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Landwirtschaft im Wandel

Vernetzung als Überlebensstrategie

Tirol
Paul Kannamüller
am
29.01.2018

Tirol setzt auf Kooperationen

Tirol

Tradition und Moderne: Es ist immer wieder ein Spagat, den die Bauern im Gebirgsland Tirol bewältigen müssen. Und das spiegelt sich auch im Jahresthema wider, bei dem es dieses Mal im weitesten Sinne um die Kommunikation im digitalen Zeitalter geht. Und so sollen unter dem Motto „Landwirtschaft verbindet – Vernetzung schafft Neues“ unter anderem Projekte vorgestellt werden, die beispielhaft für gut funktionierende brancheninterne oder branchenübergreifende Vernetzung stehen. Dazu braucht es nach den Worten des Tiroler LK-Präsidenten Josef Hechenberger strategische Partner, „weil wir als Landwirtschaft alleine die zukünftigen Herausforderungen schwer bewältigen können“.
Nachdem das vergangene Jahr im Zeichen der Berglandwirtschaft stand, will sich die Tiroler Landwirtschaftskammer nun im heurigen Jahr dem Schwerpunkt „Vernetzung“ widmen. Hintergrund für die Wahl dieses Jahresmottos sei die wichtige Rolle, welche die Landwirtschaft in der Gesellschaft einnimmt: Wirtschaftsmotor, Landschaftspfleger und vor allem Lebensmittelproduzenten sind nur einige der Stichwörter, die in dem Zusammenhang genannt werden. Im Jahresschwerpunkt 2018 soll vor allem auch aufgezeigt werden, warum die Bäuerinnen und Bauern ein unverzichtbarer Bestandteil Tirols sind und welcher Mehrwert durch Kooperationen entstehen könnten.
„Die Vernetzung ist eine entscheidende Aufgabe für unsere Zukunft“, sagte Hechenberger in einem Interview auf der hauseigenen online-Plattform. Wichtig dabei seien auch Unterstützer und Organisationen, „die uns begleiten“. Das können sowohl bereits bestehende, gut funktionierende Projekte oder Initiativen als auch Ideen sein, die noch in der Planungsphase sind.  Auch sei man dabei, den Bereich der Genossenschaften weiterzuentwickeln. Außerdem wolle man beispielsweise mit der Tirolwerbung und verschiedenen anderen Institutionen Partnerschaften eingehen, um noch stärker das Thema Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion zu verankern.
Apropos Vernetzung: Positiv sieht der LK-Präsident, dass der Tourismusbereich künftig im Landwirtschaftsministerium angesiedelt ist, das die neue Regierung umgetauft hat in Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus. Ihn störe diese Umbenennung grundsätzlich und fügte an: „Wörter werden getauscht, aber die Landwirtschaft bleibt.“ Nichtsdestotrotz erwarte er von der neuen Ministerin eine spürbare Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus, wovon beide Branchen stark profitieren könnten.

Sagen, wo das Fleisch herkommt

Josef Hechenberger

Handlungsbedarf sieht Hechenberger auch bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln, weil hier die hiesigen Kleinbetriebe mit Billigprodukten aus der Industrie konkurrierten müssten. Gerade in Großküchen würde über den Preis eingekauft, die Herkunft und Produktionsbedingungen der Lebensmittel spielten dabei vielfach nur noch eine untergeordnete Rolle. Dann sollte man nach Ansicht von Hechenberger „aber auch so ehrlich sein und den Menschen sagen, wo z.B. das Fleisch auf den Tellern herkommt“. Für öffentliche Großküchen fordert er deshalb auch eine gesetzlich verpflichtende Herkunftskennzeichnung. Das Grundproblem nämlich sei, dass der kleine Direktvermarkter die gleichen Standards zu erfüllen habe wie der große Industriebetrieb. „Das ist eine Benachteiligung, erhöht die Kosten und bringt viele Betriebe dazu, die Direktvermarktung aufzugeben“, betont Hechenberger und fügt hinzu: „Wir kämpfen dafür, dass eine Kleinerzeugerregelung mit etwas erleichterten Standards eingeführt wird.“
Erfreut zur Kenntnis genommen hat LK-Präsident Hechenberger, dass im neuen Regierungsprogramm ein klares Bekenntnis zur flächendeckenden Landwirtschaft auf Basis bäuerlicher Familienbetriebe festgeschrieben wurde. Essenziell dabei sei auch das Bekenntnis zu einer starken gemeinsamen europäischen Agrarpolitik, der 2018 ein entscheidendes Jahr bevorstehe. In den kommenden Monaten werde nämlich der Finanzrahmen für die kommende Periode verhandelt, „und hier ist es wichtig, für Tirol das Maximale zu herauszuholen“.

Alle wollen mitentscheiden

Genauso wichtig sei es aber, an der Produktweiterentwicklung zu feilen. Hechenberger: „Wir Bauern sind keine Leistungsentgeltempfänger, sondern Produzenten. Wir brauchen einen guten Preis, dann macht es Spaß.“ Im Übrigen gibt es nach Meinung von Hechenberger keine Berufsgruppe, in die sich so viele „hineinreklamieren“ wie bei den Bauern. „Hinter unseren Produkten und unserer Arbeit stehen jede Menge Fachwissen, doch alle wollen mitentscheiden“, kritisiert Hechenberger. Gut ins Bild passt da auch die Diskussion um die Wiederansiedlung des Wolfes. Es gehe hier auch um die gesellschaftliche Frage, ob künftig die Almwirtschaft in gewohnter Weise und damit auch die Biodiversität aufrechterhalten werden soll. Hechenberger stellt klar, „dass beides nicht geht“. Er könne nicht verstehen, dass man eine Tierart so extrem schützt, obwohl davon in Europa fast 30 000 Stück existierten und damit bei weitem nicht mehr vom Aussterben bedroht sei. Für den „Ernstfall“, also bei Einwanderung des Beutegreifers, fordert der LK-Präsident einen Managementplan.

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