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Fachtagung

Bleiben Sie hungrig und kühn

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Michael Ammich
am
04.06.2018

Fachtagung der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwicklung in Günzburg zeigt Perspektiven.

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Durch Zuschauen hat sich noch nie etwas verändert. Der ländliche Raum braucht Menschen mit Ideen, die anpacken, Begeisterung wecken und Mitstreiter finden. Dann kann er zeigen, welche Potenziale in ihm stecken, und in seiner Attraktivität mit den Ballungsräumen gleichziehen. Davon zeigten sich die Referenten auf der Fachtagung der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwicklung in Günzburg überzeugt. „Bleiben Sie hungrig, bleiben Sie kühn“, rief deren Chef, Ministerialdirigent Maximilian Geierhos, seinen Amtskollegen und Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber zu.
Geierhos sah in der Fachtagung nicht nur für die Mitarbeiter der Verwaltung für Ländliche Entwicklung, sondern auch für die zahlreichen anwesenden Bürgermeister eine gute Gelegenheit, wertvolle Anregungen in ihre Wirkungsbereiche mitzunehmen.
Der Landtagsabgeordnete und ehemalige bayerische Justizminister Alfred Sauter mochte sich den Hinweis nicht verkneifen, dass die bayerische Staatsregierung in der Vergangenheit die Bedeutung der ländlichen Entwicklung nicht immer richtig eingeschätzt habe. „Aber jetzt tut sich etwas“, bekundete Sauter. Die Soziokultur eines Staates könne eine dauerhafte Landflucht nicht aushalten, was man auch in Bayern eingesehen habe. So setzte sich die Erkenntnis durch, dass der ländliche Raum eine Alternative zum überteuerten Wohnraum in den größeren Städten sei. Allerdings brauche der ländliche Raum eine geordnete Entwicklung, sagte Sauter. Ansonsten gehe der ursprüngliche Charakter der Dörfer verloren. Um die ländlichen Räume voranzubringen, bedürfe es der Erfahrung und Kompetenz der Ämter für Ländliche Entwicklung. „Unsere Dörfer brauchen nicht nur den Erhalt des Bestehenden, sondern auch eine Perspektive.“
Das sah Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber nicht anders. „In mir finden Sie eine überzeugte Kämpferin für den ländlichen Raum“, versicherte sie den Tagungsteilnehmern und erinnerte an die Anstrengungen ihres Ressorts, die Attraktivität auf dem Land zu erhöhen. Ein gutes Drittel der bayerischen Gemeinden profitiere von der Dorferneuerung, die integrierte ländliche Entwicklung sei auf mehr als 100 Kooperationen mit 840 Kommunen angewachsen und das Leader-Programm decke die ländliche Räume nahezu komplett ab. Als zentrales Ziel der ländlichen Entwicklung gab Kaniber die Steigerung der regionalen Wertschöpfung aus. Dabei gehe es nicht nur um die monetär messbare Wertschöpfung, sondern um den Erhalt der Heimat durch aktive Dorfgemeinschaften und motivierte Menschen.

Ministerin Kaniber will Förderung erhöhen

Die Ministerin will die Dorferneuerung nach dem Motto „Innen statt Außen“ erweitern, um damit auch dem Flächenfraß wirksam zu begegnen. Im Rahmen der Revitalisierung von Ortskernen seien bereits in Hunderten Dörfern Leerstände beseitigt, ortsbildprägende Gebäude saniert und innerörtliche Brachflächen genutzt worden. Für solche Maßnahmen sagte Kaniber die Erhöhung des bisherigen Fördersatzes um 20 auf bis zu 80 % zu. Finanzschwache und vom Bevölkerungsrückgang besonders stark getroffene Gemeinden könnten sogar mit einem Zuschuss von bis zu 90 % rechnen. So sollen bis zum Jahr 2030 mindestens 5000 Gebäude dorfgerecht saniert oder umgenutzt werden. Der Freistaat werde dafür voraussichtlich noch heuer 25 Mio. € in den Nachtragshaushalt einstellen und fünf zusätzliche Stellen schaffen.
Weiter setzt die Agrarministerin auf die neue „Initiative HeimatUnternehmen“. Mit ihr will sie die Nahversorgung in den ländlichen Räumen stärken und unternehmerische Menschen auf dem Land gezielt unterstützen. Damit dies gelingt, sei aber auch jeder einzelne Bürger in der Pflicht, bevorzugt bei den örtlichen Betrieben einzukaufen. „Ich möchte, dass wir eine kreative Atmosphäre schaffen, die immer mehr Menschen in der Region anregt, ihre Ideen einzubringen und gemeinsam mit anderen zu verwirklichen.“

Lebensqualität am Land verbessert

Biolandwirt Xaver Diermayr, Marketingexpertin Petra Wähning und Agraringenieur Stephan Illi von der Genussinvest GmbH in Prien stellten Konzepte vor, mit denen Bürger in verschiedenen Gemeinden Projekte zum Erhalt und zur Verbesserung ihrer Lebensqualität im ländlichen Raum umgesetzt haben. Da ist beispielsweise die Naturkäserei Tegernseer Land eG. 1560 Genossen legten insgesamt 5 Mio. € ein. Nach dem Milchpreisverfall 2007 hatten die Bürger am Tegernsee das Potenzial von Heumilchkäse aus der Region erkannt. Durch die Einbindung der Bevölkerung kam es zur Gründung einer Genossenschaft von Bürgern und Landwirten. Durch die genossenschaftliche Finanzierung der Käserei verteilte sich das Risiko auf viele Schultern, die Kapitalbeschaffung hatte sich stark vereinfacht. „Solche Gemeinschaftsprojekte sichern die Wertschöpfungskette von den Landwirten bis zu den Verbrauchern“, betonte Illi.

Damit solche Initiativen gelingen, brauche es Bürger, „die selbst Ideen haben und ihr Umfeld von diesen überzeugen können“, erklärte Wähning. Freilich müsse dann auch das erforderliche Geld da sein und die Geldgeber wollten am Ende ihr eingezahltes Kapital wiedersehen. Das kann durchaus funktionieren, wie Diermayr am Beispiel von erfolgreichen Crowdfunding-Modellen zeigte. Hier werden die von Investoren überwiesenen Gelder mit ideellen, materiellen oder finanziellen Gegenleistungen abgegolten. So sammelte ein Biobetrieb in Oberbayern 100 000 € für den Bau eines Stalls für eine Mutterkuhherde ein. Die 70 Anleger, darunter viele Bürger aus der Nachbarschaft, erhalten Genuss- und Warengutscheine, die jährlich mit 4 % verzinst sind. Bis zu einer Investitionshöhe von 100 000 € lassen sich die Rahmenbedingungen frei gestalten, erklärte Diermayr. „Die finanzielle Beteiligung von Bügern an solchen Projekten gibt außerdem der öffentlichen Hand die Sicherheit, dass ihre Förderung für ein Vorhaben erfolgt, für das einerseits ein Bedarf und andererseits der Rückhalt der Bevölkerung vorhanden sind.“

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