Login
Ackerbau

Eierlegende Wollmilchsau?

MN-AbL Pflanzenkohle-MA-10.3.-2
Michael Ammich
am
08.04.2019

Informationsveranstaltung der AbL über die Wirkung von Pflanzenkohle

Zählen der gesunde Menschenverstand und die praktischen Erfahrungen der Bauern oder nur der politische Wille, das Paket „neue Düngeverordnung“ nicht noch einmal aufzuschnüren? Die Rede ist von der Pflanzenkohle als Mittel zur Reduzierung von Ammoniakemissionen auch ohne bodennahe Ausbringtechnik. Zahllose Untersuchungen belegen hier die Wirksamkeit von Pflanzenkohle, betont Dr. Stefan Thiemann vom Biomassehof Allgäu in Kempten. Die Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) stelle sich jedoch bislang auf diesem Ohr taub, was die Anerkennung des Verfahrens als Alternative zur bodennahen Gülleausbringung nicht gerade einfacher macht.

Auf einer Infoveranstaltung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in Fischach versprach Landesgeschäftsführerin Andrea Eiter, dass die AbL die Sache nun selbst in die Hand nehmen und ein Ammoniakmessgerät kaufen werde. Damit lasse sich dann hoffentlich beweisen, dass das Beimischen von Pflanzenkohle in die Gülle mit Blick auf die Reduzierung der Ammoniakemissionen mindestens ebenso wirksam ist wie die bodennahe Ausbringtechnik mittels Schleppschlauch, Schleppschuh oder Schlitzgerät. Auch vonseiten der zahlreich zu der Veranstaltung erschienenen Bäuerinnen und Bauern kamen Klagen über die „reservierte“ Haltung der LfL zur Pflanzenkohle. Deshalb gelte es jetzt Druck auf die Behörde aufzubauen, damit diese endlich wissenschaftlich belastbare Untersuchungen anstellt.

Dr. Stefan Thiemann glaubt zu wissen, woher die Skepsis der Behörde gegenüber der Pflanzenkohle kommt. Sie erscheine vielen wohl als „eierlegende Wollmilchsau“, was sie allein schon verdächtig mache. Außerdem gebe es etliche Unternehmen, die in der Pflanzenkohle eine Bedrohung für ihr Geschäftsmodell sehen. Für Thiemann ist der Einsatz von Pflanzenkohle in der Fütterung, Stallhygiene, Düngung und im Biogasbereich ein wichtiger Beitrag zur bäuerlichen Kreislaufwirtschaft und zum Klimaschutz. „Die AbL sieht die Verpflichtung zur bodennahen Gülleausbringung äußerst kritisch und sucht nach Alternativen“, springt ihm Andrea Eiter zur Seite.

MN-AbL Pflanzenkohle-MA-10.3.-1

Auf die ökologische Bedeutung der Pflanzenkohle stießen Wissenschaftler bei der Analyse der humus- und nährstoffreichen Böden im Amazonasgebiet. Diese weisen einen extrem hohen Gehalt an Pflanzenkohle auf, die entsprechende Schicht wird auch als „Terra Preta“ bezeichnet. Im Alpenraum galt Pflanzenkohle jahrhundertelang als wirksames Mittel gegen Tierkrankheiten wie Durchfall. „Pflanzenkohle ist nichts anderes als verkohlte Biomasse“, erklärt Thiemann. Industriell hergestellt wird sie in Reaktoren durch Verkohlen von Pflanzenresten unter Sauerstoffausschluss. Nur die so gewonnene Pflanzenkohle gewährt eine gleichbleibend hohe Qualität und ist frei von krebserregenden Stoffen, Dioxinen und Teeren, die ansonsten bei Verkohlungsprozessen entstehen können. „Pflanzenkohle ist also vollkommen unbedenklich“, bekräftigt Thiemann. Deshalb ist sie nicht nur als Baustoff, sondern auch als Lebensmittelzusatz oder Komponente von Medikamenten zuglassen.

Mehrere Einsatzgebiete - aber ein Ziel

Das Besondere an der Pflanzenkohle ist ihre extrem hohe Aufnahmefähigkeit. Wie ein Schwamm saugt sie Stoffe aus ihrer unmittelbaren Umgebung auf und lagert sie in ihren zahllosen Poren und feinen Strukturen ein. Gleich ob die Pflanzenkohle in der Landwirtschaft als Futterzusatz, als Einstreukomponente oder Zusatz zum Wirtschaftsdünger eingesetzt wird: Ziel ist immer, dass sie am Ende in den Böden landet.

  • Fütterung: Pflanzenkohle im Futter beugt Übersäuerungen und Klauenproblemen vor, ebenso Euterentzündungen und hohen Zellzahlen in der Milch, sie hilft bei Unruhe und Nervosität der Tiere und kann dazu beitragen, den Antibiotika- und Medikamenteneinsatz in den Ställen zu reduzieren. Pflanzenkohle wirkt entgiftend, da sie dem Organismus schädliche Stoffe entzieht. Für das Kalb empfiehlt sich eine Zugabe von 50 g und für die Kuh von 100 g Pflanzenkohle pro Tag, für das Schwein von 30 bis 60 g und für Geflügel von 1 g/kg, für das Pferd von 100 g pro 100 kg Futter. Wie Versuche zeigen, fressen die Tiere die Pflanzenkohle problemlos mit. Wird einem Kalb bei Durchfall ein bis zwei Tage lang Pflanzenkohle ohne weitere Medikamente verabreicht, ist der Durchfall meist verschwunden. Außerdem bewirkt die Zugabe von Pflanzenkohle eine Zunahme der Futteraufnahme, die Stärkung des Immunsystems und eine Verbesserung der Fleischqualität. Durch den festeren Kot werden die Tiere sauberer.
  • Einstreu: Die Hauptursache von Fäulnis und Gestank im Stall ist die Vermischung von Kot und Urin. Durch einen Anteil von 10 % Pflanzenkohle an der Einstreu fehlen den Bakterien im kohlenstoffreichen Kot essenzielle Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor, sodass sie sich weniger vemehren können. Als Einstreukomponente eignet sich besonders Pflanzenkohle aus Getreidespelzen.
  • Gülle: Die Zugabe von Pflanzenkohle verringert die Nährstoffverluste, bindet die pflanzenverfügbaren Nährstoffe, reduziert die Ammoniak- und Lachgasemissionen und vermindert damit deutlich die Geruchsbelastung. Als Zugabe zur Gülle empfiehlt sich ein Pflanzenkohleanteil von 1 bis 1,5 % oder 4 kg/m³ und zum Mist von 30 kg/m³. „Weniger hilft nicht“, betont Thiemann. Die Pflanzenkohle muss unbedingt vor ihrer Zugabe zur Gülle mit Nährstoffen „aufgeladen“ werden. Das bedeutet, dass sie nicht erst kurz vor dem Ausbringen in die Gülle gemischt, sondern mindestens zwei bis drei Wochen vorher in die Güllegrube gegeben werden muss, damit sie die in der Gälle enthaltenen Nährstoffe aufsaugen und nach dem Ausbringen wieder abgeben kann. Pflanzenkohle in der Gülle steigert das Aufnahme- und Wasserhaltevermögen der Böden, betont Thiemann. Außerdem reduziert sie die Grundwasserbelastung, unterstützt den natürlichen Humusaufbau, fördert die Pflanzengesundheit, erhöht die Filter- und Pufferwirkung des Bodens und bindet Kohlendioxid langfristig im Boden. „Eine Tonne Pflanzenkohle bindet langfristig 3,6 Tonnen Kohlendioxid“, bestätigt Thiemann. „Auf diese Weise werden bäuerliche Felder zu Kohlendioxidsenken. Jeder, der Pflanzenkohle einsetzt, wird zum aktiven Klimaschützer.“
Thiemann zufolge belegen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen den guten Einfluss von Pflanzenkohle auf die Bodenqualität und das Pflanzenwachstum. Allein, es fehlen bislang die notwendigen wissenschaftlichen Langzeituntersuchungen. Was es jedoch in ausreichendem Maße gibt, sind die guten Erfahrungen von zahlreichen Landwirten.
Ein weiteres Problem sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Pflanzenkohle. „Wir bewegen uns hier in einer Grauzone“, räumt Thiemann ein. Auf europäischer Ebene gebe es für Ökobetriebe anders als für konventionelle Betriebe keine Zulassung der Pflanzenkohle als Futtermittel. Auf Verbandsebene zeigt man sich jedoch laut Thiemann aufgeschlossen.
Anders die LfL: Laut Thiemann erlaubt die Behörde Pflanzenkohle nicht für die Dauerfütterung, jedoch als Zusatz zur Gülle und Einstreu. Gestattet sei die Beimengung jedoch in der Intervallfütterung und auf Anweisung eines Tierarztes. Die Düngeverordnung wiederum sieht durchaus eine Ausnahmeregelung bei der bodennahen Gülleausbringung vor, wenn die alternativen Verfahren zu vergleichbar geringen Ammoniakemissionen führen. Solche Verfahren kann jedes Bundesland genehmigen.

Am Ende des Vortrags stand die Kostenfrage. Der Biomassehof Allgäu bietet etwa feinkörnige, für den Ökolandbau zugelassene Pflanzenkohle aus getrockneten Hackschnitzeln im 1000-l-BigBag für rund 360 € an. Der Inhalt reicht zur Behandlung von 200 m³ Gülle. Spezielle Pflanzenkohle als Futtermittelzusatz ist nicht billig, zahle sich aber laut Thiemann aus, wenn es um die Vorbeugung und Behandlung gegen Mastitis oder Durchfälle geht.

Biokohle-Versuche der LfL: Keine Effekte auf Erträge

Seit Herbst 2013 führt die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft an drei Standorten im Rahmen eines Biokohle-Projekts Feldversuche durch. Sie wurden auf leichten bis mittelschweren Böden in praxisüblicher Fruchtfolge angelegt, um die Wirkung von verschiedenen Pflanzenkohlen mit und ohne Nährstoffaktivierung in sieben verschiedenen Applikationsmengen zu untersuchen. Darunter waren fünf Varianten mit pyrolytischer Pflanzenkohle. Damit sollte erstmals die Wirkung von Biokohlen auf die Bodenfruchtbarkeit unter Praxisbedingungen in Bayern aufgezeigt werden.

An den drei Standorten werden jährlich die organischen Bodenkohlenstoff- und Gesamtstickstoffgehalte ermittelt, außerdem der pH-Wert und der HI-Index, die mikrobielle Biomasse, die Aggregatstabilität, Porenverteilung, Textur und Lagerungsdichte. Darüber hinaus werden parzellengenau die Ernteerträge ermittelt und die Nährstoffgehalte im Boden und in den Pflanzen für eine Nährstoffbilanzierung festgehalten.

Die Ergebnisse sind bislang ernüchternd. So zeigten sich in den mit Pflanzenkohle behandelten Parzellen an allen drei Standorten eine relativ hohe räumliche Ertragsvariabilität, aber keinerlei Effekte mit Blick auf die Höhe und Qualität der Erträge, auf den Schädlingsbefall, die Verunkrautung oder Wasserverfügbarkeit der Böden, die systematisch dem Einsatz von Pflanzenkohle zugeordnet werden konnten. Trotz der Kohleapplikation gab es bei starkem Trocken- und Hitzestress im Jahr 2015 teils sehr niedrige Silomaiserträge. Eine ertragsrettende Erhöhung der Wasserspeicherung durch Biokohle konnte nicht nachgewiesen werden.

„Damit erfüllt die Biokohle weder die Hoffnungen im Hinblick auf eine bodenchemische noch eine bodenphysikalische Verbesserung in leichten bis mittelschweren Ackerböden in ertragsrelevantem Umfang“, lautet die Bilanz der Feldversuche. Die bisherigen humusanalytischen Ergebnisse weisen sogar auf eine relativ schnelle Zersetzung der Biokohle hin. Damit haben sich auch die Erwartungen bezüglich einer langfristigen Kohlendioxidspeicherung nicht erfüllt (Quelle: www.lfl.bayern.de/iab/boden/055677/index.php).

Auch interessant