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Berglandwirtschaft

Sehr viel Milch trotz Alpbetrieb

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Redaktion Wochenblatt, Wochenblatt
am
28.09.2017

Der Braunviehzuchtbetrieb Bickel aus Raggal im Großen Walsertal betreibt Braunviehzucht auf höchstem Leistungsniveau. Die Vorarlberger setzen dabei auf nährstoffreiche Versorgung von Vieh und Böden.

Anbindestall

Die sind für die Alpe und unsere Bedingungen am besten geeignet, geben viel Milch und sie ist für uns einfach die problemloseste Kuh“, erklärt Hermann Bickel aus Raggal im Großen Walsertal, warum er ausschließlich die Rasse Braunvieh züchtet. „Wir haben viele steile Flächen und die Tiere müssen auf der Alp teilweise bis zu zwei Stunden getrieben werden – für diese Kombination gibt es für uns keine bessere Kuh.“ Gut 1000 m hoch liegt der Heimbetrieb, von dem aus er Sommer für Sommer mit dem Vieh auf die rund 650 m höher gelegene Alpe Oberpartnom zieht, wo er mit seiner Familie von Anfang Juni bis in den September hinein Gäste auf der Breithornhütte bewirtet. Schon seine Vorfahren sind mit ihren Tieren hier herauf gezogen und bis hin zu seinem Vater hatten sie dafür einen sehr beschwerlichen Weg auf sich genommen: „Damals konnte die Alpe nur mit Hilfe eines Noriker-Pferds mit Lebensmitteln versorgt werden und im Gegenzug nahm man den Käse mit ins Tal.“ Bis ins Jahr 1964 sei dies so praktiziert worden, dann habe der erste Schlepper das Ross ersetzt.  
215 ha groß ist die Gemeinschaftsalpe und erstreckt sich auf Höhenlagen zwischen 1650 und 1950 m. „Früher haben hier über den Sommer sechs Familien gewohnt, inzwischen sind es nur noch zwei“, erklärt Bickel, der den Part des Hirten übernimmt, während sich sein Kollege um die Käseproduktion kümmert. Denn neben den rund 80 Rindern von insgesamt acht Landwirten werden auch 52 Kühe von fünf Landwirten aufgetrieben.

Bessere Preise aber auch mehr Arbeit als im Tal

Kühe im Stall

Acht Tonnen Alpkäse und 900 kg Butter entstehen in dieser Zeit aus den 95 000 l Milch, die dank Bekannten und Verwandten in ganz Österreich von Tirol über Salzburg, Wien und Niederösterreich vermarktet werden. „Dafür kriegen wir bis zu 13 Euro je Kilo. Was wir so nicht verkaufen können, vermarkten wir für sieben Euro je Kilo über den Käsehandel Rupp. Wir haben so einen viel besseren Milchpreis als im Tal – da kriegen wir von der Vorarlbergmilch 37 Cent und auf der Alp erwirtschaften wir 61 Cent“, rechnet Bickel vor, „das ist für uns absolut wichtig.“ Dennoch stellt er auch klar, dass damit viel Arbeit verbunden ist: „Wir müssen jedes Jahr im Frühsommer mit 30 Leuten hoch in die Steilflächen oberhalb der Weiden und das Geröll von den Steinschlägen wegräumen.“ Ansonsten bestehe die Gefahr, dass sich im Sommer beim Weidebetrieb solche Steine lösen und die Kühe verletzen oder gar töten. Das Gestein muss von Hand aus den Hängen auf ebene Flächen getragen und dort aufgeschichtet werden.
Während der Alpsaison arbeitet der Hirte nach einem traditionellen System, das nur noch von zwei Alpen überhaupt praktiziert wird: „Bis Mitte Juli wird morgens um acht Uhr gemolken und dann bleiben die Kühe wegen der Sommerhitze bis mittags um 14 Uhr im Stall. Ab Mitte Juli ändert sich das: dann melken wir um halb sieben und die Tiere dürfen danach gleich nach draußen.“ Das zugegeben arbeitsaufwändigere System verhindere aber unnötige Belastung für die Tiere: „Durch den Hitzestress werden die Tiere unruhig, haben höhere Zellzahlen und fallen in der Milchleistung ab.“
Nur zufriedene und leistungsfähige Tiere seien auch wirtschaftlich: „Bei uns verdienen auch noch die Bauern Geld, die ihre Kühe bringen.“ Generell sieht er die hochleistende Kuh als wichtigen Faktor für das finanzielle Auskommen: „Mit einer durchschnittlichen Original Braunen kann man kein Personal zahlen.“ Bis zu 12 000 kg Jahresleistung erreichen seine Brown Swiss-Tiere. „Aber man muss das halt auch ausfüttern können.“ Bickel füttert seinen Tieren deshalb seit 20 Jahren während dem Alpbetrieb pro Kuh und Tag 3 kg Heu und 4 kg Kraftfutter zu. „Damit haben wir einen super Erfolg.“ Am Heimbetrieb werden die 15 Kühe und 23 Rinder mit dem Futter von den 33 ha Grünland versorgt. Die Silage macht den größten Teil der Futterwerbung aus, nur rund 15 % werden als Dürrfutter bereitet.

Die Herde besticht auch durch Lebensleistung

Hohe Euter

9300 kg Milch bei 4,05 % Fett und 3,52 % Eiweiß leistet die Herde trotz des Alpbetriebs und besticht auch durch Lebensleistung: So erreichte die Stammmutter Harfe (V: Bingo) 128 000 kg Milch. Aus ihr konnte der Betrieb die Siran-Tochter Halma nachziehen, die mit einem Gruppensieg, Eutersieg und dem Honorable Mention-Titel beim Dairy-Grandprix in Rotholz im Jahr 2004 den bislang größten Erfolg für den Betrieb erreichen konnte. Die Kuh erzielte eine bisherige Lebensleistung von 90 000 kg Milch und steht nach wie vor bei bester Gesundheit im Stall. Sieben Kühe mit einer Lebensleistung von über 70 000 kg Milch hat der Betrieb bereits hervorgebracht.
Generell setzt der Betrieb auf junge Kühe: „Wir lassen unsere Kühe extrem früh kalben – wenn möglich schon mit 24 Monaten“, erklärt der passionierte Rinderzüchter. Zwischen 30 und 45 l Einsatzleistung könne er so erzielen: „Aus meiner Erfahrung geben sie mehr Milch als die Dreijährigen. Leistungsmäßig sind sie stark und es sind auch problemlose Kühe. Eine der Top-Jungkühe im Stall ist Brookings-Tochter Tiegra, die ihre erste Laktation mit 9484 kg Milch bei 3,74 % Fett und 3,56 % bei einem Erstkalbealter von 2,14 Jahren abschloss und sich in den folgenden beiden Laktationen nochmals um je 1000 kg Milch steigern konnte. Tiegra hat derzeit den zweithöchsten GZW in ganz Vorarlberg.  Zudem werden recht viele Jungkühe vermarktet. „Mit einer guten und gesicherten Leistung können wir unsere Tiere gut als Dreijährige verkaufen.“

Schweizer Gene für schöne Kühe

Kuh

Bei der Zucht greifen Bickels überwiegend auf Schweizer Genetik zurück: „Die machen schöne Kühe, gute Euter und zum Großteil auch viel Milch – bei der Milchmenge wäre zwar die deutsche Genetik noch etwas besser, aber die gefallen mir nicht von der Form.“ Von Exterieur- und Euter-Vererber Nescardo stehen bereits fünf Kälber und Rinder im Stall. Auch von Salomon ist er überzeugt: „Da habe ich eine Zweijährige mit über 40 Liter Milch Einsatzleistung und einem tollen Exterieur. Vom Exterieur überzeugen auch die Blooming-Töchter: Mit unserer Jessica haben wir im letzen Jahr hier in Raggal bei Jubiläumsschau alles gewonnen.“ Die Top-Kuh wurde inzwischen in die Schweiz verkauft: „Wenn der Preis stimmt, muss man so ein Tier auch laufen lassen.“ Auch mit Bullen wie Jongleur, Prunki, Jet und Nelgor konnte er gute Erfahrungen machen.
Probleme hatte er dagegen beispielsweise mit Alibaba: „Ich habe noch eine Jungkuh im Stall, die hat viel Milch und ist eine schöne großrahmige Kuh. Mit einer Schwester zu ihr hatte ich aber nicht so viel Glück – da ist das Zentralband gerissen. Von meiner Linie kommt es nicht – mit der hat vor 70 Jahren schon mein Großvater gezüchtet und da gab es noch nie ein Problem in der Richtung.“
Im vergangenen Jahr konnte der Betrieb erstmals auch den Management-Award gewinnen. Dabei muss eine durchschnittliche Herden-Lebensleistung  von über 25 000 l Milch, eine Zwischenkalbezeit von unter 400 Tagen und ein Zellzahl-Schnitt von unter 200 000 erreicht werden. „Den haben wir jetzt zum ersten Mal erhalten – wir haben da nie gezielt drauf hin gearbeitet. Für mich ist aber natürlich wichtig, dass ich die Kühe lang halten kann, weil ich auch davon lebe, Jungkühe zu verkaufen.“ Bei der Fütterung und Tiergesundheit würden ohnehin keine Kompromisse gemacht.
Ebenso großen Wert legt Bickel auch auf die Grünlandpflege und Futterqualität: „Einen Kreiselheuer gibt es bei uns am Betrieb schon seit 15 Jahren nicht mehr – wir mähen am Morgen, schlagen das Futter mittags zusammen und fahren es abends in die Belüftung ein. Dadurch haben wir sehr wenig Verluste und ein super Futter.“ Gemäht werde das Gras sehr jung, „sonst würden unsere Kühe nicht so viel Milch geben.“ Die Maßnahme diene auch dazu, die Flächen möglichst wenig zu befahren: „Gerade in unserem steilen Gelände macht man schnell Grasnarbe kaputt – und holt sich damit das Unkraut in die Fläche.“ Auch die Versorgung der Fläche sei wichtig: „Wir haben recht gute Böden, die wir durch viel Mist im Herbst aufgebaut haben.“ Durch die intensive Fütterung des Viehs, sei auch der Mist sehr nährstoffreich und man komme trotz der vielmähdigen Nutzung vollständig ohne Zukaufsdünger aus.

Betriebsspiegel des Hofes Bickel

Arbeitskräfte auf dem Betrieb Bickel in Raggal: Bernhard (33), Hermann (59), Martha (55), Schwiegertochter Katharina (3 Kinder)
Vieh: 15 Brown Swiss-Kühe und 23 Rinder
Fläche: 33 ha (15 ha eigen)
Leistung: 9300 kg bei 4,05 Fett und 3,52 Eiweiß.

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