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Zuerwerb

Wie viele Standbeine dürfen es sein?

Landfrauen-OÖ_B
Externer Autor
am
07.01.2019

Vier Bäuerinnen aus Oberösterreich erzählen aus ihrem prall gefüllten Alltag

Linz/OÖ Oft verrichten Bäuerinnen am Hof verschiedene Tätigkeiten und sind multitaskfähig im wahrsten Sinne des Wortes: Sie managen Betrieb und Familienleben, engagieren sich im Ehrenamt und gehen oftmals auch noch einer außerbetrieblichen Arbeit nach. Das richtige Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Tätigkeiten zu finden, sei für viele eine große Herausforderung, heißt es im Grünen Bericht.

Gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Veränderungen hätten sich nicht nur auf die landwirtschaftlichen Betriebe, sondern auch auf das Lebens- und Arbeitsfeld der Bäuerin ausgewirkt. Gleichwohl genießt der Beruf der Bäuerin sowohl in der Bauernschaft als auch bei den Konsumenten hohe Wertschätzung, die sich allerdings oft nicht in einem entsprechenden Einkommen niederschlägt. Etwa in Oberösterreich werden rund 44 % der Bauernhöfe von Frauen geführt – einige von ihnen gewähren zum Auftakt des neuen Jahres Einblicke in ihre Berufs- und Arbeitswelt – und darüber hinaus in ihr Seelenleben.

Kritik am Fördersystem

Diana Nöbauer, bewirtschaftet gemeinsam mit ihrer Familie einen Milchviehbetrieb im Innviertel. Sie ist im Vorstand der Milchliefergemeinschaft (VdMP), UBV-Vertreterin im Bäuerinnen-Beirat im Bezirk Schärding, Ortsbauernausschussmitglied Wernstein und Mitglied in der Einkaufsgemeinschaft BIV: „Ein besonderes Anliegen ist mir, für die hochmotivierte, nachfolgende Generation einen attraktiven Arbeitsplatz Landwirtschaft und damit eine gesicherte Existenzgrundlage zu schaffen. Nimmt der Anteil der bäuerlichen Familienbetriebe weiter ab, so geht Tradition, Kultur und Brauchtum verloren, worauf gerade Österreich so stolz ist. Es birgt die Gefahr der Abwanderung, vor allem der Jugend, und damit das Aussterben ganzer Dörfer in sich. Um eine rentable Produktion von landwirtschaftlichen Produkten unter den topographischen Bedingungen Österreichs und den hohen gesetzlichen Standards aufrechtzuerhalten, braucht es mehr Unterstützung von Seiten der Politik. Das bestehende Fördersystem bedarf einer dringenden Um- bzw. Neugestaltung.

Als einen ganz wesentlichen Punkt sehe ich im Augenblick die Einführung einer Betriebs- statt einer Flächenprämie. Damit soll erreicht werden, dass landwirtschaftlich genutzte Flächen in Bauernhand verbleiben und nicht zu Anlageobjekten von Investoren werden. Ein weiteres Bedürfnis ist mir die Gleichstellung der bäuerlichen Familie. Somit soll auch pauschal besteuerten Landwirten der Familienbonus, der 2019 eingeführt wird, zu teil werden.“

Multitasking am Hof

Elfriede Hemetsberger, leitet mit ihrem Mann Johann einen 50 ha Biogrünland Betrieb (rund 90 Stück Vieh, davon 50 Milchkühe) in Neukirchen an der Vöckla. Sie engagiert sich bei Raiffeisen, Lagerhaus (Vorstand oder Aufsichtsratsmitglied) sowie ehrenamtliche Goldhaubenfrau; aktiv auch als UBV-Kammerrätin in Linz:

„An erster Stelle in meinem Leben steht immer meine Familie, mein Betrieb und meine Gesundheit. Und damit das alles zusammen auch Freude macht, nehme ich mir auch noch Zeit für mein Hobby: das Stricken von Lederhosenstutzen, Socken und Perlbeuteln. Immer wieder aber stellt sich mir die Frage, wie viele Standbeine eine Bäuerin heutzutage eigentlich ‚braucht‘. Nur mal angenommen, sie hat ein, zwei oder drei schulpflichtige Kinder, dazu Eltern oder Schwiegereltern im Haus, die auch versorgt werden wollen und mit denen es auch nicht immer einfach ist. Die Arbeit in der Landwirtschaft zusammen mit ihrem Mann ist heutzutage wohl nicht mehr genug. Nein, da braucht es noch ein zweites und drittes Standbein, wie beispielsweise Schule am Bauernhof oder „Green care“. Neben der eigenen Familie dann vielleicht auch noch Seminarbäuerin zur Krönung? Nicht zu vergessen den Kirchenchor, Kuchen backen für die Schule – das sind ehrenamtliche Tätigkeiten, die womöglich auch noch auf dem Programm stehen!

Und dann? Dann reißt man sich wahrscheinlich irgendwann die Hax`n (Standbeine) aus... und der Burn out lässt nicht lange auf sich warten. Spätestens dann kommt eine helfende Bäuerin ins Haus mit ihrem vierten Standbein… Und die Moral von meiner (Kurz-)Geschichte? Bäuerin sein allein, das reicht wohl nicht.“

Bessere Einkommen

Ilse Feldbauer, bewirtschaftet mit ihrem Mann einen Schweinezuchtbetrieb (150 Zuchtschweine) im Vollerwerb in St. Willibald im Bezirk Schärding. Sie ist im Landesbäuerinnen-Ausschuss in der Landwirtschaftskammer in Linz; weiters Mitglied bei der Einkaufsgemeinschaft BIV. Ihre Freizeit widmet sie dem Singen und Chorleiten. „Mein Anliegen wäre, endlich wieder längere Zeit bessere Preise für die Produkte in der Urproduktion zu bekommen. Während die Betriebsmittel und die Abgaben an die Sozialversicherung jährlich steigen, bleiben die Erzeugerpreise hinten und können nicht mehr kompensiert werden. Es muss ein Umdenken stattfinden, sonst wird der schon vorhandene Strukturwandel weiter zunehmen.

Es kann nicht sein, dass zusätzliches außerlandwirtschaftliches Einkommen für den Erhalt des Hofes notwendig ist. Welcher Nicht-Landwirt/Arbeiter geht mehreren unselbständige Arbeiten nach, um das Auslangen des täglichen Lebens zu finden? Durch immer neue Forderungen in punkto Tierwohl muss beim Handel ein anderes Bewusstsein einkehren. In Großbritannien gibt es beispielsweise seit einigen Jahren einen eigenen Supermarkt-Ombudsmann als unabhängigen Teil der Wettbewerbsbehörde, der mit eigenen Mitarbeitern und eigenem Budget dem Handel auf die Finger schaut und sogar Strafen verhängen kann. So ein Modell zu prüfen und auszubauen wäre ein wirklicher Fortschritt im Kampf gegen die Marktmacht des Lebensmittelhandels. Um den Arbeitsplatz Bauernhof weiterhin attraktiv und leistbar zu machen, gehört auch ein angemessener Stundenlohn. Durch Standhaftigkeit, Freude am Bäuerin sein und entsprechenden Fachwissen gelingt es trotzdem, erfolgreich zu sein.“

Harte Arbeit würdigen

Gudrun Roitner, leitet seit ihrem 25. Lebensjahr einen konventionellen Betrieb (40 ha Ackerland, 10 ha Grünland), weil ihre Eltern früh verstarben. Die Ernte von ihren Feldern wird über den Vertragsanbau vermarktet; Milch- und Ölkürbisprodukte sowie Masthähnchen können von den Konsumenten direkt am Hof gekauft werden. Sie ist UBV-Vertreterin in der Ortsbauernobmännerkonferenz Bezirk Linz (Land) und Mitglied im LK-Ausschuss für Pflanzenproduktion und Grünlandwirtschaft; weiters in der Einkaufsgemeinschaft BIV: „Ich frage mich immer wieder, was wir Landwirte den Medien (die landwirtschaftliche Fachpresse ausgenommen) wohl angetan haben, dass sie in meiner Wahrnehmung oft hetzerische und vor allem nicht der Wahrheit entsprechende Artikel über uns Bauern in Umlauf bringen. Sich immer nur auf die ausgebrachten Pestizide auszureden, ist meiner Meinung heuchlerisch und entspricht komplett der Unwahrheit. Denn Pflanzenschutzmittel werden schon seit dem zweiten Weltkrieg eingesetzt, wo ja‚ die Welt angeblich noch in Ordnung war - und nicht erst in den letzten 20 Jahren. Oft kommt es einem vor, wenn die Argumente ausgehen, dann haben eben die konventionellen Bauern an allem Schuld. Das Verbreiten von Unwahrheiten muss ein Ende nehmen, die harte Arbeit meiner Berufskolleginnen und Berufskollegen hat mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung in der Öffentlichkeit verdient.“ Paul Kannamüller

Die Bäuerin und das Ehrenamt

Immer mehr Bäuerinnen in Österreich engagieren sich in einem Ehrenamt: Waren etwa 1996 lediglich 34 % der Landfrauen in zumindest einer Organisation ehrenamtlich tätig, so stieg deren Zahl 2006 auf 58 und zehn Jahre später sogar auf 66 %. Dabei gaben rund 27 % der Bäuerinnen an, eine leitende Funktion in einem Verein oder einer Organisation inne zu haben – Tendenz steigend. Weiters gaben 76 % der Bäuerinnen an, bis zu zwei Stunden pro Woche in einem Verein oder einer Organisation tätig zu sein; 19 % engagieren sich zwischen zwei und sechs Stunden und 5 % sogar mehr als sechs Stunden pro Woche. Um sich besser einbringen zu können, wünschen sich 40 % der Bäuerinnen mehr Zeit. Etwas über 30 % der Befragten erhofften sich auch mehr Unterstützung durch die Gesellschaft. PK

  • Bäuerinnen fordern bessere Preise für Produkte in der Urproduktion. Denn während Betriebsmittel und Sozialversicherung teurer werden, stagnieren die Erzeugerpreise.
  • Es braucht einen angemessenen Stundenlohn, um den Arbeitsplatz Bauernhof attraktiv und leistbar zu machen.
  • Landwirte brauchen mehr Anerkennung für ihre harte Arbeit. Dazu ist ein Verbreiten von Unwahrheiten, beispielsweise durch Medien, kontraproduktiv.
  • Um eine rentable Produktion unter den österreichischen Bedingungen und den hohen gesetzlichen Standards aufrechtzuerhalten, braucht es mehr Unterstützung von Seiten der Politik. Das Fördersystem bedarf einer Um- bzw. Neugestaltung.

Das Einkommen als Überlebensfrage

Um langfristig überleben und ihre Betriebe nachhaltig bewirtschaften zu können, sind Bäuerinnen und Bauern auf ein adäquates Einkommen angewiesen. In Oberösterreich beispielsweise ist die langjährige Einkommensentwicklung in der Land- und Forstwirtschaft in den letzten Jahren von hohen Schwankungen geprägt. So waren ab dem Jahr 2012 starke Rückgänge bei den Einkommen zu verzeichnen, welche die positiven Entwicklungen der Jahre zuvor wieder zur Gänze aufzehrten.

Erst im Jahr 2016 kam es mit einem leichten Anstieg wieder zu einer Umkehr der negativen Einkommensentwicklung der letzten Jahre, jedoch insgesamt noch auf einem niedrigen Niveau, wie aus dem Grünen Bericht hervorgeht.

Der langfristige Einkommensvergleich mit Löhnen von unselbstständig Erwerbstätigen aber zeigt, dass die Einkommen in der Land- und Forstwirtschaft im Vergleich zu den Unselbstständigen wesentlich geringer ausfallen; am deutlichsten sei die Einkommensdifferenz zu Beschäftigten in der Industrie, wie es heißt.

Im Jahr 2016 betrugen die Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft in Oberösterreich im Durchschnitt 25 868 €/Betrieb (Österreich: 28 042 €/Betrieb). Die Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft je bäuerliche Arbeitskraft (bAK) betrugen 2016 im Durchschnitt in Oberösterreich 19 625 €, in Österreich 21 019 €.

Die Veredelungsbetriebe weisen unter allen Betriebsformen die höchsten Einkünfte pro Kopf auf, gefolgt von den Marktfrucht- und Futterbaubetrieben. PK

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