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Eppisburger Ried

Bauern fühlen sich über- und hintergangen

FFH-Gebiete
Michael Ammich
am
08.06.2017

Eppisburg - Landwirte werden vor vollendete Tatsachen gestellt: Managementpläne fürs Eppisburger Ried liegen vor.

Wir fühlen uns hintenrum gelinkt.“ Als die betroffenen Landwirte den Managementplan für die Vogelschutz- und FFH-Gebiete im Donauried bei Eppisburg aufschlugen, trauten sie ihren Augen nicht. Ohne Rücksprache mit den Grundeigentümern und Bewirtschaftern waren dort plötzlich Bereiche als Schutzgebiet ausgewiesen, die in dieser Größenordnung vorher nicht erkennbar waren. „Da wurde aus einem Strich schon mal eine breit schraffierte Fläche“, stellt ein Landwirt fest. Auf den Punkt gebracht: Die Riedbauern trauen den Naturschutzbehörden der Regierung von Schwaben und des Landkreises Dillingen nicht mehr über den Weg.
Am Anfang hört es sich immer harmlos an, wenn die öffentliche Hand den Bauern ein Natura 2000-Gebiet als gute Sache verkaufen will: Alle Maßnahmen sind freiwillig und selbstverständlich können die Landwirte dort auch künftig wirtschaften wie bisher, es gilt ja nur ein Verschlechterungsverbot, aber kein Verbesserungsgebot. Doch mit einer kniffligen Frage fängt es schon an, sagt der Holzheimer BBV-Ortsobmann und Milchviehhalter Johann Demharter: Woran bemisst sich eine Verschlechterung des ökologischen Zustands im Eppisburger Ried?

Wie definiert sich die Verschlechterung

Gemeinsam mit Demharter haben sich weitere Bauern, die im Ried Äcker und Wiesen bewirtschaften, vor Ort eingefunden: Der Milchviehhalter und Zweite Bürgermeister von Villenbach, Reinhard Langenmair aus Riedsend, der Jagdvorstand und Bullenmäster Peter Langenmair aus demselben Ort, der Ackerbauer und Ortsobmann von Eppisburg, Stefan Brenner, sein Stellvertreter und Milchviehhalter Alwin Hieber, Rindermäster Gottfried Kummer, ebenfalls aus Eppisburg, und schließlich der Milchviehhalter Manfred Schiele aus Ellerbach. Alle sind sauer, weil sie sich von den Behörden über- und hintergangen fühlen.
Im Juli 2009 gab es eine Auftaktversammlung zum Managementplan für die Natura 2000-Gebiete im Eppisburger Ried, berichtet Schiele. Damals sei den Grundbesitzern und Bewirtschaftern versprochen worden, sie in die Planungen miteinzubeziehen. Anfang Mai wurde nun die endgültige Fassung des Managementplans vorgestellt. Dazu seien jedoch nicht nur, wie erwartet, die Grundbesitzer und Bewirtschafter eingeladen worden, sondern auch der Naturschutz, die Jäger und die Presse. Sowohl vorher als auch nachher sei es zu Treffen der Planer mit Jägern und Naturschützern gekommen, bei denen die Landwirte außen vor blieben, klagt Schiele. „Wir werden von den Gemeinden aufwärts über das Landratsamt bis hin zur Regierung von Schwaben doch nur verarscht. Uns wurde ein fertiger Managementplan vor die Nase geknallt.“

Mehr als 306 Hektar Fläche sind betroffen

Das Vogelschutzgebiet „Wiesenbrüterlebensraum Schwäbisches Donauried“ – Teilgebiet „Eppisburger Ried“ bezieht stolze 306 ha Fläche ein. Dazu kommt noch das FFH-Gebiet „Gräben im Donauried nördlich Eppisburg“, das sich über eine Gewässerlänge vom insgesamt 17,2 km hinzieht und 45 ha Randstreifen umfasst. Die Schutzgebiete betreffen vier Gemarkungen: Eppisburg, Riedsend, Zusamaltheim und Fristingen. Dass im Wiesenbrütergebiet ein Umbruchverbot für Grünland gilt, werde von den Bauern akzeptiert, versichert Schiele. Anders sieht es schon bei den Uferstreifen aus. In den ersten Konzepten des Managementplans seien diese nur als Strich markiert gewesen, in der jetzt vorliegenden Fassung sind sie jedoch als 26 m breite Zonen schraffiert, die auch privaten Grundbesitz umfassen. Mit den Grundeigentümern und Bewirtschaftern dieser Flächen sei darüber kein Wort verloren worden.
Schiele ärgert sich über die vielen Fragen, die auch nach der Vorstellung des Managementplans offenbleiben: Wer beurteilt, ob sich eine Fläche in den beiden Natura 2000-Gebieten im Eppisburger Ried durch die landwirtschaftliche Nutzung verschlechtert hat? Wer meldet die gezählten Wiesenbrüterpaare an die Naturschutzbehörden? Gibt es Auflagen bei der Düngung? Dürfen die Graugänse bejagt werden, die sich an den Saaten auf den Getreideäckern satt fressen? Wie lange bleibt es für die Bauern bei freiwilligen Maßnahmen? Und was, wenn sich die Bauern tatsächlich zu freiwilligen Maßnahmen entschließen: Wäre es dann ein Verstoß gegen das Verschlechterungsverbot, wenn sie später daran wieder etwas ändern wollten? „In diesem Fall wären wir Landwirte ja blöd, wenn wir freiwillige Maßnahmen durchführen würden.“

Wirtschaftlichen Interessen geopfert?

Und nicht zuletzt erinnert Schiele auf die Vorgänge um das Riedberger Horn: Wer garantiert, dass das Eppisburger Ried nicht auch dereinst wirtschaftlichen oder anderen Interessen geopfert wird? Der Landwirt verweist hier auf den geplanten 1800 ha großen Flutpolder bei Gremheim. Dort befinde sich eines der größten bayerischen Wiesenbrütergebiete mit vielen Brachvögeln. Im Zeichen des Hochwasserschutzes spiele es plötzlich keine Rolle mehr, dass bei einer Polderflutung ganze Brachvogelgelege vernichtet werden. „Und am Ende heißt es wieder: Die Bauern sind am Rückgang der Brachvogelpopulationen schuld.“
Als 1984 das Wiesenbrüterprogramm im Eppisburger Ried gestartet wurde, sei es von den Landwirten gut angenommen worden, blickt Alwin Hieber zurück. In der Folge seien die Fördergelder jedoch immer weniger geworden. Als die Regierung von Schwaben später auf die Einrichtung von generellen Pufferstreifen entlang der Gräben drängte, hätten die Bauern lieber die Anlage eines Schwerpunktbiotops oder von Insellösungen gesehen, so Hieber. „Gewässerschutzstreifen wollten wir nicht.“ Besonders stört sich Hieber daran, dass die Einsprüche der Bauern gegen die ausgewiesenen FFH-Zonen an den Grabenrändern allesamt abgelehnt wurden. „Und das, obwohl uns zugesichert wurde, dass an den Gräben ausschließlich öffentlicher Grund zur FFH-Gebietskulisse wird.“
Mit der Freiwilligkeit von ökologischen Maßnahmen sei es im Eppisburger Ried nicht weit her, wie die betroffenen Landwirte betonen. „Da ist ein freiwilliges Muss dabei“, sagt Peter Langenmair. So schreibe der Naturschutz beispielsweise den Schnittzeitpunkt für Wiesenflächen vor, in denen ein Brachvogelbrutpaar bekannt ist. Schiele wiederum stellt fest, dass die Zählung der Brutpaare alljährlich andere Ergebnisse liefert. „Wenn einmal weniger Brachvögel gezählt werden als im Jahr zuvor, handelt es sich dann schon um eine Verschlechterung des ökologischen Zustands im Vogelschutzgebiet? Können uns Bauern dann bereits Einschränkungen in der Grünlandwirtschaft auferlegt werden?“ Immerhin gibt der Managementplan das Ziel vor, dass am Ende zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen im Vogelschutzgebiet aus Grünland bestehen sollen.
Ein Dorn im Auge sind den Bauern die vielen Ausgleichsflächen und vom Naturschutz angekauften Areale, von denen sie in die Zange genommen werden. Der Eppisburger Ortsobmann Stefan Brenner spricht von einem erhöhten Biotopdruck. Von einem ganz anderen Druck weiß dagegen Peter Langenmair zu berichten. Seit die Donaustauseen eingerichtet wurden und sich bei Hochwasser der Riedstrom regelmäßig durch das Donauried wälzt, habe sich der Grundwasserdruck deutlich erhöht. Immer mehr Flächen, die früher trocken waren, würden jetzt vernässt.
Welche Anstrengungen die Landwirtschaft freiwillig in Sachen Natur- und Artenschutz unternimmt, gehe in der Debatte um die Bauern als Naturfrevler völlig unter, klagt Schiele. Er selbst habe beispielsweise einen großen Eulennistkasten an seinem Milchviehstall befestigt, im Stall selbst brüten rund 60 Schwalbenpaare. „Schwalben brauchen Mist mit Fliegen, ohne Tiere kein Mist und ohne Mist keine Schwalben“, stellt Schiele fest. Er hat auf dem Feld freiwillig Lerchenfenster angelegt, spricht die Wiesenmahd mit den Jägern ab, um Kitze nicht zu gefährden, und mulcht die Feldraine nur ab Mitte Juni, seine Hofstelle ist rundum eingegrünt und an Maisäckern hat er Blühstreifen angesät.
Für den Rückgang der Wiesenbrüter macht der Ellerbacher Landwirt auch den zunehmenden Druck durch die „Luftwaffe“ verantworlich. Bussard, Sperber und Co dezimierten die Brachvogel- und Kiebitzbestände. 50 % des in Deutschland verbrauchten Glyphosats würden im Kommunal- und Privatbereich eingesetzt, um beispielsweise Wege und Friedhöfe unkrautfrei zu halten. Auf 90 % der landwirtschaftlichen Nutzflächen werden keine Insektizide ausgebracht, so Schiele. „Wie kann dann für den Rückgang der Schmetterlinge und anderer Insekten die intensive Landwirtschaft verantwortlich sein?“

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