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Biodiversität

Schuld sind nicht die Landwirte

Lorenz Märtl
am
26.06.2019

Fachtagung in Weiden beschäftigt sich damit, wie Biodiversität in der Kulturlandschaft und moderne Landbewirtschaftung in Einklang zu bringen sind.

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Partnerschaftliche Handlungsansätze, wie die biologische Vielfalt im ländlichen Raum gestärkt werden kann, standen im Mittelpunkt einer Fachtagung der Ländlichen Entwicklung in Weiden in der Oberpfalz. Dass in deren Projekten und Initiativen ein großes Potenzial vorhanden ist, machte Hubert Bittlmayer, der Amtschef des Landwirtschaftsministeriums, deutlich. Er bekräftigte, dass die Verwaltung für ländliche Entwicklung die geeigneten Instrumente habe, um bedarfsgerecht angepasste Strategien zu entwickeln und gemeinsam mit der Bevölkerung in konkreten Projekten umzusetzen.

Anhand ausgewählter Beispiele wurde aufgezeigt, wie ein Miteinander von verantwortlichem Umgang mit der Kulturlandschaft und moderner Landnutzung möglich ist. „Nur wenn die Bürgerinnen und Bürger bei der Gestaltung ihres Lebensraumes mitwirken können, identifizieren sie sich auch mit dem Ergebnis“, bemerkte der Leiter der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwicklung, Maximilian Geierhos, bei der Begrüßung der rund 500 Gäste aus Kommunen, Verwaltung und Verbänden.

Fachtagung1-Weiden-Dr. Norbert Schäffer

„Der Zusammenbruch der biologischen Vielfalt wird von vielen Wissenschaftlern neben dem Klimawandel als das große Problem unserer Zukunft gesehen.“ Das betonte Dr. Norbert Schäffer, Vorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern. Als Beispiel nannte er den dramatischen Schwund der Feldvögel in der Agrarlandschaft. Allerdings stellte er unmissverständlich fest: „Schuld daran sind nicht die Landwirte. Sie tun nichts Illegales, sondern wirtschaften im Rahmen dessen, was ihnen vorgegeben wird.“ Das könne man niemandem vorwerfen, man müsse aber sehen, dass dies enorme Auswirkungen auf die biologische Vielfalt habe. Erhebungen würden zeigen, dass in der Agrarlandschaft in den letzten 40 Jahren die Hälfte der Vögel verschwunden sind. Dass es in großen Teilen Bayerns weder Kiebitz, Rebhühner, Braunkehlchen und Feldlerchen mehr gibt, liege am fehlenden Lebensraum und sei beängstigend. Grund sei die intensive Landwirtschaft, „aber die Landwirte sind nicht die Täter, sondern die Opfer“. Man kenne die Faktoren ganz genau. Er nannte den Pestizideinsatz und die unglaubliche Düngemittelfracht, „nicht nur was an Mineraldünger und Gülle ausgebracht wird, sondern was über die Luft kommt.“ Allein dies seien 40 bis 60 kg reiner Stickstoff pro Jahr und Hektar. Was jetzt ausschließlich über die Luft komme, sei in den 60er-Jahren eine Volldüngung gewesen. Dazu kämen fehlende Strukturen und damit keine Rückzugsräume mehr für Tiere und Pflanzen. Das Verschwinden der biologischen Vielfalt aus Teilen der Agrarlandschaft sei ungebremst und Vögel, die man leicht erfassen könne, der Indikator dafür, was in der Umwelt geschehe.

Was man aber gleichzeitig erlebe, sei das Interesse, das die Bevölkerung daran entwickle. Was man tun müsse, um die biologische Vielfalt zu erhalten, sei ein breites Spektrum an Maßnahmen wie ein Netz von Schutzgebieten, was Schwierigkeiten für Landbesitzer und Bewirtschafter bringe. Aber auch jeder Einzelne könne seinen Beitrag leisten, z. B. mit naturnahen Gärten.
Zwar wurde schon viel für Natur- und Artenschutz getan, aber es habe eben nicht gereicht. Er bedauerte, dass man das Mulchen an den Straßenrändern nach wie vor nicht in den Griff bekomme. Hier würden weiter Lebensräume vernichtet. Er warb für einen anderen Ästhetikbegriff und dafür, „Unordnung in der Natur wieder zulassen und wilde Ecken zu erhalten.“ Als schönes Beispiel für all das nannte Schäffer das Projekt „Lebendige Bäche in Waldthurn“, dessen Ziel es ist, die rund 40 km Bäche im Gemeindebereich wieder in den natürlichen Zustand zurückzuversetzen. Lorenz Märtl
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