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Musik

Sound und Sauen

Inntöne
Maria Goller
am
23.05.2019

Auf dem Buchmannhof geht es um Qualität: beim Schweinefleisch genauso wie bei der Musik.

Diersbach/OÖ - Er ist wie ein bissl aus der Zeit gefallen, der Hof von Paul Zauner im Innviertel. Keine Biogasanlage, kein moderner Maststall, kein 200-PS-Traktor in der Maschinenhalle. Rund um den malerisch gelegenen Vierseithof erstrecken sich Wiesen und Felder, der nächste Ort heißt Diersbach und hat etwa 1500 Einwohner. Und doch ist der Buchmannhof wohl einer der bekanntesten Bauernhöfe Österreichs. Er ist Sehnsuchtsort und Besuchermagnet für Musikliebhaber aus der ganzen Welt. 

Einmal im Jahr treffen sich hier 3000 Menschen, die eines verbindet: ihre Liebe zum Jazz. Legenden wie Newcomer treten auf dem INNtöne Jazz-Festival auf, das Programm steckt drei Tage lang voller Höhepunkte. Mittendrin steht Paul Zauner, gefeierter Posaunist und ein Meister der Organisation. Das ist sein Wochenende. Die Zeit, die seine beiden Leidenschaften vereint: die Musik und die Landwirtschaft. Zauner liebt beides: „Die Natur ist Jazz und Jazz ist die Natur. Was gibt es Schöneres, als das alles wenigstens einmal im Jahr hier bei uns zusammenzuführen“, sagt er strahlend. Jazz ist sein Leben. Und jetzt ist Leben am Hof. 

Drei Tage ist der ganze Hof ein Jazzfestival

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Auf drei Bühnen wird gespielt. Da ist die große Bühne in der Scheune, wo 600 Sitzplätze angeboten werden. Daneben steht der Blue Horse Club, ein 200 Jahre alter Gewölbestall, gebaut für die Rösser des Hofes lange bevor es Traktoren gab. Im Droatboden darüber finden Kunstausstellungen statt. Gegenüber liegt das St. Pig’s Pub, in dem gerne bis in die Morgenstunden gefeiert wird. Auf der großen Wiese hinterm Wohnhaus dürfen die Gäste Campen. Der ganze Hof ist ins Festival integriert. Kinderprogramm und regionales Catering von verschiedenen Partnerfirmen gehören freilich dazu.

Sie wirkt so selbstverständlich, diese Symbiose von Bulldog und Bass, von Heustadel und Saxophon. Dabei begann das Festival eigentlich an einem anderen Ort. „Damals wollten wir eigentlich nur ein Doppelkonzert spielen im Schloss in Sigharting. Die Gemeinde hat uns unterstützt und es gab auch etwas Geld vom Land. Irgendwie hat jemand beim Anmelden das Wort Festival verwendet und so waren die Fördergelder auch an dieses Format gebunden. Also haben wir gesagt: „Mach ma halt a Festival.“ Die Erfolgsgeschichte begann also im Schloss. Aber langsam wurde es dort zu eng und Zauner suchte nach einem neuen interessanten Ort.

Bis er irgendwann mit seiner Mutter Maria daheim über den Hof ging und befand: „Wir haben ja eh alles daheim, was wir brauchen.“ Jazz am Bauernhof war geboren. Alle Unterstützer und Freunde waren begeistert. Es wurde gemeinsam geräumt und geputzt. Dabei war von Anfang an klar, der Hof sollte so bleiben wie er ist. Auch jetzt, 19 Jahre später, sieht man den Ställen nur vage an, was sie in sich bergen. Der Stadl verfügt über eine imposante Tribüne, alles ist für den optimalen Sound ausgerichtet, ohne den rustikalen Scheunen-Flair zu verletzen.

Auch in Club und Pub ist nichts durchgestylt, man sieht, was der eigentliche Zweck der Gebäude war und spürt die Geschichte, die Tradition des Ortes. „Das begeistert die Musiker besonders. Es ist eine besondere Atmosphäre bei uns, die findet man nicht so schnell wieder.“ Die 86-jährige Mama Maria Zauner ist hingerissen von der neuen Verwendung der alten Gebäude. „Ich bin hier aufgewachsen, ich verbringe mein ganzes Leben auf dem Hof. Dass jetzt so viele Menschen zu uns kommen, das ist Balsam für meine Seele.“ 

Es ist eine logistische Meisterleistung und eine bürokratische Herausforderung, das einzigartige Festival durchzuführen. Wie alle großen Geschichten in der Landwirtschaft beginnt also auch diese im Büro. Das Improvisieren nämlich findet beim INNTöne Jazz-Festival  nur auf der Bühne statt. Der Rest ist durchkalkuliert und gemanagt, auch wenn Paul Zauner mit seinem Wuschelkopf und den verträumten Augen auf den ersten Blick nicht wirkt wie ein Dipferlscheißer.

Grinsend erinnert er sich an seine Schulzeit an der landwirtschaftlichen Mittelschule in St. Florian bei Linz. Dort hat er maturiert. „Betriebswirtschaft war ein wichtiger Teil der Ausbildung und ich war da richtig gut. Auch wenn mein Leben eine ganz andere Richtung eingeschlagen hat, das Arbeiten mit Zahlen und Verträgen hat mir schon immer Spaß gemacht. Das ist eine Herausforderung.“ Die fängt jedes Jahr von neuem an, kaum dass die Aufräumarbeiten abgeschlossen sind, denn: Nach der Show ist vor der Show.

Die kreativsten und besten Musiker am Hof

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Und so beginnt Paul Zauner bereits nach Pfingsten mit den Vorbereitungen für das nächste Festival. Die Künstler müssen verpflichtet werden.  Teile des Programms hat er schon im Sommer im Kopf, festnageln will er sich aber nicht zu schnell. „Bis Februar
lass ich noch Lücken, weil es ist schon auch Teil vom Konzept, dass ich Newcomer dabei hab, Leute, die man nicht gleich auf dem Schirm hat. Und auf die stoße ich halt auch oft a  bissl später.“

Zauner will die interessantesten, kreativsten und seiner Meinung nach besten Musiker auf den Hof holen. „Viele sind noch nicht so etabliert aber energetisch voll drauf. Dann sind sie bei mir genau richtig.“ Abwechslung und Harmonie sind ihm wichtig. „Es sollen verschiedene Klangfarben, Lautstärken und Emotionen zusammenkommen. Das eine bewirkt, dass das andere besser gehört wird. Wenn uns das gelingt, dann haben wir alles richtig gemacht.“

Bis der Sound auf den Bühnen genossen werden kann, gilt es aber noch Verträge zu verhandeln, Nutzungsrechte zu formulieren, mit Anwälten in New York und London zu korrespondieren – und die Presse zu betreuen. 50 internationale Journalisten sind jedes Mal vor Ort, darunter Vertreter der Financial Times und des Rolling Stones Magazin. Ein Übertragungswagen des ORF ist rund um die Uhr im Einsatz, um Tonmaterial für das Jahr mitzuschneiden. Bei Radiosendern in ganz Europa werden die Aufnahmen verarbeitet.

Wie kann das sein, dass ein derart renommiertes internationales Ereignis, das seit 34 Jahren etabliert ist, nicht kommerzialisiert wird? Wie kann diese einzigartige familiäre Stimmung, die so viele Menschen begeistert, erhalten bleiben? Hier kommt die Landwirtschaft ins Spiel. Paul ist trotz des Erfolgs nie abgehoben. Dazu ist er zu geerdet. Der Hof, die Felder, die Schweine, die Muskelarbeit, das Zusammensein mit seiner Frau, den Kindern, seiner Mutter Maria, die als Austragsbäuerin resolut und gut gelaunt bei allen Projekten mit dabei ist – das alles bestimmt eben auch den Alltag. 

So kreisen Paul Zauners Gedanken auch kurz vor den Konzerten nicht nur um die Frage des Kartenverkaufs und um das Catering sondern auch um den neuen Zaun, der wegen der drohenden Schweinepest für seine Bioschweine errichtet werden muss. Viele seiner Kollegen zwingen die neuen Auflagen zum Aufgeben. „Aber ich will weiter machen, von sowas lasse ich mich nicht abbringen.“ Also wird investiert.

Fleisch und Most vom Hof wird am Festival verkauft

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Mitte der 90er-Jahre hatte Paul den Hof von seinen Eltern übernommen. Damals gab es noch keine biologische Landwirtschaft, es wurde Wert auf Quantität gelegt, oder wie er erklärt: „Da hat aus jedem Loch a Sau rausgschaut.“ Mit viel Geduld schafften Zauners eine harmonische Umstellung, 30 Freilandschweine werden heute gemästet und vermarktet, auf 15 ha Feldern und Weiden wird das Futter produziert. Außerdem gibt es Obstbäume, die für reichlich Most sorgen, der auf dem Festival genau wie Teile des Biofleisches und das selbst angebaute Gemüse verkauft wird.

Wenn Paul Zauner über seine Art der Landwirtschaft spricht, wird er schon philosophisch. „Wer schlecht produziertes Fleisch konsumiert, dem geht’s einfach schlechter, der hat schlechte Schwingungen. Wir können unserem Körper und unserer Seele nichts Besseres tun als gutes, gesundes Essen.“ Um dies zu erreichen, bedarf es bei der Produktion der guten fachlichen Praxis, die Zauner vertritt. „Wir Bauern sind verantwortlich, dass wir ordentlich arbeiten, die Böden schonend behandeln, Humus bilden und Erosionen verhindern. Das Bodenleben muss im Fokus sein, nur so können wir einen optimalen Ertrag haben. Gute Strukturen im Boden und eine gescheite Fruchtfolge, das macht gute Landwirtschaft aus.“ Beim Fleisch setzt Zauner auf eine Mischung aus Tradition und moderner Veredlung: Seine Schweine sind Kreuzungen aus dem vom Aussterben bedrohten Schwäbisch-Hällischen Landschwein und dem Pietrain Schwein.

Die Vermarktung läuft über die Plattform www.freilandschweine.info/ So ist das Smartphone ein wichtiges Hilfsmittel für Paul Zauner, denn auch der Kartenverkauf und die Werbung fürs Festival laufen übers Web. Gutes Internet und internationale Kontakte sind entscheidend für das Projekt Jazz am Bauernhof.

So verschlafen der Hof auf den ersten Blick wirken mag – mit dem Gesamt-Konzept und seiner Umsetzung, mit der Verbindung der Musik und der Landwirtschaft als miteinander verwobene Kulturgüter ist Zauner seiner Zeit vielleicht sogar voraus.

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