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Lebensqualität

Umzingelt von Starkstrommasten

Starkstrommasten
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Gerd Kreibich, Wochenblatt
am
05.02.2018

Ein Landwirt in Wurmannsquick (Lks. Rottal-Inn) wehrt sich gegen drei Starkstrommasten am Haus.

Die neue Stromleitung, die in einigen Jahren Strom von Adlkofen im Kreis Landshut nach St. Peter in Oberösterreich transportieren soll, ist nicht ohne Grund gerade bei Bäuerinnen und Bauern nicht beliebt: Über weite Strecken soll die Leitung, die an 60 m hohen Masten aufgehängt ist, über landwirtschaftliche Flächen führen. Viele Landwirte sind der Ansicht, dass das Unternehmen Tennet, von dem die Leitung erreicht werden soll, hier den vermeintlichen Weg des geringsten Widerstandes gehen möchte – wird es doch immer schwieriger, derartige Leitungen in der Nähe von Siedlungsgebieten zu bauen, weil hier der Widerstand aus der Bevölkerung besonders groß ist.

In der Gemeinde Wurmannsquick in der Nähe von Eggenfelden im Kreis Rottal-Inn stellt sich jetzt ein Landwirt quer, und zwar, wie er ankündigt, notfalls bis zur letzten Konsequenz: „Man wird sehen, ob die mich wirklich enteignen würden“, sagt Ulrich Hansbauer. Der Ärger des Bullenmästers ist nachvollziehbar, wenn man einen Blick auf die Planungen von Tennet wirft: Gleich drei große Masten würden den Betrieb der Familie Hansbauer „umzingeln“, das will er nicht hinnehmen. „Man muss sich das einmal vorstellen: An drei Seiten die Stromleitungen am Hof, an der vierten Seite die Bundesstraße 20 – da geht es nicht nur um Wertverlust, sondern auch um Verlust von Lebensqualität“, stellt er klar.

Dabei ist der Landwirt niemand, dem es egal ist, ob die Stromversorgung zukunftsfähig ausgebaut wird oder nicht, im Gegenteil: „Mir ist klar, dass wir die Sicherheit in der Energieversorgung brauchen und das bedeutet auch sichere und belastbare Leitungen“, macht er deutlich. Doch es „stinkt“ ihm ganz einfach, wie man mit den Bedenken der Menschen, die von der Leitungstrasse betroffen sind, umgeht.

So richtig ernstgenommen fühlt er sich auch nicht und er macht dieses Gefühl auch an einem besonderen Erlebnis fest: „Da fahren eines Tages ohne jede Ankündigung Mitarbeiter des Unternehmens auf den Hof, das später einmal die Arbeiten bei der Trassenerrichtung übernehmen wird und wollen mit Vermessungsarbeiten anfangen“, berichtet er. „Wir wollen den Standort für den Masten vermessen“, bekommt der Landwirt auf die Frage zu hören, was die Arbeiter denn auf seinem Grund und Boden verloren hätten. „Dabei ist doch offiziell noch gar nichts entschieden, alle Verfahren laufen doch noch und Tennet sagt immer wieder, dass man an verträglichen und einvernehmlichen Lösungen interessiert ist“, so Ulrich Hansbauer, der die Vermessertruppe dann auch umgehend des Hofes verwies und sich beim Unternehmen beschwerte. Doch dort wurde ihm auch mitgeteilt, dass man im Auftrag von Tennet unterwegs gewesen sei.

Wird sogar Zwietracht unter Nachbarn gesät?

Landwirt Hansbauer macht Tennet auch noch einen anderen Vorwurf: „Eine Nachbarin sagt mir ganz enttäuscht, dass einer der Masten jetzt noch näher an ihr Haus rücken wird,  weil ich dagegen bin, dass er noch näher an mein Anwesen gebaut wird. Da wird man den Eindruck nicht los, dass hier entweder Zwietracht gesät werden soll oder zumindest doch mit falschen Informationen gearbeitet wird“, so Hansbauer. Er habe aber dann für eine Richtigstellung sorgen können, als er im Rahmen einer Informationsveranstaltung von Tennet das Thema direkt ansprechen konnte: „Auf einmal war dann alles wieder nur ein Missverständnis, zumindest wurde es so dargestellt.“

Ulrich Hansbauer ärgert es aber ganz besonders, wenn der Eindruck entstehen sollte, er verweigere die grundsätzliche Zustimmung zum Leitungsbau, er wisse ja, so der Landwirt, dass dies keine konstruktive Haltung wäre. Er plädiert, zusammen mit anderen betroffenen Bürgerinnen und Bürgern, für eine Erdverkabelung. Für die Bürgerini­tiative, die sich zur Durchsetzung dieses Zieles zusammengeschlossen hat, wäre die Verlegung der Kabel unter der Erde über die Strecke von rund 4 km eine gangbare Alternative. „Und wenn man auf die Website von Tennent schaut, dann werden ja auch dort die Vorteile der Erdverkabelung gepriesen“, so Hansbauer. Doch er empfiehlt den Blick auf das „Kleingedruckte“, dort werde klargemacht: Erdverkabelung ist immer nur möglich im Rahmen der gültigen Gesetzeslage. Und die steht derzeit dieser Form der Leitungsverlegung eher entgegen, denn: „Die Pilotprojekte zur Erdverkabelung waren nur in begrenztem Umfang möglich und wurden durchwegs in anderen Regionen durchgeführt“.

Deshalb hat sich Hansbauer an die Politik gewandt, bislang nur mit mäßigem Erfolg: Florian Pronold, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, betonte in einer Stellungnahme, dass er sich bereits seit längerer Zeit für eine Regelung einsetze, mit der den Belangen der Bürger vor Ort beim Leitungsbau besser Rechnung getragen wird. Er habe das Thema jetzt auch in die Koalitionsverhandlungen eingebracht. Sein Ziel sei es, die Entscheidung über eine Erdverkabelung vor Ort möglich zu machen. Die Erfolgsaussichten für Ulrich Hansbauer wären deshalb aber noch nicht besser, denn Pronold gestand auch ein, dass eine gesetzliche Neuregelung  auf das laufende Verfahren in Wurmannsquick wohl keinen Einfluss mehr haben könnte. Einen Versuch wolle er aber auf jeden Fall machen.

Der Stimmkreisabgeordnete Max Straubinger zeigte in seiner Erklärung zwar Veständnis für die Besorgnisse der betroffenen Bürgerinnen und Bürger, er macht aber auch deutlich, dass eine zukunftssichere Stromversorgung im Zuge der Energiewende von großer Bedeutung sei. Die Raumordnungsverfahren für den Bau der Trasse würden nach den entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen von der Regierung von Niederbayern durchgeführt, hier habe die Politik keinen Einfluss. Dennoch werde er das Thema bei den Koalitionsverhandlungen einbringen.

Sorge um Gesundheit der Kinder und Enkel

Für Ulrich Hansbauer steht fest, dass er seinen Widerstand nicht aufgeben wird. Mittlerweile hat sich die Bürgerinitiative, der er angehört, juristischen Beistand geholt. Und wenn das alles nichts hilft? Auch dann will Hansbauer den Grund für die Masten nicht freiwillig hergeben. Man müsse ihn schon enteignen, sagt er, denn ihm gehe es ohnehin nicht um Geld: „Ich will einfach nicht, das meine Kinder und Enkel die nächsten 80 Jahre die Masten vor der Nase haben, mit allen zum Teil noch nicht geklärten Auswirkungen, die von ihnen ausgehen.“

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge erinnert er sich in diesem Zusammenhang an die klare Ansage eines Mitarbeiters der Regierung von Niederbayern, der an der Trassenplanung beteiligt ist. „Sie werden sehen, Herr Hansbauer: Mit der Zeit gewöhnen Sie sich an die Masten“, habe der zu ihm gesagt. Doch Ulrich Hansbauer ist überzeugt: „Der Mann täuscht sich gewaltig.“

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