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Marktlage

Biolandbau - manche bekommen jetzt Fracksausen

Externer Autor
am
07.01.2019

Günzburger BBV-Ortsobmänner diskutieren Bio-Hype / Viele Bauern stellen um.

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Kemnat/Lks. Günzburg Wo beginnt die Ökonomik und wo hört der Idealismus auf? Mancher Biobauer bekommt schon heute das Fracksausen, wenn er auf die vielen Umsteller und damit das steigende Angebot von Ökoprodukten blickt. Und er nimmt es fast als Wunder auf, dass der Preis für Biomilch nach wie vor stabil auf einer Umlaufbahn um die 48-ct-Marke kreist. Für den konventionellen Milcherzeuger ist das eine astronomische Größe, die ihm zuweilen den Blick auf die Realitäten verstellt. Auf der Herbstversammlung der Günzburger BBV-Ortsobmänner in Kemnat gingen ein staatlicher und ein bäuerlicher Vertreter der Öko-zunft auf den Hype um „Bio“ ein.

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Erst einmal warnte jedoch Kreisobmann Stephan Bissinger davor, einen Keil zwischen die Landwirte zu treiben. „Beide Produktionsformen haben ihre Berechtigung.“ Was Bissinger stört, ist der Trend in den Medien, die konventionelle Landwirtschaft in die Schmuddelecke zu stellen. „Deshalb müssen wir massiv an unserem Image arbeiten.“ Die Strategie ist für ihn klar: Fachlich diskutieren mit Agrarexperten und politischen Entscheidungsträgern, aber mit der Bevölkerung die Sprache der Verbraucher sprechen.

„Wir müssen uns die Zeit für die Öffentlichkeitsarbeit vor Ort nehmen“, appellierte Bissinger an seine Kollegen. „Der Tierschutz ist allen Landwirten eine Herzensangelegenheit und das müssen wir auch nach außen zeigen.“ Er bedauert, dass die Bauern bei Infrastrukturmaßnahmen „nur noch im Weg sind und als Störfaktoren betrachtet“ werden. Selbst beim Ausbau von Bundesstraßen sollen sie jetzt beiseite- geschoben werden.
Johannes Enzler führte die Obmänner anhand von langen Zahlenreihen in die Welt der Ökomärkte ein. Der Experte leitet an der LfL den Fachbereich Ökologische Land- und Ernährungswirtschaft. Derzeit gibt es in Deutschland rund 25 000 Ökoerzeuger, erklärte Enzler. Sie bewirtschaften 1,3 Mio. ha, davon 760 000 ha Dauergrünland. Auf den 560 000 ha Ökoackerfläche werden 270 000 ha Getreide und 190 000 ha Futterpflanzen angebaut, dazu 40 000 ha Hülsenfrüchte und 14 000 ha Gemüse.
Die Biobranche befindet sich über alle Stufen der Wertschöpfungskette hinweg auf Wachstumskurs. Allein in Bayern gibt es derzeit rund 9900 Erzeuger, 3700 Verarbeiter, je 70 Importeure und Futtermittelhersteller und 900 Handelsunternehmen. Die Ökonutzfläche im Freistaat beläuft sich auf 345 000 ha. Der LEH weitet seine Bioproduktpalette stetig aus. Obwohl auch immer mehr Ackerbauern umstellen, werden immer noch viele Bioprodukte importiert, um die Nachfrage zu decken.
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Bei Ökogetreide bewegt sich der deutsche Jahresverbrauch bei 283 000 t im Speise- und 630 000 t im Futterbereich. Seit 2017 liegen die Preise für Biobrotgetreide je nach Getreideart stabil zwischen 28 und 39 €/dt. Enzler beurteilt den Ökogetreidemarkt als knapp – besonders Roggen und Hafer. Außerdem werde der Markt zunehmend unübersichtlich, da hier immer mehr Player agieren. Zugleich findet sich in allen Handelsstrukturen immer mehr Verbandsware.

Nach Einschätzung des LfL-Experten wird die deutsche Biomilchproduktion heuer die Marke von 1,1 Mrd. kg knacken. Damit hätte sich die Menge in zehn Jahren mehr als verdoppelt und deckt jetzt 66 % des Marktes ab. Und trotzdem hielten sich die Biomilchpreise nahe an der 50-ctMarke. In Bayern wurden 2018 rund 238 Mio. kg Biomilch erzeugt (5,6 % der Milchmenge). Auf die Bremse treten in Deutschland dagegen die Molkereien. Viele nehmen keine Umsteller mehr auf. Ausnahmen: Heu- und Weidemilch.
Inzwischen genügt es manchen Handelspartnern nicht mehr, die Milch nach Bio und konventionell zu differenzieren. Auf der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen haben sie auch begonnen, zwischen Ökostandards zu unterscheiden: regionale Biomilch, Verbandsware, besonders nachhaltig erzeugte Biomilch, laktosefreie, fettreduzierte und fair gehandelte Milch, Heu- und Weidemilch, koschere und handwerklich verarbeitete Biomilch, Ware aus sozialer Milchwirtschaft und Milch von horntragenden Kühen. „Die Molkereien und der Handel dringen immer mehr auf Weidegang“, so Enzler.
Am Öko-Aufwärtstrend nehmen auch die Fleischprodukte teil. Während Rind beim Verbraucher immer begehrter wird, dümpelt der Markt für Schweinefleisch vor sich hin (2017 wurden in der BRD nur 135 000 Ökomastschweine gehalten). Die Preise für Biofleisch sind deutlich weniger volatil als für konventionelles. Überhaupt gibt es im Biobereich geringere Schwankungen, da häufiger langfristige Kontrakte abgeschlossen werden. „Der Einzelhandel ist an Bioprodukten interessiert“, so Enzler. Aber „100 % Bio“ reiche als Verkaufsargument nicht mehr aus.
Die Seite des Praktikers beleuchtete der Naturland-Bauer Michael Wiedemann aus Krumbach. Von 2012 bis 2017 war er Kreisobmann, 2015 hat er seinen Saatgutvermehrungsbetrieb mit 50 ha umgestellt. Einen zweiten Betrieb mit 150 ha betrieb er gemeinsam mit seinem Sohn Michael in einer GbR konventionell. Im Juli wurde auch dieser Betrieb umgestellt.
Wiedemann ist ehrlich: „Mein Hauptmotiv für die Umstellung waren die deutlich besseren Absatzchancen von Bioware im Saatgutbereich.“ Zum Umstellen gereizt haben Wiedemann aber auch die neue Herausforderung, ein Ökobewusstsein und der Wille, das Image der Landwirtschaft mit zu verbessern. Außerdem hat er einen von zwei Demonstrationsbetrieben im Kreis Günzburg, die sich dem Gewässerschutz besonders verpflichtet haben.
Auch der Biolandbau ist kein Himmel voller Geigen. Das bemerkte Wiedemann spätestens, als sich auf den Feldern seines viehlosen Betriebs eine Nährstoffknappheit bemerkbar machte. Deshalb ging er mit einem Berufskollegen eine Mistkooperation ein. Ein Problem, das auf umstellungswillige Landwirte zukommen kann, sieht der Krumbacher in fehlenden Lagerkapazitäten der Abnehmer. Deshalb müssten die Ökobauern ihr Getreide häufig lange auf dem Hof lagern können.
Mit „Naturland“ fahre er gut, versichert Wiedemann. „Die Verbandsware wird immer mehr nachgefragt und die Beratung ist hervorragend.“ Zudem gefallen ihm die Stammtische mit Berufskollegen. MA
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