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Öko-Vielfalt unter Strom

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Dietmar Fund
am
20.08.2019

Ungewöhnliches Projekt im Landkreis Straubing-Bogen zeigt neue Möglichkeiten der Vereinbarung von Biodiversität und Wirtschaftlichkeit auf.

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In den Jahren 2019 und 2020 wollen sich die Landwirtschaftsämter besonders der Biodiversität widmen. Das kommt Hans Laumer sehr entgegen. Der Mitarbeiter des Straubinger AELF ist einer der Wildlebensraumberater, den der damalige bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner 2015 in jedem der sieben Regierungsbezirke als Mittler zwischen der Landwirtschaft, dem Naturschutz und der Jagd einsetzen wollte. Laumer ist zuständig für Niederbayern und berät dort Landwirte, Bürger und Kommunen in Sachen Artenvielfalt.

Für Hans Laumer war es ein Glücksfall, dass während der Suche nach einer Fläche für ein Modellprojekt der Straßkirchener Landwirtschaftsmeister Klaus Krinner auf ihn zukam. Er bot an, in seiner 2009 errichteten, damals leistungsstärkste Photovoltaik-Anlage Deutschlands in Gänsdorf im Kreis Straubing-Bogen etwas für Insekten, Hasen, Rebhühner und Fasane zu tun. Diese Tiere hatte er schon in seiner Jugend sehr geschätzt. Die PV-Anlage hatte er aufgebaut, nachdem er sich in ganz Niederbayern mit Erdbeerfeldern einen Namen gemacht und Ende der 80er-Jahre einen leicht handhabbaren Ein-Seil-Christbaumständer hatte patentieren lassen.

Seit April 2015 arbeitet Hans Laumer Hand in Hand mit dem Landwirt Gerhard Englram, einem Angestellten Krinners. Ihre Maßnahmen werden zu einem guten Teil auch vom „Gastgeber“ initiiert, der die Arbeitszeit und den Maschineneinsatz bezahlt. Als erstes entwickelte Laumer ein Mäh- und Mulch-Konzept für die eingezäunten und von insgesamt 14 Kilometer langen Hecken umsäumten Photovoltaik-Anlagen. Anstatt innerhalb von sechs Wochen den gesamten Grasbestand abzumähen und damit den Tieren die Deckung und die Nahrung wegzunehmen, wird seither zunächst an der niedrigen Südseite der Paneele gemäht und mit dem zerkleinerten Gras gemulcht, um die Abschattung der Solarzellen zu verhindern. Erst später kommt die höhere Nordseite dran, sodass immer genügend Deckung für das Niederwild da ist. Mit Trimmern mähen Externe die Fläche unter den Solartischen, damit sich dort kein Buschwerk bildet, das die Leitungen stören könnte.

Auf insgesamt fast 40 Hektar freier Fläche zwischen den eingezäunten „Solarfeldern“ kann der Wildlebensraumberater die verschiedensten Maßnahmen ausprobieren. Zu den ersten gehörten ein- und mehrjährige Blühflächen. Laumer sorgt dafür, dass Pflanzen wie Sonnenblumen bis ins Frühjahr stehen bleiben und so außer Nahrung auch Raum für die Eiablage von Insekten in ihren Stängeln bieten.

Der Wildlebensraumberater hat auch Reihenkulturen von Kartoffeln und Zuckerrüben angelegt, in denen sich Rebhühner und Hasen gerne bewegen. Sie ziehen sich aber nicht bis zum Horizont, denn die Sichtachsen werden immer wieder unterbrochen, um dem Niederwild Schutz vor Füchsen zu bieten.

In diesem Jahr wurde erstmals die Durchwachsene Silphie als Alternative zum Mais ausgesät, die bislang gepflanzt werden musste. Weil sie im ersten Jahr keinen Ertrag liefert, steht sie in einer Mischkultur neben Mais, der den Ertragsausfall ein wenig lindert. Sobald die Energiepflanze ihre volle Größe bis zu drei Meter erreicht hat, braucht sie keine Bodenbearbeitung mehr und bietet eine dauerhafte Deckung. Ähnlich sieht es mit dem Miscanthus (China-Schilf) aus, der allerdings noch aufwändig gepflanzt werden musste. Er wird mit dem Häcksler geerntet und als Einstreumaterial genutzt.

Hans Laumer hat inzwischen mehr als 70 Führungen veranstaltet, die Klaus Krinner meist begleitet hat. Sie enden immer auf dem Besucherhügel, von dem aus man erst einen Eindruck vom Ausmaß der Solaranlagen bekommt. „Ich sage den Landwirten immer, dass sie heute im Durchschnitt mit einem Hektar einen Gewinn von 500 Euro im Jahr machen, aber eine Solaranlage erwirtschaftet dagegen ein Vielfaches und ist hoch profitabel. Man kann mit ihr Ökonomie und Ökologie perfekt verbinden“, berichtet der „Solar-Landwirt“.

Laumer hat dann immer alle Hände voll zu tun, um Bauern eines klarzumachen: Es gehe nicht darum, den Betriebvöllig umzukrempeln. Vielmehr wolle er mit seinen rund 60 Maßnahmen nur zeigen, dass jeder auf seinem Hof etwas für die Artenvielfalt tun kann, „was man wie umsetzt, das entscheidet natürlich jeder für sich“.

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