Login
Seltene Rassen

Umstrittene Auszeichnung - mit Schweinen zum Kulturpreis

Kulturpreis
Thumbnail
Gerd Kreibich, Wochenblatt
am
09.07.2018

Eine Auszeichnung für Hobbyzüchter sorgt für Unmut in der niederbayerischen Landwirtschaft.

Die Verleihung des Kulturpreises des Bezirks Niederbayern für das Jahr 2018 sorgt für Unmut in der niederbayerischen Landwirtschaft: Preisträger ist der Eggenfeldener Unternehmer Ulrich Brunner. Dessen Geschäft ist zwar eigentlich die Herstellung von High-Tech-Heizeinsätzen für Öfen. Doch nebenher betreibt Brunner seit einigen Jahren auch die Schweinehaltung neben seinem Firmengelände in Eggenfelden und auf einem bäuerlichen Anwesen in der Nähe von Arns­torf. Diese Tierhaltung ist Anlass für die Preisverleihung. Denn Brunner hält neben anderen Rassen auch Schweine der Rasse „Buntes Bentheimer Schwein“, die als stark gefährdet und vom Aussterben bedroht gilt. 

In einer Pressemitteilung des Bezirks Niederbayern wird diese Tierhaltung als „beispielgebendes Engagement“ bezeichnet, das mit dem Kulturpreis 2018 des Bezirks Niederbayern ausgezeichnet wird. Der Preis ist mit 6000 € dotiert. Die Preisverleihung findet am 30. Juli im Rahmen eines Festakts statt, bei dem Bayerns ehemaliger Landwirtschaftsminister Helmut Brunner die Laudatio auf den Preisträger halten soll.

BBV-Bezirkspräsident hat kein Verständnis

Gerhard Stadler, Präsident des Bauernverbandes in Niederbayern, hat für diese Entscheidung kein Verständnis: „Ich empfinde es als Schlag ins Gesicht all der Landwirte, insbesondere der Tierhalter, die 365 Tage im Jahr mit Leidenschaft und vollem Einsatz für ihre Tiere da sind und dafür sorgen, dass es ihnen gut geht“, so der BBV-Bezirkspräsident. Es sei auch ein deutliches Zeichen für mangelndes Fingerspitzengefühl, wenn ein Unternehmer mit Hobbytierhaltung, bei dem die Wirtschaftlichkeit keine Rolle spiele, für „beispielgebendes Engagement“ ausgezeichnet und die Tierhaltung als „Musterprojekt“ bezeichnet wird. „Ich kann das nicht nachvollziehen, und auch die Landwirte, die mit ihrer Arbeit und nicht selten auch unter hohem Kapitaleinsatz ihr Familieneinkommen erwirtschaften müssen, werden so eine Entscheidung nicht verstehen.“

Wie war es zur ungewöhnlichen Entscheidung, einen Kulturpreis an einen Hobby-Tierhalter zu vergeben, gekommen? Der Ausschuss für Kultur-, Jugend- und Sportförderung des Bezirks Niederbayern hatte sich in seiner Sitzung am 21. Juni für diese unkonventionelle Kulturpreisvergabe entschieden. Die Begründung liefert dabei auch ein Rückgriff in die Sprachgeschichte: Demnach leite sich der Begriff Kultur vom lateinischen Wort „cultura“ ab, der eigentlich mit „Kultivierung des Bodens“ übersetzt wird. „In diesem kulturhistorischen Sinn stellen also die Landbewirtschaftung ebenso wie die über Jahrhunderte gezüchteten, alten Haus- und Nutztierrassen eine Kulturleistung dar“, heißt es in der Erklärung des Bezirks Niederbayern. Diese traditionelle Interpretation von Kultur sei zeitgemäß, ist man beim Bezirk überzeugt. Ein „weiter Kulturbegriff“ enge Kultur nicht auf Hochkultur, Kunst und ästhetische Werte ein, sondern bezeichne das „von Menschen Geschaffene und Gestaltete“, habe Bezirksheimatpfleger Dr. Maximilian Seefelder während der Sitzung des Ausschusses erläutert. Kulturlandschaft, Nahrungs-, Kleidungs-, Sprach-, Bau- und Wohnkultur zähle man ebenso dazu wie Bräuche, Traditionen und Kunst in all ihren Facetten.

Geht es Tieren nur auf der Wiese gut?

Und so sieht es auch Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich: „Wenn es den Tieren gut geht, dann geht es den Menschen auch gut“, teilte er bei seinem Besuch der Brunnerschen Schweinehaltung mit und fügte laut Pressemitteilung hinzu: „Wir haben einen würdigen Kulturpreisträger, besonders wenn man Kultur im engsten Sinne des Begriffs, also dem Bestellen von Boden, sieht. Das, was Ulrich Brunner hier geschaffen hat, ist überaus nachahmenswert.“

Robert Willnecker, stellvertretender Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes im Landkreis Rottal-Inn, hat da eine ganz andere Position: „Mir ist schon lange nichts mehr so sauer aufgestoßen wie diese Entscheidung einer Preisverleihung“, unterstreicht er. Es sei ein Affront für die niederbayerischen Landwirte, die sich täglich mit großem Einsatz für das Tierwohl einsetzen, wenn dann das Hobby eines Unternehmers gewürdigt werde, der es sich erlauben könne, ohne finanziellen Druck Tiere zu halten, weil er auf keinem Markt bestehen müsse.

Und einen Seitenhieb auf die Argumentation der Preis-Juroren kann sich der erfahrene Landwirt nicht verkneifen: „Das Bentheimer Schwein hat ja mit Niederbayern gar nichts zu tun, die Grafschaft Bentheim liegt ja nicht gerade um die Ecke, sondern im Südwesten von Niedersachsen an der Staatsgrenze zu den Niederlanden.“ Willnecker ist im Übrigen gar kein Gegner des Preises: „Ich finde es sehr gut, wenn Kultur und Künstler in Niederbayern gewürdigt werden, das ist wichtig und dient auch der Identität unserer Heimat.“ Zu dieser Identität trage auch die Landwirtschaft seit Jahrhunderten bei, „man spricht ja nicht ohne Grund von einer Kulturlandschaft“, so Willnecker.

Abwarten, ob Worten auch Taten folgen

Der Kreisobmann des BBV Rottal-Inn, Hermann Etzel, kann mit etwas Ironie der Preisverleihung durchaus eine gute Seite abgewinnen: „Nach dieser Entscheidung muss sich der Bezirk an seinen Worten messen lassen“, hält er fest. Es sei also künftig davon auszugehen, dass in allen Bezirkseinrichtungen wie Schulen oder Kliniken beispielsweise nur noch Fleisch von freilaufenden Schweinen zubereitet werde, das selbstverständlich nur noch bei Direktvermarktern vor Ort gekauft wird.

„Und auf dem Bezirksgut in Mainkofen muss dann natürlich auch entsprechend die Erzeugung umgestellt werden mit Blick auf die Prämissen, die mit der Vergabe dieses Kulturpreises gesetzt werden – warten wir ab, ob das passiert“, so Etzel.

Auch interessant