Login
Milchvieh

Weide und Anbindung - das Berggebiet braucht Kombination

Goglesalm_B
Christian Moser
am
14.01.2019

Die Kombinationshaltung aus Weide und Anbindestall ist für Bergbauern, den Erhalt der Kulturlandschaft und damit auch für den Tourismus überlebenswichtig.

Kohlgrubenalm_B

Zuletzt wurde in den Medien viel über die steigenden Tierwohlanforderungen im Sinne der sogenannten „freien Haltung“ diskutiert. Losgetreten wurde diese Diskussion etwas überraschend durch den Rinderzucht Tirol Facebook-Eintrag Ende September, wo vom Ausstieg 125 Osttiroler Biobauern aus dem Projekt „Zurück zum Ursprung“ von Hofer berichtet wurde. Anzumerken ist dazu, dass dieser Beitrag nicht das Ziel hatte, dieses Projekt in Frage zu stellen.

RAD_WM_Igls_Fankhauser_B

Vielmehr sollte der Beitrag aufzeigen, was die steigenden Tierwohlanforderungen des Handels wie beispielsweise „Täglich Raus“ oder „365 Tage frei“ für das Berggebiet bedeuten. Erwähnenswert ist zudem die Tatsache, dass „Zurück zum Ursprung“ in der nunmehr 10-jährigen Partnerschaft mit den rund 600 Tiroler Biobauern ein verlässlicher und fairer Partner war. Trotzdem hat man mit der „Täglich Raus“-Initiative, verbunden mit der geplanten Laufstallpflicht, für viele Betriebe unüberwindbare Hürden aufgestellt.

Steilflächen_B

Im Marketing von „Zurück zum Ursprung“ wurde immer betont, dass dies eine Marke für den Erhalt der familiengeführten alpinen Landwirtschaft ist. Auf der anderen Seite ist auch verständlich, dass im Handel großer Marktdruck herrscht.

Freilauf bringen Berggebiet unter Druck

Junsalm_Gruabn_Melkplatz_B

Seit einigen Jahren ist Tierwohl ein großes gesellschaftliches Thema. Die Tierwohlstandards „Freilauf bzw. freie Haltung“ wurden daraufhin in den Markenprogrammen des Handels eingebaut. Damit ist der Wettbewerb zwischen den Anbietern am Markt voll entfacht. Milch unter dem Sammelbegriff „freie Haltung“ wird immer mehr zum Verkaufsschlager. Dies bedeutet, dass weitere Anbieter folgen müssen, um ihre Konkurrenzfähigkeit am Markt zu erhalten.

Gschnairalm_Pfunds_B

Dies betrifft nicht nur Bio, auch andere Bereiche müssen reagieren. In Deutschland wird diese Diskussion schon intensiver diskutiert. Dort fordert man beispielsweise, die Kombinationshaltung in den nächsten zehn Jahren zu verbieten. Für das Berggebiet mit ihren kleinen Strukturen, verbunden mit der Bewirtschaftung der Almen, bedeutet das eine immer größere Herausforderung in Sachen Zukunftsperspektiven für Betriebe.

Nicht selten – und das ist durchaus eine neue Dimension in der Diskussion mit den Bauern – hört man Resignation und Aufgabeerscheinungen mit den Worten „Wenn das mit der Kombinationshaltung (Sommer Weide/Alpung und Winter Anbindehaltung) nicht mehr geht, dann lassen wir die Rinderhaltung auf!“

Auswirkungen für das Berggebiet

Mittlerweile hat diese Diskussion schon eine gesellschaftlich relevante Dimension erreicht und wird außerhalb der Landwirtschaft intensiv diskutiert. Dies zeigten auch die vielen Rückmeldungen auf den Facebook-Eintrag. Zahlreiche mediale Beiträge in Zeitungen, Onlineforen und Fernsehen haben diesen Eindruck mehr als bestätigt. Nach dem medialen Echo haben wir einige Punkte dahingehend zusammengefasst, was Tierwohlanforderungen definiert über die „freie“ Haltung für das Berggebiet mit den Almen bedeuten.
Geht man das Risiko einer teuren Investition ein, steigt man aus Programm aus oder lässt die Rinderhaltung überhaupt auslaufen? Zwei Varianten kosten dem Betrieb Geld und eine Variante macht marketingtechnisch ausgedrückt „frei“. Folgende Entscheidungsvarianten sind möglich:
  • Variante A: Man baut den geforderten Laufstall. Die Kosten sind sehr unterschiedlich und von vielen Faktoren abhängig (braucht man Stützmauern am Berg, muss man auch Futterbergeräume bzw. Güllelager und/oder Miststätte neu bauen, für wie viele Kühe baut man, welchen Melkstand baut man? Hier sollte nicht vergessen werden, dass ein Tiroler Betrieb in der Kombinationshaltung durchschnittlich sechs bis sieben Kühe hat.
  • Variante B: Man steigt aus und bekommt weniger für seine Milch.
  • Variante C: Der Betrieb stellt die Rinderhaltung ein, überlegt Alternativen und/oder geht seinem eigentlichen außerlandwirtschaftlichen Beruf nach. Viele Betriebe werden im Nebenerwerb geführt.
Einige Betriebe werden die Variante A wählen. Viele Betriebe werden sich für Variante B (wahrscheinlich stilles Auslaufen des Betriebes) oder C entscheiden. Die Konsequenz daraus ist, dass die Zahl der Betriebe mit Tierhaltung zurück geht. Eine Verpachtung ist auch nicht einfach. Viele Betriebe sind arbeitstechnisch schon an ihren Grenzen. Die Bewirtschaftung von Hanglagen ist zudem sehr zeit- und kostenaufwendig. Wenn in den Heimbetrieben keine Rinder mehr gehalten werden, so werden sie auch auf den Almen fehlen.
Wir brauchen die Kombinationshaltung (Weide und/oder Alpung Sommer – Anbindehaltung Winter) im Berggebiet und einen fairen und nachhaltigen Preis für die Produkte von diesen Betrieben mit den Almen! Wir brauchen zudem auch einen anderen Zugang zur Tierwohldiskussion: Tierwohl kann sich nicht nur auf die Haltungsform reduzieren. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle, wie Mensch-Tier-Beziehung, Betriebsgröße, Versorgung, Pflege, Tierbeobachtung, Weidehaltung, Alpung usw.

Melken auf den höchsten Melkplätzen Europas

Praxisbeispiele, warum die Kombinationshaltung wichtig ist, gibt es viele. So auch die Junsalm im Tuxertal, die für Mensch und Tier aufgrund ihrer Höhe und Größe eine besondere Herausforderung ist. Insgesamt umfasst die Junsalm ein Gebiet von rund 800 ha. Davon werden 12 ha jährlich auch gemäht. Aktuell bewirtschaften vier Almbauern die Alm. Die 120 Milchkühe stammen aus 16 Betrieben. Fast alle Betriebe halten im Heimbetrieb ihre Tiere in der Kombinationshaltung. Das Besondere an der Junsalm ist, dass die Tiere den größten Teil des Sommers auf über 2000 m Seehöhe verbringen. Rund zwei Monate sind die Tiere aufgrund der Extremheit und Weite des Geländes ständig im Freien. Drei bis vier Wochen verbringen die Kühe auf den beiden Melkplätzen „Kapfer“ und „Gruabn“ auf über 2300 m Seehöhe. Die Melkplätze der Junsalm zählen wohl zu den höchsten in Europa. Nur mit großem persönlichem Einsatz der Bauern ist die Bewirtschaftung möglich. Für viele unvorstellbar ist die Melkarbeit in 2300 m Höhe bei Regen, Sturm und Schneefall.
Auch auf der Kohlgrubenalm bei Reith im Alpbachtal ist die Kombinationshaltung die Grundlage der Almbewirtschaftung. Die Alm ist im Besitz von fünf Bauern. In der vergangenen Saison wurden 88 Milchkühe von zwölf Bauern gealpt. Von diesen zwölf Bauern halten elf ihre Kühe in der Kombinationshaltung und ein Betrieb hat einen Laufstall. Auf der Kohlgrubenalm werden – dies gilt für fast alle Milchalmen in Tirol – die Kühe eine Melkzeit im Stall angebunden und eine sind sie auf der Weide. Viele der Heimbetriebe haben auch zu Hause erschwerte Bedingungen in der Bewirtschaftung ihrer Höfe. Von den knapp 80 rinderhaltenden Betrieben in der Gemeinde Reith i. A. haben 90 % Kombinationshaltung und bislang nur 10 % Laufstallhaltung.

Naturjuwele dank Kombinationshaltung

Ebenfalls stark geprägt von der Kombinationshaltung sind auch die Almen im Naturjuwel Bächental. Hannes Bramböck brachte heuer das Buch über die Almen des Bächentales heraus. Das Bächental ist aufgrund seiner nicht touristischen Nutzung ein besonders geschätztes Naturjuwel im Karwendel an der Grenze zu Bayern. Es verbindet eine optimale Symbiose von Naturschutz, Jagd und Almwirtschaft.
Das Bächental besteht aus sieben Gräben (Bächen). Über 100 Tiroler Bauern geben 2100 Rinder (davon fast 700 Kühe) auf die 26 Almen im Tal. Fast alle Almen des Bächentales haben Anbindeställe, wo die Tiere eine Melkzeit im Stall sind. Je nach Witterung und Temperaturen sind die Tiere am Tag oder in der Nacht auf der Weide. In einem Almsommer sammelt die Tirolmilch rund 1 Mio. l Almmilch. Bei den Auftreibern beträgt der Anteil an Betrieben mit Kombinationshaltung aktuell über 80 %
Die Kombinationshaltung dient auch als Werbeträger für die Tiroler Kulturlandschaft. So zuletzt bei der Rad-WM 2018. Die Rad-WM in Tirol war der Höhepunkt für Österreich auf der internationalen Sportbühne. Sie wurde in 150 Länder der Welt mit 250 Mio. TV-Sehern ausgestrahlt. 300 000 bis 400 000 Besucher an der Strecke sorgten – vor allem am spektakulären Olympiarundkurs und abschließenden „Highwaytohöll“ für eine atemberaubende Kulisse mit Postkartenmotiv. Direkt am Olympiakurs stellten die Kühe von Josef Fankhauser (Badhaushof) in Igls für viele Radfans eine große Attraktion dar. Ein holländischer Radfan konnte das kaum fassen, kannte er dieses Bild doch so überhaupt nicht. Der Badhaushof ist ebenfalls ein Betrieb mit Kombinationshaltung. Zum Unterschied von anderen Betrieben sind die Kühe von Frühjahr bis Herbst auf der Tag- bzw. Nachtweide und im Winter im Anbindestall. Diese Bilder der Kühe aus der Kombinationshaltung wurden in die ganze Welt ausgestrahlt. Nicht nur die Fotos mit den Kühen, sondern auch die vielen imposanten Aufnahmen der von Bauern geschaffenen Kulturlandschaft gingen als große Werbeträger um die Welt.
Den höchsten Anteil an extremen Bergbauernbetrieben bietet Österreichweit der Bezirk Landeck. Im Bezirk Landeck liegen Dreiviertel der Betriebe in der Erschwerniskategorie 3 und 4. Im Durchschnitt hält ein Rinderbetrieb neun Rinder, davon drei bis vier Kühe. Zwei Drittel der Betriebe haben weniger als fünf Hektar. Der Anteil an Nebenerwerbslandwirten ist sehr hoch. Die Kombinationshaltung ist im Bezirk Landeck das große Rückgrat für die Bewirtschaftung der Höfe und Almen mit Erhalt der Kulturlandschaft. Auf der Goglesalm in 1800 bis 2500 m Seehöhe in Fließ werden jährlich 85 Milchkühe von rund 40 Bauern gealpt. Alle Betriebe halten ihre Kühe im Heimbetrieb in der Kombinationshaltung. Die Gesamtgröße der Alm beträgt 440 ha.
Als gutes Beispiel dient auch die Gschnairer Alm im Gemeindegebiet von Pfunds, auf der die Milch der 65 Kühe zu Schnittkäse und Butter verarbeitet wird. Die Alm liegt auf 2042 m Seehöhe und umfasst eine Fläche von 300 ha. 34 Betriebe – davon nur drei mit Laufställen – alpen ihre Tiere auf der Alm. Die restlichen 31 Betriebe haben Kombinationshaltung.

Auf einen Blick

  • Es braucht einen anderen Zugang zur Tierwohl-Diskussion: Tierwohl kann sich nicht nur auf die Haltungsform reduzieren. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, darunter die Mensch-Tierbeziehung, Betriebsgröße, Versorgung, Pflege, Tierbeobachtung, Weidehaltung, Alpung usw.
  • Das Vieh und die gepflegte Kulturlandschaft prägen das Berggebiet und dienen weltweit als Werbeträger.
  • Im Berggebiet können vielerorts aufgrund der Hanglage und der Wirtschaftskraft der sehr klein strukturierten Betriebe kaum Neubauten erstellt werden. Hier braucht es die Kombinationshaltung aus Stall und Weide, um die Kulturlandschaft auch weiterhin zu pflegen und für den Tourismus attraktiv zu halten.

Eckdaten zurAlmwirtschaft

Auf den 2100 Tiroler Almen werden jährlich 186 000 Tiere auf 380 000 ha Fläche gealpt (= fast ein Drittel der Tiroler Landesfläche). Insgesamt verbringen 32 000 Milchkühe, 77 000 Stück Galtvieh, 3100 Pferde, 68 000 Schafe und 5900 Ziegen von 10 000 Auftreibern den Sommer auf den Almen. Rund drei Viertel der Rinder stammen dabei aus Betrieben mit Kombinationshaltung. Es gibt Regionen, wo dieser Anteil noch viel höher ist. Bei den Almauftreibern gibt es viele Betriebe, die mehrere Tiergattungen alpen.

Auch interessant