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Milchvieh

Anbindehaltung: Konzept notwendig

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Patrizia Schallert
am
05.12.2018

Milcherzeugergemeinschaft Mittelschwaben diskutiert mit Molkereivertreter

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Grimoldsried/Lks. Augsburg „Woher kommt die Diskussion um die Anbindehaltung?“, fragte Milcheinkäufer Ludwig Wild von der Molkerei Zott in die Runde. „Sie kommt von Zott“, rief ein verärgerter Landwirt unter dem Applaus seiner Kollegen. Das wiederum mochte Wild auf der Jahresversammlung der Milcherzeugergemeinschaft (MeG) Mittelschwaben so nicht stehen lassen und schob den Schwarzen Peter dem Lebensmitteleinzelhandel zu, der die Molkereien vor sich her treibt. Nach der gentechnikfreien Milch werde der Handel in absehbarer Zeit auch Milch ohne Anbindehaltung einfordern. „Der Tag X wird kommen.“

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Eröffnet wurde die Versammlung vom MeG-Vorsitzenden Karl Stadler. Auch er war sich im Klaren darüber, dass sich die Diskussion um die Anbindehaltung nicht unter dem Tisch halten lässt. Während die Österreicher mit ihrer Kombination von Anbindehaltung und Auslauf bereits reagiert hätten, müsse ein entsprechendes Konzept in Bayern erst noch entwickelt werden. Das erfordere ein einheitliches Vorgehen der Milchwirtschaft, der bäuerlichen Verbände und der Politik.

Milchanlieferung gesteigert

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Bevor das Thema „Anbindehaltung“ ausgiebig diskutiert wurde, legte Ludwig Fendt den Geschäftsbericht für das vergangene Wirtschaftsjahr vor. Demnach lieferten die 79 Mitgliedsbetriebe der MeG Mittelschwaben insgesamt 18 225 042 kg Milch an die Molkerei Zott. Das sind rund 437 000 kg mehr als im Vorjahr. Der Fettgehalt der Milch belief sich auf durchschnittlich 4,21 % und der Eiweißgehalt auf 3,52 %.
Bei den turnusgemäßen Wahlen zum Vorstand und Aufsichtsrat wurden Christian Riedler als zweiter und Thomas Brecheisen (beide Langenneufnach) als dritter Vorsitzender einstimmig bestätigt. Erneut in den Aufsichtsrat berufen wurden Berthold Vogele (für Ziemetshausen), Wolfgang Jakob und Erwin Jörg (beide für Grimoldsried), Johann Geiger (für Obergessertshausen) und Josef Schaflitzel (für Mittelstetten). Aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden ist Robert Knöpfle (Grimoldsried).
„Die Landwirtschaft ist tief mit dem Genossenschaftswesen verbunden, auch wenn die jungen Bauern damit nicht mehr so vertraut sind“, sagte Werner Schartel, Regionaldirektor des Bezirksverbands Schwaben im Genossenschaftsverband Bayern (GVB). „Aber wir brauchen jeden Einzelnen als ehrenamtlichen Mitstreiter, denn eine Genossenschaft ist kein Selbstläufer. Für ihr Fortbestehen und ihren Erfolg muss etwas getan werden.“ Einer, der Friedrich Wilhelm Raiffeisens Idee „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele“ aktiv gelebt habe, sei Wolfgang Jakob. „Während seiner 24-jährigen Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der MeG Mittelschwaben hat er die Entwicklung der Genossenschaft entscheidend mitgeprägt“, sagte Schartel. Als Dank für sein ehrenamtliches Engagement überreichte er Jakob die „Silberne Ehrennadel“ des Genossenschaftsverbands und eine Ehrenurkunde. Die 25-jährige MeG-Mitgliedschaft von Hubert Heim (Mickhausen) wurde ebenfalls mit einer Urkunde gewürdigt.
Ludwig Wild, Milcheinkäufer der Molkerei Zott, bedankte sich beim MeG-Vorstand für die gute Zusammenarbeit und offene Diskussion. „Insbesondere in den letzten Jahren hat der Gesprächsbedarf bedingt durch die größer gewordene Volatilität im Milchmarkt deutlich zugenommen.“ So habe auch das Milchjahr 2018 einige überraschende Entwicklungen mit sich gebracht. Eine Auswirkung der Trockenheit auf die Milchmenge sei aktuell noch nicht feststellbar. Inwieweit sich der Sommer 2018 in den nächsten Monaten, bedingt durch geringere Ernteerträge, bei der Milchmenge bemerkbar machen wird, bleibe abzuwarten.
Seit mehr als zehn Jahren werde der Milchmarkt von Angebot und Nachfrage regiert. In diesem Zeitraum habe sich der Milchpreis dreimal nach oben und dann wieder nach unten entwickelt. Diese Volatilität sei nicht nur für die Milcherzeuger, sondern auch für die Molkereien ein Problem. Mit den Preisschwankungen werden die beiden Parteien auch in den kommenden Jahren leben müssen, befürchtete Wild. Auffällig im laufenden Jahr sei die starke Spreizung im Preis für Milchfett und Eiweiß gewesen. Während das Milchfett extrem hochpreisig bewertet wurde, habe sich diese Tendenz beim Milcheiweiß in das Gegenteil verkehrt. Zu spüren bekamen dies die Verbraucher beim gestiegenen Butterpreis.
Wild nahm auch Stellung zu den Vorhaltungen aus dem Kreis der Milcherzeuger, dass die Molkerei Zott die Anbindehalter benachteiligen wolle und damit zu einem Totengräber der kleinstrukturierten bäuerlichen Landwirtschaft in Bayern werde. Unter den Milchlieferanten der Molkerei Zott halten sich hartnäckig Gerüchte, dass das Mertinger Unternehmen auf absehbare Zeit einen geringeren Preis für Milch aus Anbindehaltung bezahlen will.
„Das Thema Haltungsform, insbesondere die ganzjährige Anbindehaltung, wird inzwischen viel diskutiert“, sagte Wild. Flankiert von einer Zunahme der Wettbewerbsintensität spiele die Prozessqualität, speziell auch die Haltungsform, eine zunehmend größere Rolle. Eine ganze Reihe von neuen Produkten aus Milch mit besonderen Qualitätsmerkmalen wie Tierschutzmilch, Weidemilch oder auch Regionalkonzepte suchten und fänden ihren Platz im Markt und verdrängten dadurch andere Produkte.
„Wenn die bayerische Milchwirtschaft mittelfristig keine Marktanteile verlieren will, ist eine ehrliche und offene Diskussion darüber notwendig, wie lange und unter welchen Bedingungen Milch aus Anbindehaltung noch uneingeschränkt zu vermarkten ist“, erklärte Wild. Hier gelte es insbesondere, die Rahmenbedingungen für die sogenannte Kombinationshaltung, also eine Kombination von Anbindehaltung mit Auslaufmöglichkeiten, für Bayern zu fixieren.

Nicht Molkerei verantwortlich machen

In der folgenden intensiven Diskussion hielt es Karl Stadler für „Schwachsinn“, die Molkerei Zott für die immer wieder aufflammende Debatte über die Anbindehaltung verantwortlich zu machen. Der MeG-Vorsitzende führte die Kritik an der Anbindehaltung auf gesellschaftspolitische Strömungen zurück, die besonders von den Grünen befeuert würden. „Wir haben zu viel Milch“, warf ein Landwirt ein. „Hätten wir zu wenig, dann gäbe es diese Diskussionen nicht.“ Ludwig Wild gab dem Landwirt recht. Die Debatte um die Anbindehaltung sei vor dem Hintergrund des Vermarktungswettbewerbs zu sehen. Dieser gehe heute über die Produktqualität hinaus und fordere auch bestimmte Produktionsstandards.

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