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Ziegenhaltung

Einmal Bauer, immer Bauer

Bioziegen Summer
Patrizia Schallert
am
20.11.2017

Vom Allgäu ins Ries verlegte Herbert Summer seinen Betrieb: Ein Besuch beim Ziegenhof Monheim.

Ziegen sind nicht leicht zu halten, besonders wenn es um die Fütterung geht, sagt Herbert Summer. Wer also glaubt, mit der Ziegenhaltung eine Nische für seinen Betrieb gefunden zu haben, braucht schon etwas mehr als eine Wiese und einen Stall. Auf einem Betriebsbesuch mit Vertretern des AELF Nördlingen erklärt der Monheimer Landwirt, wie er zu seinen Ziegen kam, wie er sie möglichst artgerecht hält, seine Ziegenmilchprodukte erzeugt und die männlichen Kitze vermarktet.

„Einmal Bauer, immer Bauer“, sagt Herbert Summer, der es mit seinen 64 Jahren ja eigentlich langsamer angehen lassen könnte. Aber das Sofa ist für ihn keine Alternative und so hat er im vergangenen Jahr im Nordost­ries noch einmal einen Betrieb aufgebaut. Aufgewachsen ist Summer auf einem Milchviehbetrieb im Allgäu. Er studierte Betriebswirtschaft und schloss eine Ausbildung zum Landwirt sowie eine Molkereilehre in Frankreich ab. Sechs Jahre lang blieb er im Nachbarland jenseits des Rheins, um anschließend nach Deutschland zurückzukehren und in Wangen eine weitere Ausbildung zum Molkereimeister zu absolvieren.

So war Summer 25 Jahre lang in der Milchindustrie tätig, bevor er schließlich einen Neuanfang mit einem kleinen Bergbauernhof im Oberallgäu wagte, wo er sieben Jahre lang rund 30 Toggenburger-Ziegen hielt und Käse zur Direktvermarktung produzierte. An dieser robusten Rasse gefällt ihm die gute Eignung für die Weidehaltung, ihre Zutraulichkeit und Verträglichkeit untereinander.

Neuen Betrieb gegründet

Bioziegen Summer

Eine Ausdehnung des Ziegenbetriebs war aufgrund seiner Lage nicht möglich. „Außerdem ist es im Allgäu schier unmöglich, landwirtschaftliche Flächen zu bekommen“, sagt Summer. „Zu kaufen oder zu pachten gibt es nur solche Flächen, die sonst keiner haben will.“ Aufgrund der Steillagen und der rauen Witterung war es für den Landwirt immer schwieriger, von den eigenen Flächen genug trockenes Grundfutter für seinen Heumilchbetrieb einzufahren.

Weil in dem Bergbauernhof auch noch größere Investitionen anstanden, entschloss sich Summer zum Kauf eines Bauernhofs in der Monheimer Gemarkung Hagenbuch, den er komplett modernisierte. So entstanden eine kleine Käserei und neue Stallungen, in die im Oktober 2016 40 Toggenburger Milchziegen einzogen. Heute liegt die Herdengröße bei 60 Geißen samt Nachzucht. Derzeit gibt es auf dem Biobetrieb keinen Bock, aber es soll einer zugekauft werden.

Ein eigenes System für die Milchproduktion

Bioziegen Summer

Für die Milchproduktion hat Summer ein eigenes System entwickelt: Jährlich wird nur ein Drittel der Herde belegt, damit steht immer genug Milch zur Verarbeitung in der Hofkäserei zur Verfügung. Die nicht gedeckten Ziegen werden drei Jahre lang durchgemolken. Die Milchleistung sei wie bei den Kühen in den verschiedenen Jahreszeiten unterschiedlich.

Aber im Frühjahr und im Herbst steige sie wieder an, auch wenn die Tiere nicht abgekitzt haben. Die belegten Geißen sind im Januar/Februar zwei Monate lang trockengestellt. „Dieses System hat den Vorteil, dass nicht so viele männliche Kitze geschlachtet werden müssen“, erklärt Summer. „Niemand weiß warum, aber die neugeborenen Kitze setzen sich immer jeweils genau zur Hälfte aus Böcken und Geißen zusammen. Nachdem eine Geiß in der Regel zwei, oft drei und manchmal sogar vier Junge zur Welt bringt, ist der Anteil der männlichen Tiere dementsprechend hoch und „das möchte ich vermeiden“.

Die Milchleistung – nach der Geburt der Kitze liegt sie bei drei bis fünf Litern täglich – sinkt später auf durchschnittlich zwei Liter. Der Stalldurchschnitt bewegt sich bei 500 Litern. „Wirklich gemessen habe ich noch nie, weil ich ohnehin mehr Wert auf Qualität statt Quantität lege“, erklärt Summer. „Für das Verkäsen sind gute Milchinhaltsstoffe wichtig und weniger Milch ist nicht gleichbedeutend mit weniger Inhaltsstoffen.“ Der Fettgehalt der Ziegenmilch liegt bei 3,5 %, der Eiweißgehalt bei 3,2 %.

Aufzucht mit der Flasche

Eine Stunde nach der Geburt wird das Kitz von der Mutter getrennt und mit der Ziegenmilch-Flasche aufgezogen. „Das mag hart erscheinen, aber wenn ein Kitz einmal bei der Mutter getrunken hat, ist es nahezu unmöglich, es noch an die Flasche zu gewöhnen.“ Außerdem weiß der Landwirt aus Erfahrung, dass sich kaum kontrollieren lässt, welches Jungtier wie viel Milch bei der Mutter trinkt.

Die Trennung trägt zudem erheblich zur Eutergesundheit der Geißen bei. „Früher hatten meine Muttertiere massive Euterprobleme, weil die Kitze sehr unsanft beim Säugen sind.“ Durch den intensiven Kontakt beim Aufziehen mit der Flasche werden die Jungen sehr anhänglich und verlieren ihre Menschenscheu. Demnächst will Summer einen Milchautomaten, der die Milch anwärmt, installieren. Davon erhofft er sich eine deutliche Arbeitsentlastung.

Nach der Geburt erhalten die Kitze täglich einen Liter Milch und Heu ad libitum. Die Milchgabe wird allmählich auf zwei Liter gesteigert. Nach dem Absetzen im Alter von acht bis zehn Wochen legt Summer den Jungtieren ein Kälberfutter vor, da es für Ziegen kein spezielles Futter gibt. Auf die Weide dürfen die Kleinen erst, wenn sie keine Milch mehr trinken und verlässlich Heu fressen. „Das Umfüttern bei Ziegen muss immer fließend erfolgen, weil sie sehr anfällig für Durchfall sind.“ Die Verlustrate in der Aufzucht beläuft sich auf 10 %. „Das ist der übliche Wert. Aber ich hatte auch schon gar keine Verluste und manchmal 15 bis 20 %.“

Verändertes Futter belastet Tiere

Bioziegen Summer

In der Ziegenzucht sind Kolitiden ein großes Problem. Die Tiere reagieren sehr schnell auf Futterveränderungen oder auf zu nasses Gras. In der Folge kommt es zu einer Darm- und Pansenveränderung, die die Nieren und Leber belastet und schließlich zum Tod führt. Ziegen werden im Mittel zehn bis zwölf Jahre alt. Auf dem Betrieb Summer ist das älteste Tier neun Jahre. „Böcke werden in der Regel nur vier bis fünf Jahre alt und nicht selten fallen sie plötzlich tot um.“ Das komme daher, dass der Stress beim Decken für sie ex­trem hoch ist.

Zum Betrieb Summer gehören rund 11 ha Mähweiden und 17 ha Wald. Auf dem Grünland erfolgen je nach Lage zwei oder drei Schnitte. Da die Erträge im ökologischen Landbau geringer als im konventionellen sind, gleicht Summer das Defizit über die Flächen aus. Ein Teil des Grases wird auf der Wiese sonnengetrocknet, der andere bei der Trocknungsgemeinschaft Wechingen zu Pellets gepresst. „Diese Grascops sind für die Ziegen besondere Leckerbissen, die sie im Melkstand bekommen“, so Summer.

Das Grundfutter wird auf dem Hof produziert, Kraftfutter zugekauft. Organischer Dünger ist knapp, erst ab 100 Ziegen würde er den Bedarf des Betriebs decken. Größere Arbeiten wie Mähen und Pressen lässt der Landwirt über den Maschinenring erledigen. Die Geißen haben das ganze Jahr über Zugang zur Weide. Da Ziegen stachelige Pflanzen bevorzugen, fressen sie gern Disteln, aber auch trockene und grüne Blätter. Ganz oben auf dem Speiseplan stehen Brombeerbüsche und Baumrinden, während Blumen oder Klee verschmäht werden. „Die Bäume auf der Weide muss ich einzäunen, weil die Ziegen sie sonst kaputt machen.“

Männliche Kitze in den Schlachtraum tragen

Für die Vermarktung der männlichen Kitze hat Summer lange nach einer Lösung gesucht. „Die Schlachtung in großen Betrieben und die langen Transportwege haben mir nämlich gar nicht gefallen.“ Im nahen Scheuring hat er schließlich einen Kooperationspartner gefunden, der ebenfalls Ziegen hält und einen eigenen Schlachthof besitzt. „Ich fahre meine Böcke selbst hin, trage sie hinein und warte bis sie geschossen werden“, sagt Summer. „Das ist nicht schön, aber so weiß ich wenigstens, dass es meinen Tieren bis zum Schluss gut geht.“

Das Fleisch wird vor Ort zerlegt und abgepackt und später von Summer selbst vermarktet. Die weiblichen Tiere bleiben in der Regel auf dem Hof. Ist die Herdengröße erst einmal auf die Betriebsgröße abgestimmt, möchte Summer seine Geißen zur Zucht verkaufen. Leider gebe es in Deutschland anders als in Frankreich nur wenig registrierte Zuchttiere.

Im Hofladen, in der Käserei und Landwirtschaft arbeiten neben Summer fünf Teilzeitkräfte. Die Geißen kommen nur einmal täglich in der Früh in den Zwölfer-Melkstand. Die Milch wird sofort gekühlt und jeden zweiten Tag zu Bio-Käse verarbeitet. Die Produktpalette reicht von Ziegen-Mozzarella über Camembert und Schnittkäse bis hin zu Frisch- und Schichtkäse. „Durch eine besonders schonende Verarbeitung stellen wir Ziegenkäse her, der nicht böckelt“, erklärt Summer. Verkauft wird im Hofladen, an die Gastronomie der Umgebung oder an Kunden im Allgäu. „An Absatzmöglichkeiten mangelt es nicht, aber man muss schon auf die Menschen zugehen.“

Summer sieht in der Direktvermarktung die einzige Überlebenschance für kleine und mittlere Betriebe. Der Trend zu regionalen Produkten werde sicher noch weiter steigen, aber eben nur Schritt für Schritt. Im eigenen Hofladen bietet Summer auch Produkte von Berufskollegen an. „Nur mit ein paar verschiedenen Ziegenkäsesorten kann man den Verbraucher nicht anlocken“, weiß Summer. „Deshalb möchte ich mein Sortiment noch erweitern, ohne gleich zu einem Gemischtwarenladen zu werden.“ Geplant ist ein Verkaufsautomat. Auch die Öffnungszeiten des Hofladens will Summer erweitern. „Aber das kostet Zeit und Geld.“

Nischen können Existenzen sichern

Für Manfred Faber, den Leiter des AELF Nördlingen, ist der „Ziegenhof Monheim“ ein schönes Beispiel dafür, dass auch kleinstrukturierte Betriebe eine Überlebenschance haben. „Solche Nischen sind sicher nicht die Lösung für die breite Masse, aber manchen Betrieben können sie die Existenz sichern.“ In Bayern gibt es zwar 1,2 Mio. Milchkühe, aber nur 35 245 Milchziegen, erklärt Faber. „Herbert Summer hat das Potenzial der Ziegenhaltung erkannt.“

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