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Ernährung

Selbstversorgung ist keine Selbstverständlichkeit

Grillfleisch
Prof. Gerhard Poschacher
am
09.09.2019

Kassandra-Rufe der Klimaschützer und Ernährungsexperten zeigen in Österreich beim Fleischverzehr wenig Wirkung.

Wien Die laufende Wahlauseinandersetzung in Österreich spannt den Bogen vom Ibiza-Video über den Klimaschutz bis zum Fleischkonsum. Die neuesten Zahlen über die Erzeugung und den Verbrauch von Lebensmitteln, die von der Statistik Austria veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Kassandra-Rufe der Klimaschützer und Ernährungsexperten wenig Wirkung zeigen. Der gesamte Fleischkonsum ist im Jahre 2018 um 0,8 % auf insgesamt auf 64,1 kg pro Kopf und Jahr angestiegen.

Der viel kritisierte Verzehr von Schweinefleisch blieb mit 37,2 kg stabil, der Verbrauch von Rind-, Kalb- und Geflügelfleisch nahm leicht zu. Für die Ernährung im Inland standen im Vorjahr insgesamt 848 700 t Fleisch, 752 700 t Trinkmilch, 2,12 Mrd. Stück Eier und 68 900 t Fisch zur Verfügung. Bei Milch betrug die Selbstversorgung 164 %, bei Rind- und Kalbfleisch 141 % und bei Schweinefleisch 101 %. Nur bei Eiern (86 %) und bei Geflügel (72 %) deckte die Inlandserzeugung den Verbrauch nicht.

Im Jahre 2018 wurden 502 400 t Fleisch und 498 100 t Trinkmilch exportiert. Die Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer kritisieren daher die bäuerlichen Interessensvertretungen wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber Mercosur, indem sie feststellen, wer Produkte ausführt, ist bei der Kritik an Einfuhren wenig glaubwürdig. Darauf verweist auch die Lebensmittelindustrie als eine der bedeutendsten Branchen im Land mit 200 Unternehmen und 26 000 Beschäftigten. Gegenüber 2017 erhöhte sich nämlich 2018 das agrarische Außenhandelsvolumen wertmäßig von 23,1 Mrd. € auf 23,7 Mrd. €. Immerhin entsprach dies fast 8 % des gesamten Außenhandelsvolumens Österreichs.

Sowohl nach dem Zerfall der Donaumonarchie als auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Sicherung der Ernährung politische Priorität. Als Kornkammer erwies sich das fruchtbare Marchfeld in NÖ. Aktuell sorgt eine Studie der AGES zu Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Zukunft der bäuerlichen Familienbetriebe für Schlagzeilen und Diskussionen. Die Experten rechnen wegen der Klimakrise mit Ernteausfällen in Österreich bis zu 19 % in den nächsten 40 Jahren. Die AGES-Studie „Bodenbedarf für die Ernährungssicherung“ geht nämlich von einem Temperaturanstieg zwischen 2,5 und 6 °C bis 2080 aus.

Am stärksten betroffen wären das Weinviertel und Marchfeld mit Ertragseinbußen bis zu 48 %, ebenso die Steiermark, das Burgenland und auch das Wald-und Mühlviertel. Die AGES-Experten prognostizieren für diese Regionen dann Ernteausfälle bis zu 30 %. Derzeit ist bei Weizen, Roggen, Mais und Zuckerrüben die Selbstversorgung gegeben, das könnte sich bei Fortschreiten der Klimaentwicklung dramatisch ändern.
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