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Agrar-Familie 2017

Erzeugen, verarbeiten, vermarkten

agrarfamilie
Markus Bauer
am
27.09.2017

Die Milch nicht abliefern, sondern selber verarbeiten: Mit ihrer Hofmolkerei hat Familie Kneißl in Rengersricht (Opf.) auf das richtige Pferd gesetzt. Für ihre Betriebsentwicklung bekamen sie einen Preis beim Wettbewerb Agrar-Familie.

Im Juni 1994 schlug in den Stall von Familie Kneißl ein Blitz ein, das Gebäude wurde durch den Brand so schwer beschädigt, dass man vor einer Entscheidung stand: Alois (64) und Gisela (53) Kneißl entschieden sich, die Schweinemast aufzugeben und ganz auf Milchviehhaltung umzustellen. Von zwölf auf zunächst 55 Tiere wurde erweitert, ein neuer Laufstall gebaut. Da aber der im Ortskern von Rengersricht liegende Stall keine Erweiterungsmöglichkeiten bot, wurde in mehreren Abschnitten die Aussiedlung an den Ortsrand in Angriff genommen,  2002 eine weitere Halle gebaut und 2013 ein weiterer Stall.

Eine Lücke gesucht und gefunden

Milchverarbeitung

„Der Gedanke der Vermarktung war bei mir schon immer präsent“, sagt Michael Kneißl (30), der Junior auf dem Hof. Daher wurde das zuletzt errichtete Gebäude so geplant, dass eine Molkerei mit entsprechenden Räumen (Technik, Lager, Kühlraum usw.) integriert werden konnte. 2009 hatte Michael Kneißl auch seine landwirtschaftsbezogenen Ausbildungen abgeschlossen. Da der Betrieb nun auf Milchvieh spezialisiert war, kam die Idee der eigenen Molkerei ins Spiel. „Eine Direktvermarktung von Milch und Milchprodukten zu Lebensmitteleinzelhändlern machte in der unmittelbaren Region sonst niemand“, erläutert Michael Kneißl im Rückblick.
Woher aber die Molkerei-Ausrüstung nehmen? Nach einigem Suchen wurden Alois und Michael Kneißl im Jahr 2011 auf der Insel Föhr fündig und kauften eine gebrauchte Molkerei. Während im Frühjahr, Sommer und Herbst neben den landwirtschaftlichen Arbeiten der Bau des neuen Gebäudes im Vordergrund stand, ging es drei Winter lang an die Restaurierung der Molkerei. Dabei mussten einzelne Geräte und Teile an die hier gegebenen Bedürfnisse angepasst oder auch gänzlich neu entwickelt und gebaut werden. Im Frühsommer 2015 war es dann so weit. „Im Juni 2015 konnten wir endlich die ersten Produkte verkaufen“, erinnert sich Alois Kneißl. Ein kleines Milchhäusl am Hof dient als Verkaufsstelle für die Produkte.
 „Durch unsere eigene Molkerei erhoffen wir uns etwas mehr Unabhängigkeit von den Großmolkereien und den starken Milchpreisschwankungen. Außerdem wollen wir eine größere Transparenz zum Verbraucher schaffen und vermitteln, wo die Milch herkommt, wie die Tierhaltung aussieht und wer hinter den Produkten steht“, erklärt Michael Kneißl.
Von Beginn an verfolgten die Kneißls primär den indirekten Vertrieb, d.h. die Belieferung von Bäckereien, kleinen Hofläden, aber auch von Lebensmitteleinzelhändlern. Bei den Letztgenannten kommt der Familie Kneißl deren inzwischen verstärktes Interesse an regionalen Produkten entgegen. Dennoch müssen die Kneißls mit den Zentralen der Unternehmen Kontakt aufnehmen, um in die Listung zu kommen. Ein weiterer Schritt sind Verkostungen in den Filialen. Parallel laufen Aktionen in Zeitungen sowie auf der Homepage und Facebook-Seite der Hofmolkerei. Ergänzend dazu gibt es seit 2014 alle zwei Jahre ein Hoffest, wo natürlich auch die Produkte genossen werden können. Ein Teil der Milch geht aber auch weiterhin an eine Großmolkerei.

Viel Zeit verschlingen Werbemaßnahmen

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Heute, zwei Jahre nach Betriebsbeginn der Hofmolkerei, gibt es deren Produkte in einem Umkreis von 15 bis 20 km zu kaufen, aber auch in einigen Supermärkten in Nürnberg und Fürth. Neben Edeka hat auch Rewe sehr schnell die Kneißl-Erzeugnisse in sein Sortiment aufgenommen, seit diesem Frühjahr auch Kaufland und Marktkauf. Fuß fassen möchte Michael Kneißl kurz- bis mittelfristig in Nürnberg und Regensburg. Die Lebensmitteleinzelhändler machen derzeit bereits ca. 70 % des Absatzes aus.
Aktuell haben die Kneißls 71 Milchkühe im Stall bei einer durchschnittlichen Jahresleistung von 8300 bis 8500 l/Kuh. Wert gelegt wird auf Gentechnikfreiheit. Die Kühe sind zurzeit noch ausschließlich im Stall, spätestens ab nächstem Frühjahr wird aber auch Weidehaltung auf der Wiese neben dem Stall möglich sein.
Neben der Milchviehhaltung ist das Lohndreschen ein wichtiges Standbein. Die Kneißls bewirtschaften insgesamt 93 ha, davon sind 38 ha Grünland und 55 ha Ackerland. Dazu kommen sechs ha Wald. Um die Kälber, die Stall- und Feldarbeit kümmern sich Alois und Gisela Kneißl. Die Molkerei und das Lohndreschen obliegt Michael Kneißl, seine Frau Margaretha (28) kümmert sich um Verwaltung und Marketing. In der Molkerei sind ein Molkereitechniker und eine weitere Kraft tätig. Die Schwester des Betriebsinhabers hilft beim Abfüllen sowie bei den Verkostungen in Märkten mit. Hofführungen (Kindergärten, Schulen, Vereine usw.) machen Michael und Gisela Kneißl.

Produktangebot wird weiter ausgebaut

Pro Woche werden ca. 5000 l Milch als frische Vollmilch und frische fettarme Milch abgefüllt und 1500 l Milch zu ­Joghurt (Naturjoghurt bzw. Fruchtjoghurt mit Erdbeere, Kirsche und Pfirsich-Maracuja) verarbeitet, wobei die verwendeten Früchte direkt in den Joghurt gegeben werden. Da im Stall wie auch in den Molkereiräumen Erweiterungen möglich sind, wird die Produktion von Butter anvisiert sowie die Aufnahme weiterer Fruchtjoghurts in das Sortiment.
Zunächst ist aber das Wohnhaus zu renovieren, denn am 1. Mai war dort Feuer ausgebrochen. Feuer und Ruß haben das Mehrfamilienhaus stark in Mitleidenschaft gezogen. Zum Glück sind der Stall und die Produktionsräume der Molkerei nicht betroffen, da diese ein Stück weit entfernt vom Wohnhaus stehen.

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