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Seuchen

Afrikanische Schweinepest - nur eine Frage der Zeit

Schwaben Schweinepest
Michael Ammich
am
27.11.2017

Experten rechnen früher oder später mit dem ersten Fall von Afrikanischer Schweinepest bei uns. Dass sie kommt, gilt unter Experten als ausgemacht.

Die Frage ist, wie die Landwirte und Veterinäre darauf reagieren werden, wenn die Afrikanische Schweinepest (ASP) erst einmal Deutschland und Bayern erreicht hat. Im schlimmsten Fall sind massive Einkommensverluste und Handelsbeschränkungen zu erwarten. Auf einer Info-Veranstaltung des Donau-Rieser BBV in Wemding erklärten ein Amtsveterinär sowie Referenten des BBV und der Tierseuchenkasse, wie sich ein möglicher Ausbruch der ASP begrenzen lässt und sich die Nutztierhalter gegen gravierende Folgeschäden absichern können.

Enorme Auswirkungen

Schweinepest Keller

Vizekreisobmann Alois Michel wies eingangs darauf hin, dass die ASP nicht nur für die Land-, sondern die gesamte Volkswirtschaft verheerende Auswirkungen haben wird, wenn sie erst einmal den Freistaat erreicht. Und dieser Zeitpunkt rückt immer näher, nachdem die Tierseuche im vergangenen Juni erstmals an einem Wildschwein im Nachbarland Tschechien nachgewiesen wurde.

Einen Überblick über den aktuellen Seuchenzug, vorbeugende Hygienemaßnahmen und das Vorgehen des staatlichen Veterinärwesens im Fall des Falles vermittelte der Leiter des Veterinäramts im Landratsamt Donau-Ries, Dr. Thomas Kellner. Er schilderte die ASP als hochansteckende und tödlich verlaufende Krankheit, die durch ein Virus hervorgerufen wird. Betroffen sind ausschließlich Wild- und Hausschweine, während der Erreger auf den Menschen nicht übertragbar ist.

Bei den infizierten Tieren findet sich das Virus in allen Körperflüssigkeiten und Geweben. Symptome für einen Befall sind hohes Fieber und unspezifische Allgemeinphänomene wie Futterverweigerung, Mattigkeit, Bindehautentzündungen, Bewegungsstörungen, Durchfall oder eine stark erhöhte Atemfrequenz. Bei akuten Verläufen können sich hämorrhagische Symptome zeigen.

Mensch sorgt für Verbreitung

Schweinepest Siebenhütter

Fragt man Kellner, so hat er seine eigene Theorie, wie das ASP-Virus neben der Übertragung von Tier zu Tier verbreitet wird. Der Veterinär macht dafür insbesondere Touristen, Gastarbeiter aus Osteuropa und das Militär mit ihrem sorglosen Umgang mit Speiseabfällen dafür verantwortlich.

Das Virus kann nämlich beispielsweise in Parmaschinken länger als ein Jahr überleben. Frisst ein Wild- oder Hausschwein infizierte Abfälle, ist es verloren.

Erstmals trat die ASP 2007 in Georgien auf, von wo sie sich rasend schnell über Ost- und Nordosteuropa ausbreitete. Am 27. Juni 2017 wurde es erstmals in Tschechien nachgewiesen. Bis zum 26. September wurden dort insgesamt 103 infizierte Wildschweine festgestellt. „Das Virus wurde wohl von rumänischen oder bulgarischen Gastarbeitern nach Tschechien verschleppt“, vermutet Kellner.

Vorsorgemaßnahmen zu treffen obliegt nicht nur den Landwirten, sondern auch den Jägern. Haben diese ein Wildschwein erlegt, sollten sie Stiefel, Lappen, Wildwanne, Messer, Kleidung und Auto gründlich reinigen, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. „Sie müssen hier auf jeden Fall mit größter Sorgfalt arbeiten“, ermahnte Kellner die Jagdpächter. Für die Landwirte gelten wiederum die Bestimmungen der Schweinehaltungshygieneverordnung mit ihren spezifischen Vorgaben für Betriebsgrößen und Haltungsarten.

Maßnahmen treffen

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Als Gefahrenquellen machte der Amtsveterinär vor allem die Verladerampe und die Lager für Kadaver, Futter und Einstreu aus. Um eine Weiterverbreitung des ASP-Virus zu verhindern, müssen sich die Laderampe gut reinigen lassen und die Kadaverbehälter gegen unbefugten Zugriff und das Auslaufen von Flüssigkeiten gesichert werden.

Das Einstreu- und Futterlager gilt es gegen Wildschweine abzuschirmen. In jedem Schweinebetrieb sollte es eine stallnahe Hygieneschleuse mit Handwaschbecken geben, eine getrennte Aufbewahrung von Schutz- und Straßenkleidung und einen nur über die Umkleide möglichen Stallzugang. Betriebsfremden Personen ist ausschließlich mit Einweg- oder betriebseigener Schutzkleidung Zutritt zum Stall zu gewähren.

Besondere Vorsichtsmaßnahmen sind bei Schweineställen mit Auslauf und bei der Freilandhaltung angesagt. Hier ist eine Einfriedung in Form eines doppelten Zauns mit mindestens 1,50 m Höhe und 2 m Abstand zwischen den Zäunen vorgeschrieben, um jeden Kontakt der Hausschweine mit Wildschweinen zu verhindern. Betriebe mit Auslauf- oder Freilandhaltung dürfen nur über abschließbare Tore befahr- oder betretbar sein. In gleicher Weise ist alles abzusichern, was wie Dung-, Futter-, Kadaver- und Einstreulager oder Unkleide mit der Schweinehaltung in unmittelbarem Zusammenhang steht.

Kein Impfstoff in Sicht

Kellner wies die Landwirte auf ihre Eigenverantwortung bei der Abwehr von Tierseuchen hin. Dazu gehören auch regelmäßige Kontrollen und die Dokumentation der getroffenen Maßnahmen. Was die Vorbeugung nicht einfacher macht: Bislang ist kein Impfstoff gegen die ASP in Sicht.

Was geschieht, wenn trotz aller Vorsorge ein Fall von ASP in Bayern nachgewiesen wird? Kellner listete für diesen Fall eine Reihe von harten und einschneidenden Maßnahmen auf. Wird ein infiziertes Wildschwein festgestellt, richtet das Landratsamt im Radius von 15 km um den Fundort einen gefährdeten Bezirk mit Jagdverbot über mindestens 21 Tage ein.

Alle im Bezirk verendeten Wildschweine müssen untersucht und unschädlich beseitigt werden. In einer Pufferzone von weiteren 15 km werden die Wildschweine intensiv bejagt. Außerdem wird im gefährdeten Bezirk eine Kadaversammelstelle installiert. Verboten sind die Auslauf- und Freilandhaltung von Schweinen sowie die Grünfütterung.

In der Pufferzone werden der Wildschweinbestand reduziert, die Kon­trollen der Auslauf- und Freilandhaltung verstärkt und es gilt ein Verbot der Verfütterung von Grünfutter aus dem gefährdeten Bezirk. Hunde sind anzuleinen und Hausschweine dürfen weder in noch aus einem Betrieb im gefährdeten Bezirk verbracht werden. Ausnahmegenehmigungen können unter strengen Auflagen beispielsweise für den Transport von Schweinen zum Schlachthof erteilt werden.

Man kann sich leicht vorstellen, dass im Schweineland Bayern in einem gefährdeten Bezirk und in der Pufferzone jede Menge Betriebe liegen, die nach dem Auftreten der ASP unter massiven Beschränkungen und Einkommenseinbußen leiden werden. „Schon beim ersten ASP-Fall werden der Export in Drittländer zusammenbrechen und die Preise in Deutschland schnell und massiv he­runtergehen“, prophezeite Kellner.

Großer Sperrbezirk

Der wahre „worst case“ ist damit aber noch nicht erreicht. Dieser tritt ein, sobald ein mit der ASP infiziertes Hausschwein nachgewiesen wird. Dann kommt es zur Einrichtung eines Sperrbezirks von 3 km und einem Beobachtungsgebiet von 10 km rund um den betroffenen Betrieb. Dieser wird gesperrt, sein gesamter Schweinebestand getötet und unschädlich beseitigt.

Alle Schweine im Sperrbezirk müssen klinisch untersucht werden und dürfen weder in noch aus dem Bezirk verbracht werden. Hausschlachtungen und der Transport von Schweinen sind ebenso verboten wie das Abhalten von Klauentiermärkten. Andere Haustiere als Schweine dürfen nur mit Genehmigung verbracht werden. Ähnlich strenge Vorschriften gelten für das Beobachtungsgebiet.

Nachdem es sich bei der ASP um eine anzeigepflichtige Tierseuche handelt, leistet die Tierseuchenkasse (TSK) bei einer behördlich angeordneten Tötung der Schweine eine Entschädigung von 100 % des Marktpreises zum Zeitpunkt des Verlusts. „Wir können aber eine private Tierversicherung nicht ersetzen“, stellte TSK-Referent Dr. Michael Siebenhütter klar.

Wie der Fachtierarzt erklärte, erstattet die TSK die unittelbaren Tötungskosten und gewährt einen Zuschuss für die Kosten der Reinigung und Desinfektion. Außerdem übernimmt die TSK bei einem Seuchenfall die Kosten der Tierkörperbeseitigung im befallenen Betrieb in voller Höhe. Ist ein Tier vor der Anzeige der Seuche verendet, leistet die TSK nur eine Entschädigung in Höhe von 50 % des Marktpreises. Hat der Tierhalter gegen tierseuchenrechtliche Vorschriften verstoßen, eine fehlerhafte Tierzahl gemeldet oder ist er seinen TSK-Beitrag schuldig, entfällt jeder Entschädigungsanspruch.

Für Ertragsausfälle kommt die TSK also nicht auf. Dafür gibt es eine private Ertragsschadenversicherung, sagte Erik Kunert von der BBV-Service Versicherungsmakler GmbH. „Eine solche Versicherung ist für Betriebe mit Tierproduktion aufgrund der zunehmenden Tierseuchen und Tierkrankheiten existenziell.“

Das gilt nicht nur für den Fall, dass der Betrieb unmittelbar vom ASP-Virus betroffen ist, sondern bereits dann, wenn er im Beobachtungsgebiet liegt. „Die Wahrscheinlichkeit, in einem Beobachtungsgebiet zu liegen, ist um ein Vielfaches höher als die eines Seuchenausbruchs“, stellte Kunert fest. Dann erfolgen zwar keine Bestandstötungen, dafür aber andere Beschränkungen, die erhebliche Einkommensverluste mit sichbringen.

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