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Schweinehaltung

Ferkelkastration - das wird wieder Geld kosten

MN-Ferkelerzeugertag-MA-13.2.
Michael Ammich
am
19.03.2019

Tierarzt erläutert Erzeugern Alternativen zu betäubungsloser Ferkelkastration

Zusätzliches Geld kosten wird es die Ferkelerzeuger auf jeden Fall, ganz gleich für welchen Weg sich die Bundesregierung bei der schmerzfreien Ferkelkastration entscheidet. Die einfachste Lösung – die lokale Betäubung durch den Landwirt selbst – scheint endgültig vom Tisch. Typisch deutsch, möchte man meinen: Warum einen einfachen Weg gehen, wenn es auch komplizierter geht?
Auf dem Schwäbischen Ferkelerzeugertag in Gottmannshofen stellte Dr. Andreas Palzer, Beisitzer im Präsidium des Bundesverbands praktizierender Tierärzte, die Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration mit ihren Vor- und Nachteilen vor.

Vertrauen in die Politik nicht unbedingt gestärkt

„Die endlose Diskussion um die Ferkelkastration hat mein Vertrauen in die politischen Entscheidungsträger nicht unbedingt gestärkt“, begann Palzer seinen Vortrag. Vor drei Jahren habe die Bundesregierung beschlossen, dass die betäubungslose Ferkelkastration 2019 definitiv beendet wird. An ihre Stelle sollten die Jungebermast, die Immunokastration und die chirurgische Kastration unter Betäubung etabliert werden. Doch schon bald musste die Politik erkennen, dass das alles nicht so einfach ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Also wurde die Frist zur Umstellung auf die Ferkelkastration unter wirksamer Schmerzausschaltung noch einmal um zwei Jahre verlängert – und das, nachdem die Diskussion darüber bereits mehr als 20 Jahre andauert, wie Palzer feststellte.
Die Öffentlichkeit schob den Schwarzen Peter für die Verzögerung jedoch nicht den Politikern zu, sondern den Ferkelerzeugern, die scheinbar nicht zu einem Lösungsansatz fähig seien. Dabei lag das Problem nicht bei den Ferkelerzeugern oder dem Bauernverband, sondern in der Uneinigkeit des Lebensmitteleinzelhandels, der Schlachtindustrie, der Metzgerbranche, der Tierärzte und der Politik über das künftige Kastrationsverfahren. „Und jetzt geht es um eine Lösung des geringsten Widerstands von allen Beteiligten“, erkannte Palzer.
Folgende Verfahren kämen infrage:
  • chrirugische Kastration unter Allgemeinanästhesie durch Inhalationsnarkose,
  • chirurgische Kastration unter Allgemeinanästhesie durch Injektionsnarkose,
  • Lokalanästhesie,
  • Analgesie (Schmerzlinderung) durch Medikamente,
  • Immunokastration mit Improvac und
  • Jungebermast.
Aus der Schweiz, wo die Allgemeinanästhesie mit dem Narkosegas Isofluran bei der Ferkelkastration mittlerweile Standard ist, hatte Palzer im Grunde unbefriedigende Untersuchungsergebnisse mitgebracht. Die Größe und das Gewicht der Ferkel beeinflussten die Wirksamkeit der Isofluran-Betäubung. Bei 14 % der auf diese Weise betäubten Ferkel kam es zu Abwehrbewegungen, der Nachschlaf bis zum Stehvermögen belief sich auf durchschnittlich 69 Minuten. 28 % der zur Narkose erforderlichen Geräte befanden sich in einem schlechten hygienischen Zustand. Seit 2008 ist die Isofluran-Methode in Deutschland bei der Saugferkelkastration zwar zugelassen, allerdings nur, wenn sie von Tierärzten ausgeführt wird. Eine Anwendungsverordnung für die Tierhalter selbst ist jedoch in Vorbereitung. „Wenn alles korrekt abläuft, dann funktioniert die Narkose mit Isofluran“, bestätigte Palzer.
Bei Kälbern wurde beobachtet, dass sie weniger Abwehrbewegungen und Schmerzreaktionen während der Kastration unter Isofluran-Narkose zeigten. Es kam aber vermehrt zu postoperativen Verhaltensänderungen. Die Narkose konnte den Schmerz zwar reduzieren, ihn jedoch nicht vollständig ausschalten. Ohne Nachweis der Wirksamkeit wird es der Isofluran-Methode an der Akzeptanz der Gesellschaft fehlen, sagte Palzer.

Probleme bei der Jungebermast

An sich sollte die Jungebermast nach dem deutschen Tierschutzgesetz der Standard sein. Ungeklärt ist aber immer noch, wie sich das Schwanz- und Penisbeißen, das Aufreiten und sonstige Rangkämpfe unter den pubertierenden Ebern gänzlich vermeiden lassen.
Bei der Eberimpfung mit Improvac bedarf es einer ersten Injektion ab der achten Lebenswoche und einer zweiten Injektion vier bis sechs Wochen vor dem Schlachten. Das Verfahren ist beispielsweise in der EU, den USA und in Südamerkia zugelassen. Viele Verbraucher, der Lebensmitteleinzelhandel, Biobauern und Metzgereien sehen es jedoch kritisch, weil die Impfung mit Improvac Assoziationen mit der Hormonmast hervorruft. Außerdem müssen die Schlachthöfe auch nach der Improvac-Anwendung das Eberfeisch auf unangenehme Gerüche untersuchen, weil der Impfstoff den typischen Ebergeruch nicht in allen Fällen verhindert. Im Übrigen wird das ebertypische Verhalten in den Buchten erst nach der zweiten Impfung ausgeschaltet. Von daher ist es verständlich, dass die Ebermast derzeit bei 5 bis 10 % stagniert.
Je kleiner der Ferkelerzeugerbetrieb, desto höher sind für ihn die Kosten einer Vollnarkose pro Ferkel, sagte Palzer. Bei der Improvac-Impfung und der Ebermast fallen zwar in kleinen wie größeren Betrieben immer dieselben Kosten je Ferkel an, aber das Problem der Vermarktungsfähigkeit ist damit nicht gelöst.
„Jedes Verfahren sollte die Tiere nicht stärker beeinträchtigen als die betäubungslose Kastration“, mahnte der Veterinär. Die Landwirte müssten daher Druck auf die Schlachtindustrie und den Lebensmitteleinzelhandel aufbauen, damit sie auch Tiere aus der Ebermast abnehmen. Von der Politik gelte es einen angemessenen Ausgleich für die betäubungslose Kastration einzufordern. „Sie sollten nicht weiter abwarten, es wird keinen weiteren Aufschub geben“, rief Palzer den Ferkelerzeugern zu. Und dies, obwohl es derzeit noch kein praktikables und kostengünstiges Verfahren für die schmerzfreie Kastration gibt, das für alle Betriebe gleichermaßen geeignet wäre. Obendrein sollten sich die Ferkelerzeuger keine Illusionen machen. Die EU verfolgt nämlich langfristig das Ziel, die körperliche Unversehrtheit der Schweine zu gewährleisten.
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