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Grünland

Bunte Vielfalt ins Einheitsgrün

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Brigitte Früh, Wochenblatt
am
28.06.2018

Wiesentag: Zustand und Aufwertung von Grünland aus ökologischer Sicht

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Wie man wieder mehr Artenvielfalt ins Grünland bringen kann und welchen Wert Schutzgebiete für Mensch und Natur haben, stand im Mittelpunkt des Schwäbischen Wiesentages in Ottobeuren. Veranstaltet wurde er von der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL), eine Bildungs- und Forschungseinrichtung des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz (StMUV), in Kooperation mit der Regierung von Schwaben, der Stiftung KulturLandschaft Günztal und dem Landschaftspflegeverband (LPV) Unterallgäu. Am Vormittag gab es im Tagungsraum des Hotels Hirsch Vorträge zu verschiedenen Aspekten des artenreichen Grünlandes. Nachmittags wurden bei einem „Wiesenspaziergang“ durch das FFH-Gebiet „Westliche Günz/Hundsmoor“ nahe Westerheim blütenreiche Wiesen, neue Techniken zur Samengewinnung und Samenübertragung, schonende Mähtechnik und Umweltbildungsarbeit vorgestellt.

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Die ANL führt derzeit das EU-geförderte Projekt „LIFE living Natura 2000“ durch, eine über vier Jahre laufende Kommunikations- und Öffentlichkeitskampagne mit dem Ziel, die Akzeptanz und das Verständnis für Natura 2000-Gebiete zu verbessern, die Kooperations- und Umsetzungsbereitschaft insbesondere bei Grundstückseigentümern und Bewirtschaftern zu steigern und die im Naturschutz Aktiven besser zu vernetzen. Der Schwäbische Wiesentag war eine und gleichzeitig die erste der regionalen Auftaktveranstaltungen, die heuer in jedem der sieben bayerischen Regierungsbezirke stattfinden sollen.

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In Ottobeuren begrüßte Evelin Köstler, Leiterin des Fachbereichs Landschaftsentwicklung und Umweltplanung an der ANL, die Tagungsteilnehmer, darunter auch Landwirte, sowie zahlreiche Ehrengäste und moderierte durch den Tag.

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Schwabens Regierungspräsident Dr. Erwin Lohner leitete sein Grußwort mit dem Gedicht „Butterblumengelbe Wiesen“ von Christian Morgenstern ein und verdeutlichte den Artenschwund im Grünland mit dem Hinweis, dass es heutzutage kaum mehr möglich sei, einen bunten Muttertagsblumenstrauß auf der Wiese zu pflücken. Natura 2000 sei ein europaweites Netz an schutzwürdigen Natur- und Kulturlandschaften. Es umfasse mehr als 27 000 Gebiete in allen EU-Mitgliedsstaaten – zusammen fast ein Fünftel der Landfläche Europas. 132 FFH- und Vogelschutzgebiete in Schwaben seien Teil dieses Netzwerks – insgesamt 11,2 % der Fläche Schwabens. Umwelt- und Naturschutz verlange einen sehr langen Atem, ist sich Lohner bewusst. Aber: Die Umsetzung von Natura 2000 müsse mit Augenmaß erfolgen, es brauche kooperative Ansätze und Anreize zur Umsetzung.

Randstreifen verbindlich festlegen

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Die Maisanbaufläche im Landkreis Unterallgäu hat sich innerhalb von 15 Jahren etwa verdreifacht, Wiesen werden doppelt so oft gemäht wie früher, Blühpflanzen kommen dadurch kaum noch zum Blühen bzw. verschwinden durch ein Überangebot an Nahrung auf intensiven Wiesen. So skizzierte Unterallgäus Landrat Hans-Joachim Weirather die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten. Er ist sich aber auch dessen bewusst, dass die Landwirtschaft betriebswirtschaftlich denken müsse und sieht auch eine öffentliche und kommunalpolitische Verantwortung, etwa bei der Pflege von Flächen entlang von Straßen, die billig und effizient oder aber extensiv und insektenfreundlich gestaltet werden können. Man bewege sich in einem Spannungsfeld: So werden im Landkreis 60 % des Energiebedarfs aus regenerativer Energie erzeugt, ein großer Teil davon aus Biogasanlagen – die aber wiederum schwerpunktmäßig mit Silomais gefüttert werden.

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Zur Förderung der Biodiversität habe man den Landschaftspflegeverband Unterallgäu gegründet. 150 ha Flächen seien inzwischen im Eigentum des Landkreises, 2018 kämen noch 20 ha bei der Senderanlage in Amberg dazu. Diese Fläche weise bereits einen hohen Artenreichtum auf und soll dauerhaft unter Schutz gestellt werden. Man hoffe, daraus Saatgut gewinnen zu können, um damit artenarme Flächen zu „impfen“.

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Als „inakzeptabel“ bezeichnete der Landrat den Umbruch von Grünland bis an den Gewässerrand und in Hanglagen und forderte ganz klar, auch in Bayern nicht nur auf der Basis von Freiwilligkeit zu agieren, sondern etwa Gewässerrandstreifen verbindlich festzulegen.

Ottobeurens Bürgermeister German Fries stellte die Marktgemeinde vor, die seit Jahrhunderten von einer klösterlichen Tradition geprägt sei. Er sieht eine wichtige Aufgabe der lokalen politischen Akteure darin, Landwirtschaft, Gewerbe, Tourismus und den Wohnbedarf unter einen Hut zu bringen, alle Akteure ins Boot zu holen und Lösungen zu erarbeiten. Mit „angepasstem Naturschutz“ sei vieles leistbar.

Werbung für Natura 2000

Natura 2000 als weltweit größtes Naturschutzprojekt zur Bewahrung des europäischen Naturerbes und das Projekt LIFE Living Natura 2000 stellte der leitende Projektmanager der ANL, Dr. Florian Wetzel, vor. Eine intakte Natur und artenreiche Landschaften seien „(un)schätzbare“ Werte für die Gesellschaft und die „wichtigsten Dienstleiter“ für den Erhalt der Lebensgrundlagen. 5,8 Mrd. € jährlich gebe die EU für Ausweisung, Schutz und Management von Natura 2000-Gebieten aus. Den Nutzen daraus durch regionale Wertschöpfung (Arbeitsplätze, Tourismus) bezifferte Wetzel auf bis zu 300 Mrd. € pro Jahr. In Bayern nehmen 18 000 Landwirte mit 84 000 ha Flächen am Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) teil, 50 % der VNP-Flächen liegen in Natura 2000-Gebieten. Zur Umsetzung von Natura 2000 gab der Freistaat 2017 31 Mio. € aus.

Das LIFE Living Natura 2000-Projekt ist eine Kommunikations- und Imagekampagne für das europäische Naturerbe in Bayern unter der Federführung der ANL. Es läuft von Juli 2017 bis April 2022 und ist mit einem Gesamtbudget von ca. 3 Mio. € ausgestattet (60 % EU-Anteil, 40 % Eigenanteil durch ANL, StMUV und Bayerischer Naturschutzfonds).

Vorbehalte in der Praxis

Über Grünland im Netz Natura 2000 und schwäbische Pläne, Projekte und Perspektiven zum Schutz von Wiesen und Weiden sprach Günter Riegel, Ansprechpartner für Natura 2000 bei der Regierung von Schwaben. „Es gibt viel zu tun, die Aufgabe ist mächtig“, meinte Riegel. Oft sei der Erhaltungszustand der Grünland-Lebensräume schlecht und die Flächen, die noch in einem guten Zustand seien, meist sehr klein. „Man müsste eigentlich großflächig agieren“, so Riegel. Doch in der Praxis stoße man auf große Vorbehalte gegenüber Natura 2000, es würden Auswirkungen auf das Privateigentum und das Entstehen von Verbindlichkeiten befürchtet.

Grünland FFH-Lebensraumtypen (LRT) sind mit einem EU-Code gemäß FFH-Richtlinie gekennzeichnet. Es gibt Kalkmagerrasen (6210), Pfeifengraswiesen (6410), Flachland-Mähwiesen (6510) und Berg-Mähwiesen (6520). Der LRT 6510 Flachland-Mähwiesen sei sehr eng gefasst, monierte Riegel, denn eigentlich habe das gesamte artenreiche Grünland Naturschutzrelevanz. Für die Düngung von FFH-Wiesen gibt es genaue Vorschriften: entweder mit Festmist (bis zu 100 dt/ha im Herbst) oder mit Gülle (bis zu 20 m³/ha verdünnte Gülle, nicht zum ersten Aufwuchs) oder mit Mineraldünger (bis zu 35 kg P2O5/ha und 120 kg K2O/ha, kein mineralischer Stickstoff).
Mit dem Grünland in Schwaben ging der Referent im Hinblick auf Biodiversität hart ins Gericht: „Artenreiche Wiesen sind aus der ,Normallandschaft‘ weitgehend verschwunden.“ Der Grünlandverlust in Schwaben sei zwar weitgehend gestoppt, weiterhin werde jedoch das Grünland durch intensive Nutzung aus Naturschutzsicht qualitativ entwertet.

Kaum nochartenreiche Wiesen

Die Wiederherstellung artenreicher Grünlandflächen sei ein langwieriger Prozess, betonte Riegel. Nach Möglichkeit wird dabei autochthones, also gebietsheimisches Saatgut eingesetzt, das ortsfremden Sämlingen überlegen ist und vor Ort als Mähgut oder Druschgut gewonnen wird. Weil es Handelssaatgut jedoch nicht wirklich gebietsheimisch gibt – das Produktionsgebiet umfasst ganz Süddeutschland – wurde eine Kompromisslösung entwickelt, bei der eine Basismischung Wiesen-Ansaaten sukzessive durch regionales Saatgut ergänzt wird. Für die Gewinnung von autochthonem Saatgut müssen zuerst geeignete hochwertige „Spenderflächen“ gefunden werden.

Die hohe Dichte an Biogasanlagen in Schwaben erschwere den Erhalt von Grünland, konstatierte Riegel, und wirke sich gravierend auf die Biodiversität aus. Das Rückgrat eines Biotopverbundes müsse jedoch aus dauerhaft verfügbaren Flächen mit gebietsheimischer Artenzusammensetzung und ausreichender Mindestgröße bestehen. 3 ha wurden dafür genannt. Noch vorhandene „alte“ Wiesen sollten als Spenderflächen gesichert und verfügbare Flächen im öffentlichen Eigentum optimiert werden. Dieses Rückgrat sei jedoch in vielen Fällen verloren gegangen, und mit Blühflächenaktionen und Straßenbegleitgrün – so lobenswert derlei Bemühungen auch seien – nicht zu kompensieren.

In Gunstregionen sind Kulap/VNP gescheitert

Eine Chance sieht der Referent in „Landschaftshöfen“, darunter versteht er landwirtschaftliche Betriebe, die sich durch extensive Grünland-Nutzung ein Einkommensstandbein schaffen. Dazu gehöre freilich eine ausreichende Honorierung und die Bereitstellung öffentlicher Flächen, wie Riegel in der Diskussionsrunde unterstrich. Dabei kam auch die Frage nach der Bedeutung des Kulap für die Förderung von artenreichem Grünland auf. Programme wie das Kulap und auch der Vertragsnaturschutz seien in Biogasregionen nicht konkurrenzfähig und eigentlich gescheitert, antwortete Riegel. Sie hätten in Wirtschaftsflächen an Bedeutung verloren, weil die Förderung zu niedrig sei angesichts der hohen Pachtpreise und der höheren Erlöse bei intensiverer Nutzung der Flächen.

Artenreiches Saatgut übertragen

„Neue Chancen für alte Wiesen“ war das Thema von Jens Franke, Geschäftsführer des LPV Unterallgäu. Er schilderte zunächst, wie sich der LPV in akribischer Arbeit eine Datenbank mit allen in Deutschland wild wachsenden Pflanzen und ökologischen Kennwerten dafür wie zum Beispiel den Wert für Insekten zusammengestellt hat. 4656 Datensätze seien darin enthalten, „das ist unsere Werkzeugkiste“, so Franke. Auf dieser Basis wurden Flächen im Landkreis erfasst. Ziel war es, artenreiches Grünland als Biotopverbund-Elemente entlang kleiner Fließgewässer durch Übertragung von regionalem Saat- und Mahdgut zu mehren bzw. vorhandene Flächen aus eigenem Bestand qualitativ aufzuwerten. Als „gut“ bewertet wurden Flächen mit mindestens 25 Arten und Pflanzengesellschaften mit der Qualität von FFH-Lebensraumtypen. Referenz-Pflanzenbestände waren Standard-Güllewiesen (nur 18 Pflanzenarten sind hier im Schnitt zu finden), Magere Flachlandwiesen (94 Arten), Pfeifengras-Streuwiesen (113 Arten), Kalkhalbtrockenrasen (96 Arten) und Jungviehweide (88 Arten). Die Bilanz: „Die Standard-Wiese nimmt viel Fläche ein und schneidet schlecht ab“, so Franke.
Derzeit baut der LPV ein Spenderflächenkataster auf – man fand im Unterallgäu bereits 114 Wiesen mit insgesamt ca. 160 ha, die sich als Spenderflächen eignen. Oberste Maxime bei der Samenentnahme sei es, gute Spenderflächen nicht zu erschöpfen. Die Empfängerfläche sollte möglichst nah liegen und eine gute Erfolgsaussicht haben. Die Einbringung des Saatgutes kann mittels Grünmulchübertragung erfolgen. Dabei wird die Spenderfläche am Morgen gemäht, das Mähgut sofort zur Empfängerfläche transportiert und dort auf dem zuvor geschaffenen offenen Boden verteilt, anschließend mehrfach gekreiselt und dann wieder abgefahren. Samenernte und Ausbringung kann auch zeitversetzt erfolgen, setzt aber eine Trocknung und Lagerung des Saatguts voraus, um es dann später zum optimalen Zeitpunkt ausbringen zu können. Die Ernte erfolgt zum Beispiel mit dem Mähdrescher oder einem Samensammelgerät. Die Ausbringung erfolgt händisch nach Gefühl oder auch mit der Sämaschine, wenn der Samengehalt ausreichend genau bekannt ist.
Als Zusatzziel formulierte Franke, mehr gute Insektennahrungspflanzen ins Wirtschaftsgrünland zurückzuholen. Fast alle dieser Arten seien nicht hoch-anspruchsvoll und würden bei geeigneter Pflege wieder wachsen. Zuletzt gab der LPV-Geschäftsführer zu bedenken, dass Mulchen entlang von Gewässern und Wegen mehrmals im Jahr jegliches Leben zertrümmere und Mulchmatten keine Rosettenpflanzen mit nektarspendenden Blüten mehr aufkommen ließen. Er präsentierte dazu eine „Hochrechnung“: „Beim beidseitigen Mulchen auf einen Meter Arbeitsbreite gehen je 1000 Kilometer Wege oder Gewässerstrecke 200 Hektar Lebensraum für Blütenpflanzen und Insekten verloren.“
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