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Gemüsebau

Fünf vor zwölf für Gurkenbauern

Gurken Flieger
Claudia Rothhammer
am
18.12.2017

Die Anbauflächen für Einlegegurken in Niederbayern gehen zurück. Grund dafür: Hohe Personalkosten und der Preisdruck der Lebensmitteleinzelhändler.

Was Marketing alles bewirken kann: Wer an Einlegegurken denkt, denkt sofort an Spreewaldgurken. Aber jede zweite in Deutschland verzehrte Brotzeitgurke kommt nicht aus Brandenburg, sondern aus Niederbayern. Hier liegt mit über 1000 ha Europas größtes zusammenhängendes Anbaugebiet für Einlegegurken. Doch dieses Jahr war auch für die Gemüsebauern nicht einfach. Aber nicht nur das Wetter machte ihnen zu schaffen; auch hohe Personalkosten und der Preisdruck der Lebensmitteleinzelhändler sorgen dafür, dass die Anbaufläche kontinuierlich zurückgeht. Vor ein paar Jahren waren es noch rund 1500 ha in Niederbayern, auf denen Deutschlands Brotzeitgurken gewachsen sind.

Seit Mitte September ist für die Gurkenanbauer Schluss. Der Kälteeinbruch ist schuld daran. „Die Konservenfabriken hätten ganz gerne noch mehr gehabt“, weiß Winfried Bimek. Seit 1987 berät der Diplom-Ingenieur für Gartenbau beim Erzeugerring für Obst und Gemüse Straubing e.V. Landwirte. Bimek weiß: Auch die Gemüsebauern hätten nichts dagegen gehabt, wenn ihre Gurkenflieger noch ein paar Extra-Runden auf ihren Feldern hätten drehen können. Aber die Gurke ist leider viel zu kälteempfindlich. „In diesem Jahr waren die Wetterwechsel recht extrem.“

Gurke mag es warm

Die exotische Einwanderin – die Gurke kam vor über 500 Jahren aus Indien über die Griechen, Römer und Slawen nach Deutschland – mag es nämlich gern warm. Wenn die Bodentemperaturen unter 10 °C fallen, tritt eine Wachstumsdepression ein oder sie gehen gleich ganz zugrunde. Das hat aber nicht nur zum abrupten Ernteende 2017 geführt, sondern auch schon vielen Pflanzen im Frühjahr den Garaus beschert.

Der Kälteeinbruch nach Ostern war dafür verantwortlich, dass viele Gurkenbauern etliche Gurkenpflanzen nachstechen mussten. Zu heiß mag es die Gurke aber auch nicht. „Idealbedingungen sind Temperaturen zwischen 15 und 25 Grad“, weiß Bimek. Wenn es länger trocken ist, müssten die Gurkenbauern die Felder zusätzlich bewässern. Zu viel ist dann aber auch nichts, wie der Starkregen gezeigt hat, der heuer auf einige Regionen niedergeprasselt ist: Die Feuchtigkeit fördert wiederum Blattkrankheiten. „Die Ernte war heuer deshalb unterdurchschnittlich bis durchschnittlich“, resümiert Bimek.

Auch bei der Gurken Erzeuger Organisation Bayern GmbH, kurz GEO Bayern, blieb man dieses Jahr hinter den Vorjahreswerten zurück. „Aber immerhin nur sechs bis sieben Prozent darunter“, so Geschäftsführer Klaus Beiswenger. Es hätte auch schlimmer kommen können – oder auch besser. Im September letzten Jahres habe man doppelt so viele Gurken ernten können wie in diesem September. Aber das Wetter machte GEO einen Strich durch die Rechnung. „In unserer Anlage in Neusling war am 20. September Schluss, an unserem zweiten Standort ging es ein paar Tage länger.“ GEO Bayern, das ist ein Zusammenschluss von 13 Landwirten, die seit 2006 ihre Gurken, die auf über 350 ha wachsen, gemeinsam vermarkten. Etwa bis zu 50 000 t Gurken ernten und verarbeiten sie in ihren beiden Anlagen selbst.

Auch wenn kaum ein Brotzeitbrettl oder in Deutschland verkaufter Burger ohne die leckeren Essiggurken aus Niederbayern auskommt: Wie lange sie noch ein bayerisches Qualitätsprodukt bleiben, ist fraglich. Die Anbauflächen in Niederbayern gehen merklich zurück. Immer mehr Landwirte hören auf – laut Bimek pro Saison zwei bis drei Betriebe. „Es ist fünf vor zwölf: Wenn unseren Politikern an regional erzeugten Brotzeitgurken etwas liegt, wird es Zeit, dass sie handeln“, mahnt Beiswenger. Auch Herbert Mühlbauer stimmt ihm zu. Er kennt selbst Kollegen, die das Handtuch geworfen haben. Ihre Beweggründe kann er gut nachvollziehen, obwohl er seit 25 Jahren überzeugter Gemüsebauer ist. Der Landwirt aus dem niederbayerischen Eichendorf lässt jedes Jahr vier Gurkenflieger über seine Felder fahren.

Etwa 300 Saisonarbeitskräfte aus Rumänien und Polen verarbeiten sie am Hof und füllen sie per Hand in Gläser. 8 bis 10 Mio. Gläser pro Saison produziert er so jährlich für den Lebensmittelmarkt. Obwohl Mühlbauer einen Vorzeigebetrieb hat –, jährlich führt er viele Gäste durch seinen Betrieb und er produziert Gurken für bekannte Marken, auch in Bioqualität – zweifelt auch er. „Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch weitermachen soll oder ob ich nicht gleich zusperre, meine Felder verpachte oder Mais für die Biogasanlagen produziere“, so Mühlbauer. „Weniger Arbeit, weniger Ärger, mehr Verdienst.“

„Mit dem Mindestlohn habe ich kein Problem“

Betriebswirtschaftlich wird es für Gurkenanbauer in der Tat immer schwieriger. Einerseits erhöhen sich stetig Lohn- und Betriebskosten, andererseits drückt der Lebensmittel­einzelhandel die Preise. „Die Kosten laufen den Gurkenbauern davon“, bestätigt Bimek. Jährlich steige der finanzielle Aufwand, allein schon durch den Mindestlohn und mehr Bürokratie. „Mit dem Mindestlohn habe ich kein Problem“, sagt Mühlbauer. Beiswenger stimmt ihm zu. „Wenn ihn alle bezahlen, ist das ja in Ordnung. Dann haben wir alle dieselbe Ausgangslage“, sagen sie. „Es ist ja auch richtig, dass die Arbeiter besser bezahlt werden.“

Was beiden stinkt: Landwirte, die den Mindestlohn „kreativ umgehen“ und somit besser am Markt bestehen können. „Jeder, der den Mindestlohn nicht bezahlt, verschafft sich gegenüber seinen ehrlich arbeitenden Kollegen einen Vorteil, weil er mit ganz anderen Preisen, mit einer ganz anderen Kalkulation am Markt auftreten kann“, so Beiswenger.

Das, was aber vielen Kollegen schlaflose Nächte bereitet, sei nicht der Mindestlohn. „Es ist die Sozialversicherung.“ Eigentlich unterliegen kurzfristig Beschäftigte nicht der Sozialversicherung. Bedingung: Sie dürfen im Jahr nicht länger als drei Monate bzw. mehr als 70 Arbeitstage einer bezahlten Tätigkeit nachgehen. Da die Gurkenernte in der Regel nur von Juni bis September geht und sich nur Arbeiter aus Osteuropa bewerben, wäre die Grundvoraussetzung für die Saisonarbeitskräfte eigentlich erfüllt.

„Jeder Arbeiter wird ausführlich befragt. Ich habe vier Angestellte, dazu eine polnische und eine rumänische Mitarbeiterin, die sich nur um die Papiere kümmern, die Unterlagen anfordern, überprüfen und herausfinden müssen, ob die Mitarbeiter sozialversicherungspflichtig sind oder nicht“, so Mühlbauer. Dennoch: Trotz aller Sorgfalt sei man nicht davor gefeit, dass nicht eines Tages der Zoll samt Staatsanwalt auf dem Hofe stehe: Betriebsleiter müssen für falsche Angaben ihrer Saisonarbeitskräfte bezüglich ihrer Einkommens- und Beschäftigungsverhältnisse haften. Das heißt: Wer seine Saisonarbeitskräfte nicht sozialversichert hat, sich später aber herausstellt, dass die „Hausfrau“ aus Rumänien zu Hause Selbstgestricktes verkauft oder ein Arbeiter dem Landwirt verschwiegen hat, dass er bereits zur Erdbeer- oder Spargel­ernte in Deutschland gearbeitet hat, den belangt der Rechtsstaat.

Empfindliche Geldstrafen oder sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren können die Folge sein. Landwirte, die mit einem blauen Auge davonkommen, müssen Sozialversicherungsbeiträge plus Zinsen nachzahlen. Mühlbauer ist ratlos, wie er in Zukunft seine Saisonarbeitskräfte noch besser kontrollieren könnte oder wem er glauben kann. Deshalb hat er Rat bei Bundestagsabgeordneten gesucht. „Einer meinte: Dann versichere eben alle Saisonarbeiter.“ Genau das könne sich Mühlbauer nicht leisten. „Der Preisdruck ist hart. Ich muss auf vier Stellen hinterm Komma kalkulieren. Wenn alle ihre Saisonarbeitskräfte versichern müssen, wäre es in Ordnung. Dann haben wir alle dieselbe Ausgangslage bei den Preisverhandlungen.“

Vermarktung über Händler

Auch der Bayerische Bauernverband kennt das Problem gut. „Die Rechtslage ist kompliziert und wird dem Anschein nach in Deutschland nicht einheitlich umgesetzt“, sagt Markus Peters vom BBV. „Die Vorgaben hierfür müssen einheitlich geklärt und umgesetzt werden.“ Auch der Preisdruck grabe den Landwirten das Wasser ab: „In der Tat liegt der Lohnkostenanteil beim Anbau von Einlegegurken bei bis zu 70 Prozent.

Durch die Einführung des Mindestlohns hat die Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Anbaus deshalb stark gelitten. Zudem wurde vor allem in Niederbayern zunehmend vom Prinzip des Vertragsanbaus für die Verarbeitungsindustrie abgewichen. Vielfach müssen deshalb Einlegegurken nun über Händler vermarktet werden, die ihrerseits keine festen Abnahmeverträge mit der Sauerkonservenindustrie haben. Dadurch schwanken die Preise saisonbedingt durch Angebot und Nachfrage sowie durch Spekulation sehr stark.“ Für die Lebensmitteleinzelhändler eine bequeme Sache: Sie können auf das Marktprinzip „Angebot und Nachfrage regeln den Preis“ verweisen und sich zurücklehnen. Beiswenger macht das wütend: „Dabei geht es nicht darum, dass ein Glas Gurken 50 Cent mehr kostet. Uns wäre schon geholfen, wenn es fünf Cent pro Glas mehr wären.“

Würde der Verbraucher denn das nicht mittragen? Peters ist skeptisch. „Essiggurken zählen zu den verarbeiteten Produkten, bei denen nur der Hersteller bzw. der In-Verkehr-Bringer angegeben werden muss. Das führt zu enormer Preiskonkurrenz bei der Rohware: Handel und Verarbeiter können aus dem weltweiten Angebot das Billigste auswählen und die fertige Konserve trotzdem als deutsches Produkt verkaufen.“ Gerade das sei das Problem, bestätigen auch Beiswenger und Mühlbauer. Schon heutzutage essen viele Deutsche billige Gurken aus Indien, obwohl sie legal als bayerische Qualitätsgurken ausgezeichnet seien.

Herkunftsangabe: Der Spargel als Vorbild

Der BBV fordere deshalb eine klare Herkunftskennzeichnung auch bei verarbeiteten Produkten: „Spargel zum Beispiel ist in Sachen Lohnkosten mit Einlegegurken vergleichbar. Die Spargelbauern haben es geschafft, die Preise für heimischen Spargel durch eine klare Kennzeichnung und die damit verbundene Öffentlichkeitsarbeit und Werbung sowie durch Kundennähe deutlich über das Preisniveau für Importware zu heben“, so Peters. Das könnte auch der niederbayerischen Essiggurke gelingen. Eine Forderung, die auch Mühlbauer und Beiswenger unterschreiben: „Sonst gibt es bald keine niederbayerischen Brotzeitgurken mehr.“

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