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Bayerischer Bauernverband

Ehrenamt - das Pfund, mit dem wir wuchern

Bayerischer Bauernverband Schwaben
Michael Ammich
am
18.12.2017

Ehrenamtsträger sind für den BBV sehr wichtig, das war der Tenor auf der Versammlung in Wörleschwang.

Zu einer großen Dankesfeier mit agrarpolitischem Hintergrund entwickelte sich die Jahresversammlung des schwäbischen Bauernverbands. Die ehemalige Landesbäuerin Annemarie Bichl und der ehemalige deutsche und bayerische Bauernpräsident Gerd Sonnleitner ließen es sich nicht nehmen, den weiten Weg nach Wörleschwang im Lks. Augsburg anzutreten, um zahlreiche auf Bezirks- und Kreisebene ausgeschiedene ehrenamtliche Führungspersonen für ihren nimmermüden Einsatz auszuzeichnen. Diese Aufgabe übernahmen sie umso lieber, als die Gesellschaft die Leistungen des bäuerlichen Berufsstands und seiner Ehrenamtsträger nicht immer zu schätzen weiß.

Die Versammlung begann mit einem geistlichen Impuls durch den Augsburger Diözesanreferenten Anton Stegmair. Er erinnerte die Bäuerinnen und Bauern daran, dass ihr Wirtschaften immer auch ein Eingriff in die Schöpfung sei. Dieser sollte in großem Verantwortungsbewusstein geschehen, zumal mit der Schöpfung auch die Soziale Frage verknüpft sei.

Anschließend gedachten der ehemalige BBV-Bezirkspräsident Leonhard Keller und Bezirksbäuerin Christiane Ade der im vergangenen Jahr verstorbenen Ehrenlandesbäuerin Hannelore Siegel. Keller blieb von der Oberallgäuerin vor allem die positive Lebenseinstellung, die auch auf ihre Mitmenschen abstrahlte, in Erinnerung. Siegel habe sich hartnäckig für eine angemessene Stellung der Frauen nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Bauernverband eingesetzt. Ihr starkes Mitempfinden mit allen leidenden Menschen, insbesondere den in Not geratenen bäuerlichen Familien, kam Siegel als Vorsitzende des Bäuerlichen Hilfswerks zugute. Mit wachsamem Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen hat sie die Projekte „Kindertage auf Bauernhöfen“ und „Landfrauen machen Schule“ angestoßen. Ade verband die Herzensanliegen der verstorbenen Landesbäuerin mit einem gemeinsamen Fürbittgebet.

In einer Dialogrunde forderte der Leiter der schwäbischen BBV-Hauptgeschäftsstelle, Markus Müller, Vertreter der Politik und des Berufsverbands zu kurzen Stellungnahmen auf. Dabei würdigte der bayerische Sozialstaatssekretär Johannes Hintersberger die Arbeit der Ehrenamtsträger im BBV: „Ich möchte Ihnen einfach nur Danke sagen.“ Dem schloss sich Ulrike Müller gerne an. Die Landwirtschaft müsse immer wieder schlimme Zeiten überstehen, was ohne den Zusammenhalt des gesamten Berufsstands unmöglich wäre, sagte die Europa-Abgeordnete.
 

Alle Betriebszweige sind uns wichtig

Bezirkspräsident Alfred Enderle verwahrte sich gegen das landläufige Vorurteil, dass der Bauernverband die Devise „Wachsen oder Weichen“ predige. Ganz im Gegenteil, der BBV setze auf Einheit in der Vielfalt. Alle Betriebe und Produktionszweige seien ihm wichtig, gleich ob im Neben- oder Haupterwerb, in der konventionellen oder ökologischen Landwirtschaft. Weiter bedauerte Enderle, dass sich die Verbraucher bei ihrer Kritik an der Landwirtschaft lieber mit wenig fundierten Medienberichten auseinandersetzten als mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Auch den Vorwurf, die Landwirtschaft profitiere übermäßig von Subventionen, wies er zurück. „Der Bauernverband will die freie Marktwirtschaft, aber die Landwirte brauchen Unterstützung, damit sie im freien Markt bestehen können.“

Ade gewährte der Versammlung einen Einblick in ihr Seelenleben als Bezirksbäuerin. Diese Aufgabe sei eine spannende Herausforderung mit vielen menschlichen Begegnungen. „Frauen haben manchmal eine andere Sichtweise auf Probleme als die Männer, die vor allem fachlich interessiert sind“, glaubt Ade. Als Bezirksbäuerin wolle sie die weibliche Sicht in die Verbandsarbeit einbringen. Ade ärgerte sich über die einseitigen Schuldzuweisungen in Sachen Umwelt und Tierschutz. Auch der Verbraucher müsse in diesen Bereichen seiner Verantwortung gerecht werden.

Das Gesicht des Bauernverbands

BBV-Direktor Walther Pittroff bezeichnete die Kreisbäuerinnen und Kreisobmänner als „Gesicht des Bauernverbands“. Dieser umfasst in Schwaben zehn Kreisverbände mit rund 700 Ortsverbänden und insgesamt 19 500 Mitgliedern. In den sieben schwäbischen BBV-Geschäftsstellen werde von 60 angestellten Mitarbeitern eine hervorragende Beratungs- und Betreuungsarbeit geleistet, betonte Pittroff. Die 2800 schwäbischen Ehrenamtsträger auf Ortsebene seien „das Pfund, mit dem wir wuchern“. Das wissen auch die bäuerlichen Betriebe Schwabens zu schätzen. 90 % von ihnen sind im Berufsverband organisiert und können von den Dienstleistungen des BBV profitieren. Dazu gehören beispielsweise die Rahmenvereinbarungen, die der Verband mit Energieversorgern und Automobilherstellern abgeschlossen hat.

In seiner Festansprache zur Ehrung der ausgeschiedenen Führungspersonen warf Gerd Sonnleitner einen Blick zurück in die Geschichte der Landwirtschaft. Sie hatte von jeher die Aufgabe, die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Im Jahr 1848 kam es in Deutschland zur Befreiung der Bauern aus der Leibeigenschaft. Allerdings, so Sonnleitner, scheint sich dieser Prozess heute wieder umzukehren. Unter dem Druck der Anforderungen aus der deutschen Wohlstandsgesellschaft entwickle sich eine neue Art der Sklaverei. Wie die ehemaligen Leibeigenen sollten die Bauern jetzt wieder ihre Produkte zu Spottpreisen abliefern. Seltsam nur, beim Konsum von billigen Importwaren spielten Tierschutz-, Umwelt- und Sozialstandards für viele plötzlich keine Rolle mehr.

Dass die Bevölkerung heute nahezu beliebig auf preisgünstige Lebensmittel zurückgreifen kann, sei den Landwirten als „Leistungsträger der Gesellschaft schlechthin“ zu verdanken, betonte Sonnleitner. Der ehemalige Bauernpräsident räumte allerdings ein, dass die früheren Exportsubventionen der EU den Landwirten in ärmeren Weltregionen extrem geschadet hätten. Doch aus diesen Fehlern habe man gelernt.

Wir müssen an uns glauben und zupacken

Zum „Wachsen oder Weichen“ gebe es gute Alternativen, beispielsweise das kostengünstige Produzieren und die Diversifizierung. Nicht nur über die Aufstockung der Tierbestände oder der Nutzflächen, sondern auch über diese Wege lasse sich einzelbetriebliches Wachstum generieren. „Wir Bauern müssen die Chancen erkennen, die uns der Standort Bauernhof eröffnet.“ Sonnleitner forderte den Erhalt der breit gestreuten landwirtschaftlichen Produktionszweige. Möglich werde dies durch Einkommenskombinationen. „Wir müssen nur an uns glauben und fest zupacken.“

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