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Modellprojekt

Ausgleichsflächen - Ein Konto für die Zukunft der Natur

Ausgleichsflächen
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Gerd Kreibich, Wochenblatt
am
08.05.2017

Passau - Der Landschaftspflegeverband Passau bewirtschaftet 200 Hektar ökologisch wertvolle Flächen.

Ausgleichsflächen, die der Gesetzgeber bei größeren Bauvorhaben fordert, können für Bauherren zum Problem werden. Entweder müssen sie einen Teil ihres Grundes ökologisch bewirtschaften oder sich in unmittelbarer Umgebung um weiteren Grund bemühen. In Stadt und Landkreis Passau gibt es seit Jahren mit dem „Ökokonto“ einen anderen Weg: Die Sparkasse kauft die Flächen, überträgt die Bewirtschaftung dem Landschaftspflegeverband (LPV) und bietet somit Bauwilligen wertvolle Ausgleichsfläche. Im Rahmen der „Wirtschaftswoche“ des Landkreises Passau wurde dieses Projekt jetzt einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, denn die Wirtschaftswoche stand unter dem Motto „Nachhaltigkeit“.
Auf der Wiese von Daxlarn bei Pleinting zeigte der Passauer Landrat Franz Meyer, „was Ökologie und Wirtschaft miteinander zu tun haben“. Denn diese Fläche wird künftig als Ausgleich für vornehmlich gewerbliche Bauten genutzt. Ein Beitrag dazu, so der Landrat, dass Betriebe sich in der Region ansiedeln können und „die Arbeit zu den Menschen bringen“. Franz Elender, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands, Eckhard Helber, Vorstandsmitglied der Sparkasse Passau, und Martin Schramm, bei der Sparkasse Ansprechpartner für das Ökokonto, sowie Carmen Vidal von der Unteren Naturschutzbehörde am Landrats­amt, präsentierten diese Idee, die als „Passauer Modell“ in Bayern längst Vorbildfunktion hat. „Wir haben zehn Jahre Vorsprung“, so Elender.
Ein Dilemma wurde im Gespräch allerdings deutlich: Dass Ausgleichsfläche zum Kauf zur Verfügung steht und als solche auch von der Naturschutzbehörde anerkannt, sogar begrüßt wird, ist zu wenig bekannt. Landrat Meyer regte an, dass auch die Industrie- und Handelskammer sowie die Handwerkskammer mit Informationen versorgt werden, damit sie diese wiederum an ihre Mitglieder weitergeben können. Denn die Unkenntnis, die zum Bedauern von Landschaftsarchitekten und Landschaftspflegeverband auch bei Planern besteht, führt im Endspurt von Neubauprojekten zu Verzögerungen – und am Ende ist dann oft „der Naturschutz“ verantwortlich dafür, das Projekte aufgehalten werden. Meyer stellte aber klar: „Die Untere Naturschutzbehörde ist als staatliche Behörde an die Vorgaben gebunden und macht nicht die Gesetze.“
Schreiner Alois Vogl erfuhr im Landratsamt vom Ökokonto, als er die Erweiterung seiner Schreinerei in Ortenburg plante. Er konnte sich problemlos die erforderliche Ausgleichsfläche besorgen. Wie die Sparkassen-fachleute betonten, ist das Ökokonto nicht den eigenen Kunden vorbehalten, was auch Schreiner Vogl bestätigt. Das Ökokonto war 182 ha „schwer“. Heute ist es eine riesige blühende Landschaft im Neuburger Wald, in die die beauftragten Landwirte das ehemalige Munitionsdepot der Bundeswehr verwandelt haben. Die Fläche diente als Ausgleich für große Vorhaben in Stadt und Landkreis Passau und wurde über die Sparkasse Passau vermarktet. Dieses Prinzip wird auch beim Zuwachs für das wertvolle Konto angewendet: 11 ha landwirtschaftliche Fläche in der Nähe von Pleinting erwarb das Kreditinstitut und verkauft die Anteile nun an Bauherren. Dafür, dass sich hier in den nächsten 25 Jahren eine wertvolle blühende Landschaft entwickelt, ist der LPV mit Sitz in Fürstenzell zuständig.
Vom ehemaligen Munitionsdepot, das auf dem Gebiet der Stadt Passau und des Marktes Fürstenzell liegt, sind heute nur noch 3000 ha übrig, die als Ausgleich verkauft werden dürfen. „Nicht warten, bis alles aufgebraucht ist“, freut sich Landrat Meyer deshalb über die neue Fläche.
Der LPV kümmert sich darum, dass aus der einst intensiv genutzten landwirtschaftlichen Fläche eine blühende Landschaft wird. „Wie ein Museum der Natur“, so beschreibt Geschäftsführer Franz Elender die Arbeit, die 150 Landwirte im Auftrag des Verbands auf bereits 130 Flächen in der Region übernehmen. Das heißt: kein Dünger, weniger Ernte, keine Hochleistungspflanzen, sondern Ursprung, wie durch Einkorn, Emmer, Dinkel und Roggen, die im Wechsel auf einem Hektar Acker in Daxlarn angebaut werden.
Landwirt Hans Donauerbauer, der das Feld nach den Vorgaben des LPV weiter bewirtschaftet, gefällt dieser Umgang mit der Natur. Der Ertrag betrage immerhin noch 22 dt/ha. Das sei zwar weniger als mit herkömmlicher Landwirtschaft, aber: „Das Düngen kostet auch Zeit und Geld“, sagt er. Neben den Feldern entstehen Magerwiesen, also „der artenreichste Lebensraum überhaupt“, so Landschaftsarchitektin Dorothee Hartmann.
Als Landrat Meyer mit der Delegation der Wirtschaftswoche, zu der auch Vilshofens Bürgermeister Florian Gams sowie Landwirte gehörten, auf der Wiese stand und sich die Vielfalt anschaute, war er nicht nur von der herrlichen Frühlingslandschaft begeistert, sondern auch davon, wie gut hier Wirtschaft und Natur im Einklang sind: „Wir machen hier einen guten Deal zwischen Ökologie und Wirtschaft.“

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