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Arten- und Naturschutz

Eine Arbeit, die sich lohnt

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Gerd Kreibich, Wochenblatt
am
23.04.2019

Rottal-Inn: Bündnis für Streuobstwiesen soll Interesse und Bewusstsein wecken

Der Kur- und Urlaubsort Bad Birnbach, der Landkreis Rottal-Inn und die Natursaftkelterei Wolfra haben jetzt ein „Bündnis für Streuobstwiesen“ beschlossen. In enger Zusammenarbeit soll dadurch dem Thema „Streuobst“ wieder mehr Aufmerksamkeit verschafft werden. Praktische Grundlage dafür ist eine 12 500 m2 große Streuobstwiese im Herzen des Ortes Bad Birnbach auf der derzeit rund 100 Apfel-, Birnen – und Zwetschgenbäume stehen. Das Bündnis soll mit gemeinsamen Aktionen die Bedeutung des Streuobstes für die Natur, aber auch seinen Wert für die Landwirtschaft verdeutlichen und damit Interesse wecken.
Hintergrund des Bündnisses sind die vielen Streuobstwiesen im niederbayerischen Rottal, von denen die Erdinger Natursaftkelterei Wolfra Äpfel bezieht. Insgesamt etwa 1500 Obstbauern aus den Landkreisen Passau und Rottal-Inn liefern derzeit den größten Anteil der rund 2200 t Äpfel, die Wolfra jedes Jahr zu rund 1,7 Mio. l hochwertigen Fruchtsäften und Most verarbeitet. Dass bei einer so großen Zahl von landwirtschaftlichen Betrieben das Streuobst nicht auf der Wiese liegen bleibt, sondern gerne gesammelt und der Verwertung zugeführt wird, hat dabei neben den wichtigen naturschützerischen Gründen auch eine durchaus handfeste finanzielle Ursache, wie bei der Vorstellung des neuen Bündnisse auch der Vorstandsvorsitzende der Rottaler Obstverwertung eG, Johann Rieger, betonte. Seiner Auskunft nach sind die Obstbauern in der Region durchaus zufrieden mit den Konditionen, die von Wolfra für das angelieferte Obst geboten werden. „Bei den Preisen, die bezahlt werden, lohnt sich die Arbeit in der Streuobstwiese und es ist auch wichtig, dass Wolfra uns als Obstlieferanten als Partner behandelt“, so Rieger.
Streuobstwiesen gehörten über Jahrhunderte zu den prägenden Elementen der Landschaft in Niederbayern. Doch mit den größer werdenden landwirtschaftlichen Betrieben in der Region und der ersten großen Mechanisierungswelle in den 50er- und 60er-Jahren wurden die Streuobstwiesen weniger – es fehlten große Abnehmer für das Obst, die Direktvermarktung, wie sie heute bekannt ist, war noch nicht „erfunden“. In den letzten Jahren hat hier aber offensichtlich ein Umdenken eingesetzt: Die Zahl der Streuobstflächen steigt wieder an und auch ihre Bedeutung für Flora und Fauna wird wieder stärker anerkannt. „Anders als etwa Apfelplantagen sind Streuobstwiesen wertvolle Biotope für viele Pflanzen, Tiere und Insekten“, bestätigte beim Ortstermin an der Streuobstwiese in Bad Birnbach der bekannte Pomologe Dr. Sebastian Grünwald.

Besondere Vorgeschichte

Kern der Aktivitäten des neuen Bündnisses ist eine rund 12 500 m2 große Streuobstwiese mit einer besonderen Vorgeschichte. Denn die Wiese wurde bei der Entwicklung des „ländlichen Bades“, wie sich Bad Birnbach gerne nennt, vom Landschaftarchitekten Günther Grzimek geplant – das bekannteste Werk des weltweit tätigen und 1996 verstorbenen Planers ist der Olympiapark in München.
Die Wiese befindet sich im Besitz des Zweckverbandes, der die Rottal-Terme Bad Birnbach betreibt, eine Bebauung wurde von Anfang an ausgeschlossen und steht auch nicht zur Diskussion, wie der Landrat von Rottal-Inn, Michael Fahmüller, unterstreicht: „Unser neues Bündnis hat hier gewissermaßen ein Herzstück, aber das soll ausstrahlen über die Region hinaus, um die Streuobst-Renaissance zu fördern“.
Dies sei auch positiv für die Obstbauern, denn das steigende Interesse an werthaltigen, regionalen Lebensmitteln habe den Säften aus heimischer Produktion wieder einen Markt geöffnet, „davon profitieren auch unsere Direktvermarkter“, so der Rottaler Landrat. Er sieht auch keinen Widerspruch zwischen den Belangen der örtlichen Direktvermarkter und der Kooperation mit einem großen Hersteller: Der Landkreis unterstütze die Erzeuger intensiv mit konkreten Initiativen und man habe auch vor der Entscheidung für die Kooperation mit den Direktvermarktern gesprochen. Doch Wolfra beziehe schon jetzt große Mengen an Streuobst aus der Region und sei den Obstbauern ein verlässlicher Partner. „Das ist auch aus wirtschaftlicher Sicht für unsere bäuerlichen Betriebe wichtig.“

Win-win-Situation

Und Fahmüller will auch gar nicht verhehlen, dass er hier eine „Win-win-Situation“ sieht: „Mehr Streuobst bedeutet einerseits mehr Ertrag für die Obstlieferanten, aber auch einen Werbeeffekt für unsere Heimat, wenn Wolfra mit der Herkunft der Äpfel in die Werbung geht“. Mit Unterstützung des Pomologen Dr. Sebastian Grünwald, der die Kelterei Wolfra und ihre Obstbauern berät, wird diese Wiese aufgewertet und durch Neupflanzungen ergänzt. Für Gäste im „ländlichen Bad“ werden Führungen auf der Streuobstwiese stattfinden, um auf ihren ökologischen Wert aufmerksam zu machen. Über die Wiese im Ortsgebiet von Bad Birnbach hinaus wollen die drei Kooperationspartner bei einer Reihe von Maßnahmen zusammenarbeiten, etwa bei gemeinsamen Markt- und Messeauftritten sowie Öffentlichkeits- und Marketingaktivitäten. „Wir wollen den Naturraum Rottal, wie er sich auch in seinen wunderbaren Streuobstwiesen manifestiert, für unsere Gäste erfahrbar machen“, so Bad Birnbachs Bürgermeister Josef Hasenberger.
Der Geschäftsführer von Wolfra Norbert Sima machte die besondere Beziehung seines Unternehmens zum Rottal deutlich: „Diese Region mit ihrer Landwirtschaft liefert uns seit vielen Jahren beste Äpfel. Unser Apfelsaft schmeckt ja deshalb so gut, weil er von alten Bäumen verschiedener Sorten auf Streuobstwiesen stammt“, betonte Sima. Es sei für das Unternehmen wichtig, diese Flächen zu bewahren, deshalb unterstütze Wolfra das neue Bündnis sehr gerne.
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