ein Heumilchbetrieb ist, erfolgt keine Silagefütterung. Kraftfutter gibt es nur am Melkstand.

Zweimal täglich werden jeweils zwölf Ziegen im Reihenmelkstand der Marke „Eigenbau“ mit einem 6er-Melkzeug gemolken. Über die Rohrmelkanlage gelangt die Milch in den Tank, in dem sie auf drei Grad heruntergekühlt wird. Jeweils montags und donnerstags wird sie von der Molkerei Leeb Vital aus Wartberg an der Krems abgeholt. Ein Teil der weiblichen Nachzucht, jene mit guter Genetik, wird nachgestellt, der andere Teil über Versteigerungen oder den Zuchtverband verkauft. Schwieriger als gedacht gestalte sich die Vermarktung der männlichen Milchkitze, die auf einem nahegelegenen Betrieb geschlachtet werden. „Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig, um dem Verbraucher das gute Fleisch der männlichen Kitze schmackhaft zu machen“, stellt Johann Bernhofer fest.

Gesundheit vor Milchleistung

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Das Tierwohl und die Gesundheit der Ziegen liegen den Bernhofers am Herzen. „Das kommt bei uns vor der Milchleistung“, betont das Betriebsführerpaar. Deshalb nimmt es am „Seuchenprogramm“ des Österreichischen Tiergesundheitsdienstes (TGD) teil. 

Besonders die Pseudotuberkulose sei bei den Schaf- und Ziegenhaltern sehr gefürchtet. Sie ist eine chronisch verlaufende Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Corynebakterium pseudotuberkulosis hervorgerufen wird. Vorsorglich nimmt ein Tierarzt deshalb einmal jährlich Blutproben von den Ziegen auf dem Sagschneiderbauerhof.

„Weniger ist die Arbeit durch die Ziegen zwar nicht geworden, aber die Wirtschaftlichkeit hat sich deutlich verbessert“, sagt die Biobäuerin. Außerdem könne sie viele Tätigkeiten im Stall selbst bewältigen und werde tatkräftig von ihrem Schwiegervater unterstützt. „Vor allem die Aufzucht ist sehr aufwendig“, erklärt Gabi Bernhofer. Eine Ziege trägt fünf Monate. Acht bis zehn Tage nach der Geburt werden die Kitze von der Mutter getrennt. Bislang erfolgte die Aufzucht mit zugekaufter, auf 37 °C erwärmter Kuhmilch im Zitzenkübel. „Das hat extrem viel Zeit in Anspruch genommen. Heuer versuchen wir es erstmals mit Biovollmilchpulver.“

Und das Resümee der Umstellung von Milchkühen auf Milchziegen? „Für mich steht im Vordergrund, dass ich wider Erwarten eine glückliche und zufriedene Biobäuerin geworden bin, einen Arbeitsplatz zuhause habe und mich dadurch den ganzen Tag selbst um unsere zwei Kinder kümmern kann“, meint Gabi Bernhofer.

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