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Reine Lungau-Biosphärenmilch

Ein Wirtschaftskreislauf schließt sich

Fleckvieh auf Weide im Winter
Patrizia Schallert
am
22.01.2018

Regionalität hat einen hohen Stellenwert bei Familie Draxl aus Salzburg

Familienbild

Für 54 Milcherzeuger im Lungau ist Realität geworden, wovon die meisten Berufskollegen nicht einmal zu träumen wagen: Seit vergangenem Herbst erhalten sie 72 ct/kg angelieferter Milch. Hans Georg Draxl ist einer der 54 Milchbauern. In Vordergöriach bewirtschaftet er einen Biobetrieb mit 25 Fleckviehkühen. Wie seine Mitstreiter legt er den Rindern nur regional erzeugtes Futter vor.  „Durch das Projekt ‚Reine Lungau-Biosphärenmilch‘ schließt sich ein kleiner regionaler Wirtschaftskreislauf.“, sagt Draxl.
Wenn Karin und Hans Georg Draxl von dem Projekt erzählen, leuchten ihre Augen. „Als uns im Herbst 2016 der SalzburgMilch-Geschäftsführer Christian Leeb mit dem Projekt bekannt machte, waren wir sofort von dem Konzept überzeugt.“ Bald darauf gründete Draxl gemeinsam mit sieben Berufskollegen den „Unterstützungsverein Reine Lungau“, dem heute 35 Mitglieder angehören. Mit Mag. Dr. Thomas Guggenberger konnte der Verein einen Experten ins Boot holen. Unter seiner Leitung unterstützt die Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein die Entwicklung der „Reine Lungau“-Betriebe im Rahmen eines Forschungsprojektes. Mit an Bord ist MSc. MBA Markus Schaflechner, Manager des Biosphärenparks Salzburger Lungau.
„Mir taugt die Philosophie, unseren Tieren nur eigenes Futter und zugekauftes Getreide von Berufskollegen aus dem Lungau vorzulegen“, bekräftigt Hans Georg Draxl. Wegen der kurzen Transportwege und -kosten sei das eine Win-win-Situation für die Milch- und Ackerbauern in der Region. Zudem seien außer dem Tankwagen keine anderen Frächter unterwegs. Draxl holt das für seinen Betrieb benötigte Getreide mit dem Traktor von einem Berufskollegen. „Und für die Konsumenten ist es ein gutes Gefühl, wenn sie genau wissen, woher die gekaufte Milch stammt.“
Die Umstellungsphase sei nicht ganz einfach gewesen, räumt Draxl ein. Jede Milchkuh erhält pro Laktation nurmehr einen „Low input“ von 600 g Kraftfutter, erklärt der land- und forstwirtschaftliche Meister. „Weil unsere Kühe ihre Energie für die Milchproduktion nur noch teilweise über das Getreide erhalten, haben sie rund 100 kg an Gewicht verloren.“ Deshalb muss die Eiweißversorgung durch ein qualitativ hochwertiges Grundfutter stattfinden.

 

Kurzrasenweide zur Eiweißversorgung

Kuhstall Futtertisch

Folglich seien die Kurzrasenweiden im Sommer das A und O, da junges Gras sehr viel Eiweiß enthält. Auf den mehr als 1000 m hoch liegenden Ackerflächen im Lungau wachsen weder Mais, Soja noch Raps und von außerhalb der Region darf Draxl für seine Lungau-Milch kein Getreide zukaufen. Auf 2 ha baut er Sommergerste und auf 0,7 ha Hafer an. Weiter gehören zum „Bachbauer-Hof“ 2 ha Hutweide und 13 ha Grünland, das zwei bis vier Mal gemäht wird. Seit der Umstellung auf die Low-input-Fütterung ist die Milchleistung in Draxls Stall gesunken. „Früher waren es rund 7500 kg, künftig werden es voraussichtlich 4500 bis 5000 kg sein. Aber Hochleistungskühe hatten wir ohnehin nie im Sinn.“
Vor 17 Jahren hat Draxl den elterlichen Betrieb mit sieben Fleckviehkühen samt Nachzucht übernommen, um ihn im Nebenerwerb weiterzuführen. 10 ha Grünland und 2 ha Ackerfläche mit Hafer und Gerste wurden damals konventionell bewirtschaftet. „Unser Ziel war es so zu wachsen, dass Karin und ich mit dem Bachbauer-Hof unseren Lebensunterhalt erwirtschaften können.“ Die Betriebserweiterung ergab sich, als mehrere Bauernhöfe in der unmittelbaren Nachbarschaft aufgaben. „Gemeinsam mit anderen Berufskollegen wurden die freigesetzten Flächen jeweils nach dem Bedürfnis der einzelnen Betriebe aufgeteilt.“ Heute beläuft sich Draxls Nutzfläche auf 20 ha, die sich in 14 Feldstücke im Umkreis von 2 km gliedern.
2009 wurde der Kuhstall zu einem Kombi-Stall umgebaut, in dem 20 Milchkühe und 25 Jungtiere unterbracht waren – das Jungvieh im Laufstall und die Milchkühe in Anbindehaltung. Die Stallgröße hat die Familie an die Eigenfläche angepasst. Für die Wintersaison ist ein Auslauf mit Futterunterstand angeschlossen. Von Mai bis Oktober stehen alle Tiere auf der Weide. Von Anfang Juni bis Ende September weiden das Jungvieh und die Trockensteher auf der hofeigenen Alm und auf zwei Agrargemeinschaftsalmen. Im Jahr 2010 stellte der Biobauer von Stier- auf Eigenbestandsbesamung um. Das Sperma bezieht er von der Besamungsanstalt Kleßheim.

 

Zurückhaltung wegen der hohen Kosten

Bauernhof im Winter

Vor drei Jahren gab der 42-Jährige dem Drängen seiner Frau Karin nach und entschied sich für den ökologischen Landbau. „Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir schon viel früher umgestellt“, betont die landwirtschaftliche Facharbeiterin. Ihr Ehemann begründet seine frühere Zurückhaltung mit den hohen Kosten für das Biofutter. Nachdem die beiden im Frühjahr 2017 die Verträge mit der SalzburgMilch für die Teilnahme am Projekt „Reine Lungau Biosphärenmilch“ unterschrieben hatten, reduzierten sie den Viehbestand von 45 auf 35 Tiere. Sie suchen noch nach einer Alternative zur Anbindehaltung. Eine Vergrößerung des Stalls war wegen der unmittelbaren Angrenzung zum Nachbargrundstück nicht möglich, sagt der Biobauer. „Ich bin zuversichtlich, dass wir einen Weg finden werden.“ Für den Winter hat er im Auslauf zeitnah einen Unterstand geplant. „Wenn der Wind so eisig bläst und die Temperaturen weit unter Null sinken, sind die Tiere nicht gerne draußen.“ Weiteres Betriebsstandbein ist der „Urlaub am Bauernhof“. Die „Bachbauernhütte“ auf der Granglitzalm liegt auf 1900 m Höhe und ist idealer Ausgangspunkt für Wanderungen und Mountainbiketouren. Die Almhütte bietet Platz für sechs Personen, das Schlafzimmer ist mit einem Schwedischen Ofen ausgestattet. In der Küche steht ein uriger Holzofen, auf dem die Gäste kochen können. Eine Photovoltaikanlage liefert Strom
Zum Betrieb gehören 7 ha Wald, der das Holz für die Hackschnitzelheizung am Wohnhaus liefert. Außerdem ist die Familie Mitglied bei der Agrargemeinschaft „Göriacher Genossenschaftswald“ mit einer Forstfläche von 1200 ha, der Hans Georg als Obmann vorsteht. Für diesen Wald haben die Draxls ein Jahresholzbezugsrecht von 84 fm, das im eigenen Sägewerk verarbeitet und direkt ab Säge vermarktet wird. Karin setzt sich ehrenamtlich als Ortsbäuerin für den Berufsstand ein. Ihren Kindern versuchen Karin und Hans Georg Draxl ,die Wertschätzung gegenüber der Natur und der bäuerlichen Urproduktion näherzubringen. „Wenn es die Zeit zulässt und unsere Hütte frei ist, verbringen wir gerne ein paar Tage oben in den Bergen und lassen den Alltag hinter uns.“ Solange wird die Familie von Hans Georgs Eltern
vertreten.

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