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Wald

Ein Bild der Verwüstung

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Susanne Lorenz-Munkler
am
08.07.2019

Nach dem Sturm Vaia liegen etwa 6000 Festmeter Schadholz an der Seealpe am Nebelhorn. Die Aufräumarbeiten gehen aber zügig voran.

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Oberstdorf/Lks. Oberallgäu Die Nacht vom 29. auf 30. Oktober 2018 werden der Geschäftsführer der Nebelhornbahn Peter Schöttl und deren technischer Leiter Alfred Spötzl nicht so schnell vergessen. Innerhalb von zwei Stunden fegte der Sturm „Vaia“ mit Orkanböen von bis zu 130 km/h oberhalb der Bergbahn-Mittelstation Seealpe entlang und legte alle, teilweise über 100 Jahre alte Fichten, flach. Das Gelände bietet heute ein Bild der Verwüstung mit hunderten gebrochenen und zersplitterten Bäumen: 6000 fm Schadholz auf 50 ha Fläche. Holz, das zum Teil nur mehr als Schwachholz oder Hackgut vermarktet werden kann.

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Eigentlich sei der Baumbestand in dieser Lage sehr gut von gefährlichen Westwinden geschützt, betont Schöttl: Der Orkan kam aber von Osten und zerstörte einen wichtigen Schutzwald, der vor allem die Entstehung von Lawinen verhindern sollte. Deshalb sei es von größter Bedeutung, dessen Schutzfunktion so schnell wie möglich wiederherzustellen. Klaus Dinser, stellvertretender Bereichsleiter Forsten am Amt für Landwirtschaft, nennt noch ein weiteres Argument: „Das Bruchholz ist ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer, der jetzt ausfliegt“.

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Direkt nach dem Sturmereignis machten sich die Bayerische Forstverwaltung, die Forstbetriebsgemeinschaft Oberallgäu und die Grundbesitzer – die Nebelhornbahn und die Rechtler Oberstdorf – an die Beseitigung der Schäden. Mit den Aufräumarbeiten konnte dank der warmen Witterung noch im November begonnen werden. Insgesamt vier Forstdienstleister machten sich mit rund 20 Mann und deren Spezialmaschinen ans Werk. Wegen des überaus steilen Geländes brauchte man Unternehmen, die auf solche Arbeiten spezialisiert sind. Mit Seilbahnanlagen, spezieller Rückeraupe mit Seilwinde, speziellen Harvestern und Holztransportern.

Unterbrechung im Winter

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Als der Winter kam, mussten die Arbeiten eingestellt werden. 2019 begann man im April weiterzuarbeiten. Anfang Mai mussten wegen erneuten Schneefalls die Arbeiten wieder eingestellt werden. Im Juni dann wurden die Aufräumarbeiten wieder aufgenommen. Unter anderem musste ein neuer Forstweg gebaut werden, um mit den Geräten in die höher gelegenen Schadensregionen zu kommen. Die Wanderwege rund um die Seealpen und der Lehrpfad „Uff der Alp“ wurden bis auf weiteres gesperrt. Das Vieh konnte jedoch auf die Vordere Seealpe aufgetrieben werden.

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Bis Ende Juli soll das Schadholz weitgehend aufgearbeitet und abtransportiert sein. Den Abtransport und die Vermarktung des gesamten Holzes übernimmt die Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Oberallgäu. Florian Vögele von der FBG berichtet: „Das Hackgut wird ins Bioenergie-Heizwerk Kleinwalsertal geliefert. Das Schwachholz geht in eine Großsägerei nach Landsberg.“

Die Holzpreise seien derzeit extrem niedrig, da der Sturm Vaia europaweit massive Schäden angerichtet hat und jetzt sehr viel Schwachholz auf dem Markt sei. Deshalb rechnet Forstdienstleister Christian Seestaller, dass die Rechnung für die Nebelhornbahn mit einer „roten Null“ aufgeht. Seestaller ernüchtert: „Wir haben noch nie Hiebe gemacht, bei welchen eine Null für den Waldbesitzer rauskommt“.

Gleichzeitig muss wieder aufgeforstet werden. Etwa 48 000 Pflanzen sind gekauft und werden gepflanzt, damit ein standortgemäßer Bergmischwald nachwachsen kann. Es handelt sich um dreijährige Topfballenpflanzen aus Saatgut vergleichbarer Höhenlage. „Da Topfpflanzen aus Baumschulen derzeit Mangelware sind, wird die Pflanzung über drei Jahre gestreckt“, betont Klaus Dinser, stellvertretender Forstamtsleiter. 4,50 € kostet eine Pflanze. Die Anpflanzung wird zu 90 % gefördert über Programme des Schutzwaldmanagements.
„Wir pflanzen relativ wenig Fichte, da wir davon ausgehen, dass über Naturverjüngung einiges nachwächst. Dafür viel Tanne, Buche, Bergahorn, Zirbe und Kiefer“, betont Anton Specht von der Fachstelle Schutzwaldmanagement am AELF Kempten, der mit der Wiederaufforstung der Schadfläche beauftragt ist. Teilweise helfen Ehrenamtliche an der Wiederaufforstung mir, wie an diesem Tag Schüler der Berufsschule Immenstadt. „Das ist genauso wichtig wie ‚Fridays for Future‘“, meint der angehende Schreiner Dominik Zürn, der entsetzt ist über das Ausmaß des Schadens. Werner Weber, Lehrer a.D. an der Berufsschule hat in seinem Leben ehrenamtlich schon 3000 Bäume gepflanzt, betont Klaus Dinser. Die Wurzelteller der umgekippten Fichten lässt man zum Teil liegen, da das steile Gelände nur mit einer dünnen Humusschicht bedeckt ist. „Darunter kommt der blanke Schotter hervor“, erklärt Specht. „Bei Starkregen könnte sonst der ganze Hang kommen“. In spätestens drei Jahren soll die ganze Maßnahme abgeschlossen sein.

Jetzt sind die Jäger am Zug

Zu der gesamten Maßnahme sagt der Obersdorfer Revierleiter Robert Proksch: Das Ganze muss generalstabsmäßig aufgezogen werden. Schwierig ist dabei unter anderem der Abtransport des Holzes, da nur ein schmaler Teerweg ins Tal führt. Das ist ein Nadelöhr.“ Und die Koordination zwischen den unterschiedlichen Akteuren müsse stimmen. Die Akteure sind Grundbesitzer, Forstverwaltung, Forstbetriebsgemeinschaft, Forstdienstleister, Wasserwirtschaft, Naturschutz und die Jagd.“ Dass die Jagd den neuen Gegebenheiten angepasst wird und die Jungpflanzen weitgehend ohne Schaden aufwachsen können, sei das A und O für den Erfolg der Maßnahme, betont Klaus Dinser. Das liege allein in den Händen der Grundbesitzer, die mit den Jagdpächtern verhandeln müssten.
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