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Sturmschäden Südostbayern

Der Anblick lässt das Herz bluten

AELF Passau
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Gerd Kreibich, Wochenblatt
am
24.08.2017

Passau/Freyung - Der orkanartige Sturm, der in der Nacht vom 19. auf den 20. August über Niederbayern gezogen ist, hat eine Spur schlimmster Verwüstungen hinterlassen.

In der Landwirtschaft sind große Schäden zu verzeichnen, die nach ersten Schätzungen in die zig-Millionen gehen dürften. Besonders die Wälder wurden in Mitleidenschaft gezogen, vielerorts blieb nur noch Bruchholz übrig. Auch beim Maisanbau wurden große Schäden festgestellt.
Bereits am Sonntag nach dem Unwetter besuchten Landwirtschaftsminister Helmut Brunner und der örtliche Bundestagsabgeordnete Andreas Scheuer gemeinsam mit dem Passauer Landrat Franz Meyer die Schadensregion im Kreis Passau. Mit dabei waren auch Vertreter des Bayerischen Bauernverbandes.
BBV-Kreisobmann Hans Koller aus Thyrnau ist selbst schwer betroffen vom Unwetter, er weiß also, wovon er redet, wenn er die Situation beschreibt. „20 Hektar Waldfläche hat der Sturm bei uns regelrecht platt gemacht, da gibt es keinen Baum mehr“, berichtete er. Den Schaden schätzt er auf einen hohen sechsstelligen Betrag und er geht davon aus, dass sich viele Waldbesitzer in einer ähnlichen Situation befinden. Besonders schlimm sei, dass der Schaden Auswirkungen über Generationen haben werde: „Wir können jetzt aufforsten, aber es dauert noch mindestens 50 Jahre, bis diese neuen Bäume dann schlagfähig sind“, so Koller, dem auch klar ist, dass ihm mit der Waldwirtschaft ein wichtiger Teil seines Betriebes im wahrsten Sinne des Wortes „weggebrochen“ ist – und er ist nicht der einzige Waldbesitzer, der mit dieser dramatischen Situation fertig werden muss.
Staatsminister Helmut Brunner brachte seine Eindrücke mit einem Satz auf den Punkt, den alle Waldbesitzer in der Region teilen dürften: „So ein Anblick lässt das Herz bluten“, sagte der Minister sichtlich betroffen. Es sei nun einmal so, dass man Wälder nicht wie eine kaputte Straße instand setzen könne, betonte er. „Der Wald wird völlig neu begründet werden müssen“, ist für Minister Brunner klar.

Schaden unglaublich und schockierend

Sturmschäden

Landrat Meyer bezeichnete den Schaden als „unglaublich und schockierend“. Insgesamt beträgt seiner Auskunft nach die entstandene Kahlfläche in den Wäldern nach ersten Hochrechnungen rund 3200 Hektar.
Minister Brunner sagte den Menschen in der Region Hilfe zu. Im Kabinett solle schnellstmöglich über steuerliche und finanzielle Hilfen entschieden werden. „Wir werden Landwirte, Hausbesitzer und Kommunen nicht im Stich lassen“, so der Minister. Die Schäden an Gebäuden und Infrastruktur nach dem verheerenden Unwetter in der Nacht auf Samstag im Landkreis Passau dürften einer ersten Umfrage des Landratsamtes Passau bei mindestens 40 Mio. € liegen. Das geht aus einer ersten Befragung der betroffenen Gemeinden durch das Landratsamt Passau hervor.
Damit hat der Sturm für ein Gesamtschadensbild gesorgt, das in dieser Form in der Geschichte des Landkreises Passau einzigartig ist. Enorme Windbrüche sind nicht nur im nördlichen Landkreis mit den Schwerpunkten Hauzenberg, Straßkirchen und Thyrnau zu verzeichnen. Auch unter anderem in Pocking, Bad Griesbach und Dorfbach kam es zu teilweise flächendeckendem Windbruch.
Landrat Franz Meyer und sein Stellvertreter Raimund Kneidinger, der noch in der Nacht auf Samstag den Katastrophenfall ausgelöst hatte, sprachen in diesem Zusammenhang von einer „Veränderung des Landschaftsbildes in manchen Landkreisteilen“. Die Zusicherung von Minister Brunner, den Landkreis Passau beim Einsatz von schwerem Räum- und Holzerntegerät in den großflächigen Windbruchgebieten zu unterstützen, wurde gerne angenommen.
Laut Landrat Franz Meyer habe sich auch Ministerpräsident Horst Seehofer eingeschaltet und Unterstützung zugesichert. Der Leiter der bayerischen Staatsforst-Verwaltung Martin Neumeyer habe bereits entsprechende Unterstützung signalisiert, unter anderem werde der Staatsforst ab sofort kein Holz mehr in den Markt geben, um so die Preise zu stützen.
Für Anfragen hat das Landratsamt Passau ein Bürgertelefon eingerichtet, das unter der Nummer 0851-397- 360 freigeschaltet ist. 

Katastrophe auch in Freyung-Grafenau

Unwetterschäden

Katastrophal ist darüber hinaus auch die Situation im Kreis Freyung-Grafenau. „Die Schäden dürften in die Millionen gehen“, erklärte die stellvertretende Landrätin Helga Weinberger. Der Sturm habe in etwa einem Drittel der gesamten Waldfläche im Landkreis Freyung-Grafenau Schäden in größtem Ausmaß verursacht.
Der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes im Kreis Freyung-Grafenau, Johann Döringer, war bereits in den ersten Stunden und Tagen nach dem Sturm unterwegs, um mit Berufskollegen zu sprechen: „Ich habe Waldbesitzer getroffen, die sind völlig am Ende, weil von ihrem Wald nichts mehr da ist, diese Leute sind völlig verzweifelt.“
So habe ein einzelner Landwirt 30 ha Wald verloren, das Holz kann nur noch als Bruchholz zu Brennholz verarbeitet werden. „Hier wurde die Arbeit von Generationen in kürzester Zeit zerstört und die Waldbesitzer konnten nur hilflos zusehen, wie das alles zugrunde ging“, sagt der Kreisobmann.
Jetzt richte sich die Hoffnung vieler betroffener Bäuerinnen und Bauern auf die Politik: „Hier muss geholfen werden, weil sonst Existenzen zerstört werden, appelliert der Kreisobmann an die Verantwortlichen. Der Verband werde auch vor Ort seine gesamte Kompetenz einbringen, um den so schwer getroffenen Betrieben zur Seite zu stehen.
Diese Zusage gibt auch Niederbayerns BBV-Bezirkspräsident Gerhard Stadler, der sich bereits am Tag nach dem Sturm ein Bild von der Lage vor Ort gemacht hat. „Es ist eine Katas­trophe, man ist zunächst einmal ratlos, aber wir müssen helfen, damit es weitergeht“, sagt der BBV-Bezirkspräsident. Der Bauernverband stehe hier an der Seite der so schwer getroffenen Mitglieder.
Er kann sich in die Stimmung der betroffenen Bäuerinnen und Bauern hineinfühlen, war er doch selbst vor Jahren vom Sturm Wibke getroffen worden. „Aber damals hatten wir große Waldwürfe, das Holz konnte also noch vernünftig verwertet werden. Das Bruchholz, das jetzt in riesigen Mengen angefallen ist, kann eigentlich nur noch als Brennholz verwertet werden – kostendeckend ist da nichts mehr“, sagt Gerhard Stadler.
Dennoch käme es jetzt darauf an, das Holz schnellstmöglich aus dem Wald zu bringen: „Wir brauchen die Hilfe der öffentlichen Hand, wenn es um die Verpflichtung von Frächtern geht, wir brauchen entsprechende Lagerplätze, die unbürokratisch eingerichtet werden müssen, und auch die Idee, dass Transportfahrzeuge für eine gewisse Zeit aufgelastet werden können und das Sonn- und Feiertagsfahrverbot ausgesetzt wird, ist sicher wichtig und richtig“, so der BBV-Bezirkspräsident.
Gerhard Stadler hat zudem auch eine ganz persönliche Bitte an alle betroffenen Waldbesitzer: „Bitte versucht nicht, alleine etwas im Wald auszurichten, das ist derzeit lebensgefährlich. Holt Euch professionelle Unterstützung, lasst Euch beraten und helfen, setzt nicht Gesundheit oder gar das Leben auf´s Spiel.“

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