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Artenvielfalt

Bienen und Bauern retten

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Brigitte Früh
am
22.07.2019

Nicht erst seit heute wird das System der Agrarwirtschaft immer häufiger in Frage gestellt. Walter Haefeker, der Präsident des europäischen Berufsimkerverbandes, hat in Kempten Alternativen aufgezeigt.

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Interessante Denkansätze über Alternativen zum derzeitigen Agrarsystem präsentierte Walter Haefeker in einem ausführlichen Referat vor großem Publikum in Kempten. Der Präsident des europäischen Berufsimkerverbandes und Vorstandsmitglied des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes sowie Koordinator der Arbeitsgruppe Gentechnik des Weltimkerverbandes Apimondia sprach auf Einladung der Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel e. V. IG FÜR zum Thema „Bienensterben, Insektensterben, Höfesterben – Welche Alternativen gibt es zum derzeitigen Agrarsystem?“ Als Mitveranstalter waren der Bio-Ring Allgäu e. V., der Bund Naturschutz und der Kreisverband Imker Oberallgäu beteiligt. Haefekers Fazit: Das derzeitige Agrarsystem bedroht Bauern und Bienen und muss deshalb geändert werden.

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Haefeker, der die Berufsimker beim Runden Tisch zum Volksbegehren vertrat, ist der Überzeugung, dass der inhaltliche Anspruch des Volksbegehrens über den Erhalt der Artenvielfalt hinausgeht: „Es geht auch darum, die Vielfalt der bäuerlichen Betriebe zu erhalten“. „Agrarpolitik ist Bienenpolitik“, betonte der Berufsimkerpräsident, und erklärte, warum sich Imker in die Agrarpolitik einmischen. Denn die Gesundheit der Bienen und die Gesundheit und Vermarktbarkeit der Bienenprodukte hängen davon ab, unter welchen Rahmenbedingungen die Flächen bewirtschaftet werden, so Haefeker.

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Er versteht die Honigbienen, die von Menschen intensiv beobachtet und betreut werden, als eine Art „Frühwarnsystem“. Wenn größere Probleme offenkundig werden, schlagen die Imker Alarm und es wird untersucht, ob auch andere Bestäuber und Insekten betroffen sind, was mit der Krefelder Studie eindeutig bestätigt worden sei. „Jetzt haben wir nicht nur einen dramatischen Insektenschwund in Deutschland, sondern weltweit den größten Artenschwund überhaupt. Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht.“

Haefeker sieht viele Faktoren als Ursachen für den Insektenschwund, auch wenn die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln im Falle der Honigbiene die Schuld der Varroamilbe als größte Ursache zuschieben würden. Eine Untersuchung von Bienenvölkern an verschiedenen Standorten habe hingegen eindeutig die Belastung der Insekten durch Pestizide aus intensiver Landwirtschaft belegt. Ein großes Problem sieht der Berufsimker darin, dass sich Pflanzenschutzmittel in Böden anreichern und bei der Bodenbearbeitung über Feinstaub weit vertragen werden. So sei Glyphosat in der Umwelt weit verbreitet und in vielen Lebensmitteln nachzuweisen.

Monokulturen seien nur durch den Einsatz von Insektiziden möglich, so Haefeker. Was vielen nicht bewusst sei: Laut einer französischen Studie sind die jetzigen Wirkstoffe in Neonicotinoiden für Bienen um das über fünftausendfache toxischer als das hierzulande aus dem Verkehr gezogene DDT.
Für die Zulassung eines Pflanzenschutzmittels sei jedoch nicht nur die Toxizität wichtig, sondern auch, inwieweit Bienen damit in Kontakt kommen. Die Annahme, dass Bienen nicht mit Beizmitteln in Kontakt kommen, habe sich indes als „komplett falsch“ herausgestellt. Nur 5 % des Wirkstoffes würden von der Pflanze aufgenommen, der Rest sei in der Umwelt unterwegs. Nach dem Verbot von Neonicotinoiden wurden andere Mittel mit ähnlichen Wirkstoffen zur Zulassung gebracht, etwa Sulfoxaflor. Dieses könne laut Haefeker aber die Fortpflanzungsfähigkeit bestimmter Hummeln beeinträchtigen. „Die neuen Wirkstoffe werden zum Teil auch nicht viel besser getestet als die alten“, übte der Imkervertreter Kritik am Zulassungsverfahren.
Sind Pflanzenschutzmittel, wie oft behauptet, tatsächlich ein unverzichtbares Werkzeug für die Landwirtschaft? Dazu verwies Haefeker auf eine Studie in Finnland, in der festgestellt wurde, dass man „die Ertragseinbußen in mehreren Provinzen und auf nationaler Ebene für Raps nur mit der Einführung von Neonicotinoiden als Beizmittel vor etwa 15 Jahren erklären kann, wahrscheinlich durch die Beschädigung der Bestäubungsleistung durch Wildbestäuber.“ Die beste Bestäubung werde erreicht, wenn eine große Biodiversität bei Bestäubern vorhanden sei, stellte der Referent fest.
Harte Kritik übte Haefeker auch daran, dass es zugelassen werde, Agrarflächen so intensiv wie nur möglich zu bewirtschaften. Steuergelder würden dann dafür verwendet, die daraus entstehenden Schäden zu kompensieren, etwa durch die Anlage von Blühstreifen über das Kulap oder durch das Zuschieben dieser Aufgabe an Kommunen und Privatleute. „Gewinne privatisieren und Kosten sozialisieren“, diese Strategie lehnt der Funktionär strikt ab.
Wie kann die Landwirtschaft zum Schutz von Insekten beitragen? Etwa durch den Einsatz „insektenfreundlicher“ Agrartechniken wie Dropleg-Düsen beim Raps-Spritzen oder von Doppelmessermähwerken beim Mähen von Grünland anstelle von Mähwerken mit Aufbereiter. „Das ist für Insekten gut, erfordert weniger Zugkraft und macht einen sauberen Schnitt statt die Pflanze abzuschlagen, was wiederum den Aufwuchs fördert.“
Haefeker plädiert überdies in erosions- und hochwassergefährdeten Flächen auch für die Anlage von begrünten Wasserwegen, „da wo das Wasser eh fließt“. Diese brächten einen Mehrfachnutzen in Form von Erosions- und Hochwasserschutz, Lebensraum für Insekten und Vögel, Biotopvernetzung und Pflanzenmasse für Biogasanlagen.
Klare Worte fand der Referent für die Agrarpolitik, die in der EU derzeit neu aufgelegt wird. Das Greening hat nach Haefekers Auffassung das oberste Ziel, die Akzeptanz des EU-Agrarhaushalts bei der Bevölkerung zu erhöhen, um den Agraretat in voller Höhe zu erhalten. Das eigentliche Ziel des Greenings, nämlich die Förderung von Agrarumweltnahmen, sei mittlerweile so verwässert worden, dass damit die Akzeptanz in der Gesellschaft nicht herzustellen sei. „Das Signal des Volksbegehrens wurde auch in Brüssel vernommen, es könnte eine Gefahr für das Agrarbudget werden.“
Für Haefeker ist der landwirtschaftliche Betrieb nur ein „Durchlauferhitzer“ für Agrarfördermittel, denn vor- und nachgelagerte Bereiche würden die Fördermittel einkalkulieren und entsprechend die Preise erhöhen. Und ein nicht unerheblicher Teil des Geldes lande nicht beim Landwirt, sondern beim Verpächter. Diese Umverteilung betreffe vor allem die Mittel aus der ersten Säule. „Aus Sicht der landwirtschaftlichen Betriebe wäre es viel sinnvoller, auf Maßnahmen zu setzen, die über die zweite Säule gefördert werden, weil hier mehr Geld im Betrieb bleibt“, lautet Haefekers Meinung dazu.
Der Berufsimkerfunktionär zitierte Trends in der Landwirtschaft bis 2030, die Christian Stockinger von der LfL 2017 veröffentlicht hat, also vor dem Volksbegehren. Demnach halbiere sich die Zahl der Betriebe in Bayern in diesem Zeitraum, während sich Betriebe über 100 ha verdoppeln. Der Pachtflächenanteil werde auf 75 % steigen. Die Digitalisierung werde zu einem Arbeitsproduktivitätsvorsprung in der Tierhaltung führen. Die Renditen pro Kuh, pro Hektar, pro Schwein stagnierten. Stundenverdienste könnten nur über höhere Arbeitsproduktivität gesteigert werden.
„Deshalb war es das Ziel des Runden Tisches, ins Begleitgesetz Maßnahmen aufzunehmen, die das Sterben landwirtschaftlicher Betriebe verhindern“, betonte Haefeker. Das derzeitige Agrarsystem bedrohe Insekten, Vögel, Niederwild und landwirtschaftliche Betriebe. „Und deshalb ist es nötig, das Agrarsystem so umzubauen, dass Bienen und Bauern gerettet werden.“ Brigitte Früh
  • Honigbienen sind eine Art Frühwarnsystem für Probleme, die alle Insekten betreffen.
  • Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln sind in der Umwelt weit verbreitet.
  • Das Greening ist so verwässert, dass es nicht mehr die Akzeptanz der Gesellschaft für das EU-Agrarbudget fördert.
  • Mittel aus der zweiten Säule bleiben eher im Betrieb als Mittel aus der ersten Säule.
  • Das derzeitige Agrarsystem forciert den Strukturwandel und bedroht die Vielfalt von Insekten und landwirtschaftlichen Betrieben.
  • Bienenfreundlich erzeugte Milch, Bienenstrom, Digitalisierung und Robotertechnik bieten Chancen für Bauern und Bienen.

Pflanzenschutz optimieren mit intelligenter Technik

Mit dem Landmaschinenhersteller Horsch ist sich Haefeker einig, dass der Strukturwandel in der Landwirtschaft kein physikalisches Gesetz ist, „sondern ein Ergebnis der Anpassung der Kulturlandschaft an die Bedürfnisse großer, dummer Maschinen.“ Deswegen müsse die Landtechnik nicht größer, stärker und schwerer werden, was ohnehin kaum noch möglich sei, sondern intelligenter.

Die Digitalisierung und der Einsatz von Robotertechnik biete die Chance, selektiv Schädlinge und Unkraut aus dem Bestand zu entfernen, ohne Nützlinge und die Biodiversität zu beeinträchtigen. „Der digitale Pflanzenschutz wird den chemischen Pflanzenschutz langfristig ersetzen“, ist Haefeker überzeugt, nach dem Motto „See and spray“. Kleine, leichte, autonome Roboter, so das Ziel, erkennen einen Befall und bringen nur an dieser Stelle den Wirkstoff aus, Stichwort „Mikroapplikation“. Dadurch könne die Aufwandmenge drastisch reduziert werden. Die Kosten für einen solchen Agrarroboter bezifferte Haefeker auf ca. 5000 €. Die Digitalisierung bringe hier einen Nutzen für die Landwirtschaft und die Natur. Freilich müsse darauf geachtet werden, dass die Nutzung nicht zur Datenfalle wird. BF

Bienenfreundliche Milch

Gemeinsam mit Milcherzeugern und Verbänden war Haefeker daran beteiligt, ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept für eine „bienenfreundlich produzierte Milch“ zu entwickeln. Es wurde sogar ein Siegel dafür geschaffen: „Zertifiziert bienenfreundlich“. Mit dem Fachverband Biogas habe es eine langjährige Zusammenarbeit beim Thema Energie aus Blühpflanzen gegeben. Daraus entstand die Idee für ein Ökostromprodukt. Jetzt sei es gelungen, mit den Stadtwerken Nürtingen und dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb in Kooperation mit Landwirten aus diesem Gebiet das Projekt „Bienenstrom“ zu verwirklichen. Die Landwirte säen Blühmischungen statt Mais an und erhalten 1 ct/kWh, um den Minderertrag aus Maisalternativen auszugleichen (siehe www.bienenstrom.de). Und schließlich könne Digitalisierung und Robotertechnik dazu beitragen, die Aufwandsmengen beim Einsatz von PSM drastisch zu reduzieren. BF

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