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MeG Nordschwaben

Den Finger in offene Wunden legen

MeG Nordschwaben
Michael Ammich
am
12.06.2017

Ellerbach/Lks. Dillingen - Die Vorstände der MeG Nordschwaben treffen sich regelmäßig: Ob Tierwohllabel, Handelsmarken, GVO-freie Fütterung oder Umgangsformen der Molkereien - zum Besprechen haben gibt es immer reichlich.

Sie sind ein eingespieltes Team, das lässt sich auf den ersten Blick erkennen. Auf dem Milchviehbetrieb von Maria und Manfred Schiele in Ellerbach trifft sich die Vorstandschaft der MeG Nordschwaben, um aktuelle Probleme zu diskutieren. Dabei zeigt sich, warum eine regionale MeG trotz aller Einzelkämpferei und der Unterstützung durch die Bayern MEG noch immer wichtig ist. „Wir nehmen die Sorgen und Anliegen der einzelnen Milchbauern sehr ernst“, erklärt Vorsitzender Schiele. „Die MeGs sind das Bindeglied zwischen den Milcherzeugern, den Molkereien und der Bayern MEG und bei den Vertragsverhandlungen berücksichtigen wir die lokalen Besonderheiten.“

218 Mitglieder liefern an Gropper oder Zott

Derzeit liefern die 218 Mitglieder der MeG Nordschwaben 53,7 Mio. kg Milch an die Molkerei Gropper und 30,9 Mio. kg an die Molkerei Zott, also insgesamt 84,6 Mio. kg. „Damit sind wir bei Weitem die größte MeG unter den Gropper-Lieferanten“, betont Manfred Schiele. Allein im vergangenen Jahr hat die MeG Nordschwaben 17 neue Mitglieder mit einer Gesamtliefermenge von 5,5 Mio. kg aufgenommen. Ihr Einzugsgebiet erstreckt sich vom Aschberg, dem Zusamtal und der Region Thierhaupten im Süden über das Kesseltal und Marktoffingen sowie das mittelfränkische Rohr und Schwabach im Norden bis in das Härtsfeld im Westen.
Anstelle von Mitgliederversammlungen setzt die MeG Nordschwaben auf Vertreterversammlungen als Beschlussorgan. „Unsere 32 Vertreter treffen sich viermal im Jahr. Das ermöglicht schnelle Entscheidungen.“ Gleichwohl hält die MeG auch regionale Versammlungen ab, auf denen die Vorstände ihre Arbeit im vergangenen Jahr rekapitulieren, die Mitglieder mit Informationen versorgen und die Aussprache mit ihnen suchen. 2006 wurde die MeG Nordschwaben ins Leben gerufen, kurz darauf gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Bayern MEG und stellte dort sieben Jahre lang sogar den Aufsichtsratsvorsitzenden.
Im Tagungszimmer auf dem Betrieb der Familie Schiele herrscht eine entspannte Atmosphäre. Die Vorstände verstehen sich, auch wenn sie nicht immer einer Meinung sind: Manfred Schiele als Vorsitzender, Jürgen Speinle aus Weisingen als sein Vize, Gerd Schröppel aus dem württembergischen Schweindorf, Hubert Sporer aus Laugna, Paul Wohlfrom aus Reimlingen und – als „Exote“ – Dietmar Wieser aus Rohr im mittelfränkischen Landkreis Roth. „Unsere Vorstandschaft ist ein echtes Dream-Team“, bekräftigt Schiele. „Alleingänge gibt es bei uns nicht“, versichert Schröppel. „Wir legen großen Wert auf eine gute Abstimmung unter allen Vorständen, sodass sich unsere Mitglieder gut aufgehoben fühlen.“ Speinle pflichtet seinem Kollegen bei: „Anders ließen sich ja auch keine jungen Leute mehr zur aktiven Mitarbeit in unserer MeG bewegen.“
Als Beispiel für den vorbehaltlosen Zusammenhalt in der Vorstandschaft führt Schiele die Diskussionen um das Tierwohl-Label des Deutschen Tierschutzbunds an. „Zwei von uns machen hier mit, die anderen eben nicht. Das überlassen wir auch in der MeG insgesamt ganz dem einzelnen Mitgliedslandwirt.“ Das sieht auch Speinle nicht anders. „Wenn der Milch­erzeuger von der Molkerei Gropper noch einmal 3 ct Aufschlag auf seine gentechnikfreie Milch haben will, dann soll er es ruhig machen, falls das Label für seinen Betrieb passt.“
Kopfzerbrechen bereitet Vorstand Schröppel etwas anderes: „Das Label auf den Handelsmarken wird zu einer Konkurrenz für die Markenprodukte, mit denen viele Molkereien ihr Geld verdienen.“ Außerdem generiere das Tierschutzlabel kein zusätzliches Tierwohl, sondern erhöhe nur die Wertschöpfung der Beteiligten. Das sieht Schiele nicht anders. „Die Handelsmarken werden jetzt sagen: Seht her, wir sind nicht nur billiger, sondern besser als die Marken.“
Ein weiteres aktuelles Problem beschäftigt die Vorstandschaft der MeG Nordschwaben. Die Molkereien Gropper und Zott gewähren ihren Lieferanten einen Mengenzuschlag mit Staffelpreisen. Je mehr Milch ein Lieferant abgibt, desto mehr Geld bekommt er für das Kilogramm. Pro monatliche Liefermenge von 10 000 kg gibt es einen Aufpreis von 0,1 Cent, der sich bis zu einer Liefermenge von 125 000 kg auf 1,25 ct steigert. Bei der Molkerei Zott ist der Zuschlag jedoch auf eine Obergrenze von 125 000 kg gedeckelt, bei der Molkerei Gropper dagegen nicht. Das bringt erhebliche Nachteile für die kleineren und mittleren Milcherzeuger mit sich, klagt Schiele. Da der Auszahlungspreis auf dem durchschnittlichen Mengenzuschlag basiert, finanzieren die 85 % kleinen Betriebe, die unter dem Durchschnitt liegen, den Zuschlag für die 15 % größeren Betriebe, die sich mit ihrer Liefermenge  über dem Durchschnitt bewegen. Das empfinden die MeG-Vorstände als ungerecht. „Die Molkereien sollen neue Lieferanten über den Auszahlungspreis gewinnen und nicht damit, dass sie keinen Deckel für den Mengenzuschlag vorsehen“, sagt Dietmar Wieser.

Milcherzeugerseele wird gebeutelt

Fehlendes Einfühlungsvermögen in die Milcherzeugerseele bescheinigen die Vorstände der Molkerei Gropper auch mit Blick auf die gentechnikfreie Fütterung der Kühe. Ab November nimmt das Unternehmen Gropper nur noch GVO-freie Milch an – als einzige Molkerei im Großraum, die sich für die komplette Umstellung entschieden hat, wie Schiele feststellt. „Gropper hat das im Alleingang ohne Rücksprache mit den Lieferanten getan“, beschwert sich Speinle. „Der Ton macht die Musik.“ Und was, wenn bald die gesamte Gropper-Milch gentechnikfrei ist? Wird es für diese Milch noch einen Zuschlag geben oder heißt es dann irgendwann: Der bisherige Zuschlag für GVO-freie Milch ist jetzt Bestandteil des Milchpreises?
Schwer im Magen liegt den Vorständen der MeG Nordschwaben die neue deutsche Milchgüteverordnung, in der die bisherige Güteklasse „S“ keinen Platz mehr findet. Für die Vorstände stellt sich die Frage, wie die bisherige S-Klasse, die 92 % der Erzeuger bei der Milch erreichen, künftig eingeordnet wird. Falls die Molkereien die Einstufung in die bisherige S-Klasse mit zusätzlichen Kriterien verschärft, könnten sich plötzlich nur noch 80 % der Erzeuger in dieser Klasse wiederfinden. Auf diese Weise können sich die Molkereien durch die Hintertür viel Milchgeld sparen, hat Schiele erkannt. Sein Vorstandskollege Speinle warnt: „Unsere MeG darf hier nicht schlafen, sondern muss den Finger in die Wunde legen.“ Es sei ihre originäre Aufgabe, als Ersatz für die bisherige S-Klasse eine einheitliche, ausgewogene und gerechte Regelung zu finden.
Zur Diskussion über die Anbindehaltung möchten die MeG-Vorstände nur wenige Worte verlieren. „Es gibt zahlreiche Laufställe, die überbelegt sind“, sagt Schiele. „Der Anbindehalter dagegen kann seinen Stall gar nicht überbelegen. Das zeigt, dass sich das Tierwohl nicht so einfach an der Anbinde- oder Laufstallhaltung festmachen lässt.“ Im Übrigen sei die Anbindehaltung typisch für wenig spezialisierte Betriebe mit kleinen Tierbeständen, merkt Speinle an. „Und genau solche Betriebe will die Gesellschaft ja unbedingt erhalten.“

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