Login
Wanderung

Alpgenuss und Agrarpolitik

20-Alpwanderung im Allgäu
Michael Ammich
am
17.07.2018

Der Alpwanderkurs des Alpwirtschaftlichen Vereins führte heuer in das Gebiet „Großer Wald“ zu fünf Alpen nordöstlich des Grünten – darunter auch „der Berg“ von Schwabens BBV-Bezirkspräsidenten Alfred Enderle und seiner Frau Karin.

Bei der Begrüßung der rund 200 Wanderer bei der Hütte der Kümmerlesalpe/Müllersberg (1070 über NN) in der Nähe des Parkplatzes „Großer Wald“ am Königssträßchen ging es gleich zur Sache. Die Alpe, in Besitz von Gertrud Neidereck aus Wertach, bewirtschaften die Pächter Alfred und Martin Jörg vom Talbetrieb in Wertach aus. Die 13 ha sind mit 27 Braunviehkühen bestoßen. Die Milch geht zur „Käsküche von Arla“. „Auf der Alpe melken wir mit vier Melkzeugen, die mit einer Vakuumpumpe über einen alten Traktor angetrieben werden“, erklärte der 68-jährige Alfred Jörg, der schon als Sechsjähriger von seiner Mutter das Melken von Hand gelernt hatte. Den 2 ha-Betrieb seiner Eltern baute er nach und nach aus und freut sich, dass sein Sohn Martin weitermacht.

Kein gutes Haar ließ Jörg an den Mountain-Bikern auf seinem Gelände und er ärgert sich, wie viele seiner Berufskollegen, über die Beutel mit Hundekot auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen. Auch für den hohen personellen Aufwand für die Kontrolle seiner Wasserquelle zeigte Jörg wenig Verständnis, und dass er trotz des qualitativ guten Wassers einen Haag darum ziehen musste.

20-Alpwandern-Kind

Die beiden Bürgermeister Eberhard Jehle (Wertach) und Oliver Kunz (Rettenberg) sprachen vom großen Spagat, um der Landwirtschaft, der Orts- und Tourismusentwicklung hinsichtlich des Flächenbedarfs und der Wegenutzung gerecht zu werden. Es brauche klare Regelungen, um die Konflikte mit den Radlern zu entschärfen – vor allem auch die Haftungsfrage, sagte Dr. Michael Honisch, Geschäftsführer des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu (AVA). Wegsperrungen für Biker, wie jetzt auf der Alpe Höllritzen, sollten im Bedarfsfall möglich sein.

20-Wanderung-B024

Der Vorsitzende des Alpwegeverbandes Richard Göhl erinnerte an die Leistungen für den Wegebau und die umfangreichen Sanierungen, wenn durch Starkregen die Teerdecken unterspült und Brücken beschädigt werden. Wie auch Bürgermeister Kunz wünschte sich Göhl „zeitnaher Geld für die Sanierung“ aus einem entsprechenden Fonds. Die Wege würden ohnehin zu über 50 % touristisch genutzt.

Laut Honisch stehen dem zuständigen Amt für ländliche Entwicklung (ALE) in Schwaben bis zu 1 Mio. € im Jahr für den Alpwegebau zur Verfügung. Dabei ginge es vor allem um Geld für grundlegende Sanierungen, denn „neu gebaut wird kaum noch was“. Mit dem ALE werden die vordringlichsten Maßnahmen jedes Jahr besprochen. Im akuten Schadensfall müsste die Notfallhilfe aber schnell und unbürokratisch gehen, forderte Kunz. Gerade jüngst war die Gemeinde Rettenberg stark von „unplanbaren Elementarereignissen“ betroffen, als drei Bäche 600 m Weg völlig weggespült hatten.

20-Wanderung-B02

Angesichts der vielen Wanderer müssten die 1600 Kleinwasseranlagen im Landkreis Oberallgäu in Ordnung sein, warb Landkreischef Anton Klotz um Verständnis für die Kontrollen. Man wolle die Betreiber in keinem Fall „tritzen“. Für Unwetterschäden habe der Landkreis keinen Fonds, gleichwohl einen Hilfssfonds für private Schäden aus Spendengeldern. Klotz lobte die Initiative Alpgenuss, wonach sich teilnehmende Alpen verpflichten, den Gästen ausschließlich regionale Produkte zu kredenzen. Klotz: „Scheiblettenkäse aus Dänemark will ich auf Hütten nicht sehen.“ Auch die Gäste bis in den Oktober hinein auf den Alpen zu bewirteten, sei zu überlegen. Man sei dankbar für jeden Gast und daher müsse man ein Lenkungskonzept erarbeiten, denn die E-Mobiltät sei auch für Wanderer oft lästig. In Naturschutz- und einigen Landschaftsschutzgebieten bestehe ohnehin kein freies Zugangsrecht. „Für die Haftung brauchen wir Regeln wie in Tirol und Vorarlberg.“

20-Alpwandern-B06a

Im Vertragsnaturschutz mit seinen Zusatzeinnahmen für die Landwirtschaft sei der Landkreis Oberallgäu an der Spitze, betonte Klotz, der auch seine Mitarbeiter an der Unteren Naturschutzbehörde für ihre Arbeit lobte. Die beiden Praktiker Gerhard Gehring und Bernhard Nasswetter waren beim Alpwanderkurs mit von der Partie und zeigten bei dem knapp einstündigen Marsch zur Alpe Hintere Kölle/Sattelhütte (1200 m) die artenreichen Streuwiesen vom Wegesrand aus. Etwa 4200 ha Fläche von 1000 Bauern stünden im Oberallgäu unter Vertragsnaturschutz. Sie erhielten dafür zwischen 300 und 1000 €/ha, je nach Arbeitsaufwand. In einer Kulturlandschaft könne Natur, Alp- und Landwirtschaft nur zusammen funktionieren, so Nasswetter. Idealismus und Heimatverbundenheit gehörten hier dazu.

Ich bin sicher, ich hab den Wolf hier gesehen

Das Hirtenpaar Florian und Bettina Rehle kümmert sich auf der Hintern Kölle auf 78 ha, davon 41 ha Wald, um 75 Stück Jungvieh und die Tagesgäste. Die Tiere der Alpe Hintere Kölle, die 17 Alpgenossenschaftsmitgliedern gehört, stammen von acht Kranzegger Bauern. Drei sind Biobauern, daher stehen 26 Rinder im 11 ha großen Öko-Teil.

Von den vielen Um- und Neubauten berichtete Alpmeister Franz Zeller. Der Laufstall ist neu und auch in der Wohnung der im Jahr 2017 geschindelten Hütte fühlt sich die junge Familie nach Florian Rehles Worten „sauwohl“. Weniger wohl ist ihm bei dem Gedanken an den Wolf, den er vor kurzem auf dem Alpgelände hier oben gesehen habe. „Mit einem Rudel haben wir ein Problem. Tourismus und Wolf – beidteil goht bei uns halt nicht!“ Für diese Aussage erntete Rehle, der seit sieben Jahren hier Hirte ist, viel Applaus der Alpwanderer.
Anerkennend lobte Honisch die sauber abgefressene Weide. Doch man merke auch, „es ist schwierig, dem Aufwuchs nachzukommen in einem Sommer, in dem es bislang bombastisch gewachsen“ sei. Ein früherer Auftriebsbeginn sollte, besonders auf Alpen für Einstallung und Futterbevorratung möglich sein.
Von der Hütte der Hinteren Kölle aus konnten die Exkursionsteilnehmer auf einen Teil der 1900 ha bayerischen Staatswald blicken, der zum Bereich des Forstbetriebs Sonthofen gehört. Deren Leiter Jann Oetting, Thomas Schneid vom AELF Kempten und der Oberallgäuer FBG-Geschäftsführer Roman Prestele, erinnerten an die extreme Fichtenblüte, sprachen vom drohenden Käferbefall wegen der Trockenheit und einem vollen Holzmarkt. Die Erschließung des Waldes sei wichtig und man solle die Fördertöpfe anzapfen, hieß es.
Bei der Jagd gehe es darum, den Wald zu entlasten, erklärte Berufsjäger Ludwig Weiß. Nicht einmal beim Gamswild bestehe die Gefahr der Ausrottung. Schwarzwild trete hier sporadisch auf: „Da schauen wir, dass wir es erwischen.“ Aktuell habe man kein Zugriffsrecht auf den Wolf, da dieser dem Naturschutz- und nicht dem Jagdrecht unterliege.
Weiter marschierten die Alpfreunde bei Regen zur Alpe Vordere Kölle (1180 m) zur Mittagsrast im Stall. Die 60 ha große Alpe, die auch „Willers Berg“ heißt, ist Mitglied beim Verein Allgäuer Alpgenuss und ist mit aktuell 112 Stück Jungvieh und 13 Kühen bestoßen. Sie wird von Karin Enderle, ihrem Ehemann, dem Oberallgäuer Kreisobmann und schwäbischen BBV-Bezirkspräsidenten Alfred Enderle, sowie Karins Zwillingsschwester Sonja Engstler und deren Mutter bewirtschaftet. Die Alpe ist nun in der vierten Generation in Familienbesitz. Ehe Alfred Enderle die Agrarpolitik streifte, erklärte er kurz die Weidepflege. Die Alpe wird vom Hof in Wertach aus bewirtschaftet, wo man mitten im Dorf maximal 19 Kühe halte. Das Alpvieh kommt von zehn Beschlägern – und dem eigenen Vieh.
Die 60 ha habe man in acht Einschläge unterteilt und verwende keinen Elektrozaun. Beim Zäunen – zwischen 800 und 1000 Pfähle – helfen Beschläger und Verwandte mit. Biologisch werde nicht gewirtschaftet, allerdings nach Kulap-Richtlinien. Einzelne Pflanzen würden gespritzt. Gülle und Mist kommen auf die Flächen. Die Milch werde zweimal pro Tag ins Tal gebracht. Man gehöre über die Bergbauern EG bis Ende nächsten Jahres zu den „Zwangsdänen“, sei aber mit dem Arla-Konzern bislang gut gefahren, so Enderle.

Das Kulap darf nicht sterben

Bei der Förderpolitik achte man darauf, dass „auf EU-Ebene das Kulap nicht kaputt geschossen wird“ und der Begriff „echter“ Landwirt müsse noch genau definiert werden. Das erklärte Ziel: „Es muss möglichst viel Geld bei Bayerns Bauern bleiben!“ Eine Marktverzerrung sei: „Wir haben entkoppelt, andere Länder nicht.“

Den vor zehn Jahren gegründeten Verein Allgäuer Alpgenuss stellte deren Sprecherin Resi Schwarz engagiert vor. Von den aktuell 65 Mitgliedsbetrieben – 170 bewirtete Alpen gibt es im Allgäu – müssen jedes Jahr 10 Prozent geprüft werden. Ehrlichkeit und Ursprünglichkeit seien beim Essensangebot auf den Alpen wichtig.
Weiter gings zur Alpe Burgerschläg (oder Vorderburger Alpe, 1210 m), wo Alpmeister Wendelin Eckhard und das Hirtenpaar Alex Köhler und Sarah Kneißle die Gäste erwarteten und bei strömendem Regen auch unter Sonnenschirmen bewirteten. Die 20 Hektar sind mit 45 Stück Jungvieh und einer Kuh beschlagen. In der trockenen Hütte spielte der Hirte mit seiner Ziehharmonika auf, was vermutlich nicht alle Besucher hören konnten.
Auf Burgerschläg muss das Trinkwasser mit Kanistern raufgefahren werden. „Wir lassen die Kirche aber im Dorf“, sagte Dr. Ludwig Walters, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes Oberallgäu mit Blick auf die strengen gesetzlichen Auflagen, die auch für Alpen gelten.
Veterinär Dr. Thomas Brunner vom Landratsamt Oberallgäu sprach von 585 nach TBC untersuchten Betrieben: In den vergangenen drei Jahren hatten wir die TBC unter Kontrolle.
Die zuletzt besuchte Alpe Metzeberg (1150 m) war unter der Vorgängerin Erna Schwarz von Alphirte Toni Maurer 29 Jahre lang als Musikertreff bekannt. Maurer war lange Hirte auf dem unweit entfernten Bichlerhof und betreut im ersten Jahr auf 33 ha 68 Stück Jungvieh und seine Kuh, auf die er sehr stolz ist, weil sie kommt, wenn er ruft oder mit seinem Hut winkt. Pächter und Verwalter Olaf Kraft blickte in die Historie der Alpe, geißelte die zunehmende Bürokratie und erzählte, dass heuer schon Wasser von Engelbräu geliefert werden musste, weil die Hüttenquelle auf der Nordseite versiegt sei.
„Der Wolf macht ungeduldig“, schmunzelte Christian Köppl, der Vertreter des Landwirtschaftsministeriums. Die einen weil sie wollen, dass er kommt, und die anderen, weil sie nicht wissen, wie man mit ihm verfährt, wenn er wirklich da ist. Gleichwohl habe man im vergangenen dreiviertel Jahr „dicke Bretter gesägt“. Das Eckpunktepapier Wolf und den Managementplan aufgestellt (das Wochenblatt berichtete). Der Schutz der Nutztiere etwa per Zaun sei bei uns auch wegen der Topografie nicht möglich und viel zu teuer. „In Bayern sollten wir unseren eigenen Weg mit den Nachbarn abstimmen“, so Köppls Fazit. Er geißelte auch die Begriffsverharmlosung anstelle von Rudel von einer Wolfsfamilie zu sprechen.
MdL Dr. Leopold Herz sprach sich unter dem Beifall seiner Zuhörer deutlich für den Abschuss des Wolfes in unseren Breiten aus. „Wir haben mit unseren Diskussionen viel erreicht“, schrieb Alfons Zeller, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Bergbauernfragen, den bäuerlichen Vereinigungen und Vertretern gute Erfolge auf die Fahnen.
Die niedrigen Höhenlagen der besuchten Alpen seien Chance und Herausforderung zugleich, fasste Dr. Honisch zusammen. Frühe und intensive Nutzung seien unumgänglich. Andererseits sind die Hütten für Wanderer gut zu erreichen und fast alle bieten Speisen und Getränke an. Vorsitzender Franz Hage bedankte sich bei den 22 Berufsjägern und natürlich bei den Berglern für ihre Arbeit. Cornelia Beißer
Auch interessant