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Therapietiere

Tierisch entspannt unterwegs

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Redaktion Wochenblatt, Wochenblatt
am
24.05.2018

Birgit Knecht-Burghard aus Röns in Vorarlberg nutzt Neuweltkameliden für therapeutische und pädagogische Zwecke. Ihre großen und kleinen Klienten und Gäste wissen den Umgang mit den gemütlichen Anden-Tieren zu schätzen.

Neugierig, aber zurückhaltend beäugt werden Gäste im Stall von Birgit Knecht-Burghard. Nicht aber von der sympathischen Vorarlbergerin selbst, sondern von ihren exotischen Langhälsen. Die sechs Alpakas sowie Lama-Wallach Cuzco, der als Chef der Herde mit seiner Körpergröße und dem besonders wachsamen Blick deutlich hervorsticht, warten darauf, von ihrer Halterin auf die Weide gelassen zu werden. Ein einzelner fremder Journalist mit Kamera sorgt dabei für Anspannung unter den Tieren, werden Männer doch mit einem für sie unangenehmen Besuch des Tierarztes oder der alljährlichen Schur verbunden. Entsprechend distanziert und kritisch verhalten sich die Tiere.

Als Therapietier vielseitig einsetzbar

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Ihre Launen und Stimmungen zu zeigen, genau das gehört aber zur Aufgabe der bunten Truppe. Denn die sogenannten Neuweltkameliden verdienen ihr täglich Heu unter anderem als Therapietiere. Dafür hat sich die studierte Verhaltens- und Erziehungswissenschaftlerin die Tiere vor knapp zehn Jahren angeschafft und hilft heute neben ihrer hauptberuflichen Arbeit in einer Feldkircher Drogenberatungsstelle Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen, ihre Probleme – ob physischer oder psychischer Natur – zu bewältigen. „Der Kontakt zu Tieren wirkt sich positiv auf den Blutdruck, auf die Linderung von Schmerzen und die Muskelentspannung aus“, erklärt die Expertin grundlegend. Daneben könnten beim Umgang mit den sensiblen und wachen Andenbewohnern Sozialverhalten geübt, Selbstbewusstsein gestärkt sowie motorische und geistige Fähigkeiten gefördert werden. „Ich beobachte häufig, dass sich beim Kontakt mit den Tieren schnell Scheu beiderseits abbaut und sich bei meinen Klienten eine entspannende Wirkung zeigt.“

Für die gezielte Zusammenarbeit von Klient und den stolzen, aber dennoch sanftmütigen Nutztieren hat sich die 38-jährige Vorarlbergerin speziell fortgebildet. Rund 2,5 Jahre dauerte die sogenannte AATLA-Ausbildung (Animal Assisted Therapy with Lamas and Alpacas), für die sie regelmäßig nach Deutschland reiste. „Die Inhalte reichen von der Sachkunde zum Tier über das Tierverhalten bis hin zu den verschiedensten Krankheitsbildern des Menschen, die mit den Lamas und Alpakas bearbeitet werden können.“

Eindeutige Reaktion mit Körpersprache

„Es geht darum, Probleme, die im Alltag der Klienten auftreten, in Zusammenarbeit mit den Tieren zu bearbeiten und die Lösungswege dann wiederum in den Alltag zu integrieren. Dafür eignen sich die Alpakas und Lamas hervorragend, weil sie eine ganz klare Körpersprache haben und ihren Unmut oder ihr Wohlbefinden sofort zeigen oder sich sogar akustisch bemerkbar machen“, sagt die Tierhalterin und blickt zu Herdenchef Cuzco hinüber, der sich zwischenzeitlich deutlich entspannt hat und sich von ihr am Hals kraulen lässt. „Viele Menschen haben Schwierigkeiten in Kontakt und Beziehung mit anderen Menschen zu treten, sehnen sich aber trotzdem nach Berührung. Bei den Alpakas und Lamas ist die Schwelle geringer und sie tun sich leichter.“ Oft helfe alleine schon die Erfahrung, dass jemand direkt auf die Person reagiere.
Reaktionen kommen von den Alpakas und Lamas prompt: „Man kann mit den Tieren ganz toll üben, was Körpersprache bewirkt: „Jeder Mensch und jedes Tier reagiert anders gegenüber Neuem. Anfangs haben beide Seiten Respekt – das braucht dann gut zehn Minuten, bis sich das löst. Cuzco ist da Profi – mit schüchternen dreijährigen Kindern läuft er brav mit – wenn aber ein Jugendlicher nur zieht, bleibt er einfach stehen. Erst wenn man sich mit ihm einlässt, läuft er. Generell beobachtet sie bei den unterschiedlichen Altersklassen große Unterschiede: „Die Kleinsten sind total fasziniert von den Tieren, mit zwölf Jahren genießen sie es, die Tiere zu streicheln und Jugendliche sind zu cool für diese Welt. Die haben oft Angst, dass die Tiere spucken – wenn man eine Weile unterwegs ist, fallen aber trotzdem die Masken.“
Das therapeutische Angebot nutzen beispielsweise Jugendhilfe-Einrichtungen und vereinzelt auch erwachsene Suchtklienten: „Manchen hilft es enorm, wenn wir bei den Tieren sind – da können wir dann ohne den Druck der vier Wände im Heu sitzen, die Tiere beobachten und streicheln und entspannt miteinander reden.“ Die tiergestützte Therapie ist aber trotz Knecht-Burghards Ausbildung nur in Verbindung und Unterstützung einer therapeutischen Einrichtung möglich.

Kinder lernen mit den Tieren spielerisch

Anders bei der tiergestützten Pädagogik – hier kann die Pädagogin unabhängig arbeiten. Einmal wöchentlich ist sie dazu beispielsweise mit dem örtlichen Kindergarten unterwegs. „Im Umgang mit den aus ihrer Sicht großen Tieren können die kleinen Kinder Selbstbewusstsein lernen und Grenzen erfahren. Unsere Alpaka-Dame Merina zeigt beispielsweise sehr schnell Stress an – wenn es ihr zu hektisch und zu laut ist oder man ihr zu nahe tritt, drückt sie das klar mit ihrer Körperspannung aus. Damit sich die Tiere bei ihrer Arbeit sicher und wohl fühlen können, ist meine Verantwortung dem Tier gegenüber sehr wichtig“, sagt die erfahrene Fachfrau und erklärt, dass sie die Tiere beispielsweise unter den Gästen auch mal austauschen muss.
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„Das Tolle an der Arbeit mit den Tieren ist, dass man auf den Spaziergängen auch viele andere Themen mit einfließen lassen und den Kindern vermitteln kann.“ Eine zentrale Rolle spielt dabei die Landwirtschaft: „Wir laufen bei Bauern im Ort vorbei und erzählen von deren Arbeit und ihren Produkten. Die Kinder sollen wissen, welche Werte mit der Landwirtschaft verbunden sind und was damit alles zusammenhängt.“ Daneben reichen die Themen von Kräutern am Wegesrand über Tabuthemen wie Tod und Fortpflanzung bis hin zur Wolle der Tiere.

Wolle zu Kleidung und Decken verarbeitet

Denn wie Pullis und Socken hergestellt werden, kann Knecht-Burghard aus eigener Erfahrung berichten. Einmal jährlich im späten Frühjahr werden die Tiere geschoren. 3 bis 4 kg der hohlfaserigen und hochwertigen Wolle fallen pro Schur und Tier an. Die feine Faser genießt im Hause Knecht-Burghard eine hohe Wertschätzung: „Man wirft keine tierischen Produkte weg“, stellt sie klar und erklärt, dass sie die Wolle selbst wäscht, kardiert und spinnt. „Die Wolle eignet sich hervorragend zum Stricken und Filzen – und es ist was Besonderes, wenn man die Sachen von seinen eigenen Tieren trägt.“
Neben Schals und Mützen werden mit der Wolle auch Steppdecken befüllt: „Das ist ein typisches Alpakaprodukt – man kann so die kürzeren Fasern verarbeiten, die sich nicht zum Spinnen eignen.“ Rund 2 bis 3 kg Wolle werden jährlich zum Betrieb Wölkart im steirischen St. Josef geschickt, der daraus zwei Decken pro Jahr näht. „Die Wolle ist durch die Hohlfaser thermoregulierend, leitet Feuchtigkeit sehr gut ab und ich habe noch nie jemanden erlebt, der auf das Naturprodukt allergisch reagiert hat“, weiß die begeisterte Woll-Liebhaberin.

Wanderungen in der Natur entspannen

Begeistert von den Tieren sind auch die Freizeitsuchenden, die Knecht-Burghard mit den Alpakas und ihrem Lama um den Walgau-Ort Röns führt. „Die Leute suchen nach Gemütlichkeit – und wir sind gemütlich unterwegs“, erklärt sie sich, dass auch immer mehr Familien aus dem Umland zu ihr kommen und mehrstündige Trekkings buchen. „Wir spazieren dann durch die Wälder und machen Lagerfeuer mit Stockbrot.“ Und spätestens nach einem ausgedehnten Spaziergang und ausgiebigem Kennenlernen, sind auch Lama Cuzco und seine kleine Alpakaherde vollkommen entspannt.
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