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Tierwohl

Gegen Gängelung durch Veganer

Patrizia Schallert
am
03.04.2017

Finningen - Bei der ersten Ortsobmännerversammlung des BBV Dillingen nach der Wahl geht es ums Thema Tierwohl.

Obmänner

Geht es hier um echtes Tierwohl oder nur um das gute Gewissen der Verbraucher? Ginge es um das Tierwohl, müssten die Verbraucher und der Lebensmitteleinzelhandel längst bereit sein, faire Preise für Produkte aus besonders tiergerechter Nutztierhaltung zu bezahlen. Geht es aber um das gute Gewissen, ist das Wegsehen, sprich der Griff zum billigsten Produkt, das Mittel der Wahl. Auf der Ortsobmännerversammmlung in Finningen setzte sich der niederbayrische BBV-Bezirkspräsident Gerhard Stadler mit dem schizophrenen Verhalten der Konsumenten und des Handels auseinander und fragte: Was kommt auf die Landwirtschaft in Sachen Tierwohl noch alles zu?
Es kann nur noch schlimmer kommen, befürchtete Kreisobmann Klaus Beyrer. Er sorgt sich um die unternehmerische Freiheit der bäuerlichen Nutztierhalter, nachdem diese von Politik, Handel und Verbrauchern immer mehr an das Gängelband der Auflagen und Programme genommen werden. Verwunderlich ist das nicht, meinte Beyrer. Schließlich habe sich die Gesellschaft schon so weit von der Landwirtschaft entfremdet, dass selbst die bescheidensten Grundkenntnisse fehlen. Und dass die Politik der Bevölkerung nach dem Munde redet, mache eine praxis­orientierte Tierwohldiskussion auch nicht einfacher. Umso notwendiger sei es gewesen, dass sich der Bauernverband massiv in die Debatte um die betäubungslose Ferkelkastration und das Schwanzkupieren eingebracht und die Kommunikation mit Experten auf einen guten Weg geführt habe.
In seiner Eigenschaft als Veredelungspräsident des BBV fordert Stadler die Politik auf, ihren Wahlkampf nicht auf dem Rücken der Bäuerinnen und Bauern auszutragen. Auch die Abgeordneten und zuständigen Minister wüssten sehr wohl, dass beim Tierwohl nicht alle gut gemeinten Wünsche auch umsetzbar sind. Ein erster Schritt auf dem Weg zur Versachlichung der Diskussion wäre die Einbeziehung der bäuerlichen Familien. Der zweite Schritt wäre dann endlich dafür zu sorgen, dass diese von ihrer Arbeit auch angemessen leben können. Stattdessen aber sehen sich die Bäuerinnen und Bauern alltäglich in den Medien, sozialen Netzwerken und von Politikern an den Pranger gestellt.

Gegen agrarpolitische Traumtänzerei

Stadler wendet sich gegen die Gängelungsversuche von Veganern und Vegetariern, die mit missionarischem Eifer die Verbraucher zum Fleischverzicht führen wollen. Gleichwohl räumt er ein, dass es die Landwirtschaft versäumt habe, die Verbraucher im Strukturwandel und technischen Fortschritt mitzunehmen. Heute glaube beinahe jeder, der am reich gedeckten Tisch sitzt, dass er ein Agrarexperte ist. Die eigentlichen Fachleute, die Landwirte, blieben in der Diskussion dagegen außen vor. Die Folgen der agrarpolitischen Traumtänzerei sind täglich zu besichtigen, die anschwellende Flut der Auflagen und Vorschriften führt zu einem schleichenden Strukturwandel und vernichtet genau die kleinen bäuerlichen Existenzen, die sich die Gesellschaft wünscht.
Jede neue Auflage kostet eine Stange Geld. Hier erinnert Stadler an Überlegungen, die Tierställe mit Blick auf den Klimaschutz mit Filtern auszustatten. Zugleich sollen die Tiere möglichst in Offenställen gehalten werden, wo Methan und Lachgas ungehindert in die Luft entweichen können. „Für bereits gebaute Ställe muss es einen Bestandsschutz geben“, fordert der Redner. Was passiert, wenn es die Politik mit den Tierwohlvorschriften übertreibt, lässt sich gut in der bayerischen Ferkelerzeugung beobachten. Nicht zuletzt aufgrund des Zwangs zur Gruppenhaltung trächtiger Sauen und der damit verbundenen Investitionen haben viele Ferkelerzeuger das Handtuch geworfen und damit wandert ein ganzer Betriebszweig aus dem Freistaat ab. Verschärfen wird sich die Lage, wenn die Pläne zur schmerzgelinderten Ferkelkastration und zur Abschaffung der Kastenstände umgesetzt werden sollten.
Mit einem fairen Wettbewerb auf den internationalen Märkten hätten solche Vorgaben nichts zu tun, sagt Stadler. Am Ende seien es ohnehin voraussichtlich allein die Landwirte, die für die verschärften Tierschutzauflagen aufkommen müssten. Besonders krass würde sich ein Verbot der Anbindehaltung auf die kleinstrukturierte Landwirtschaft in Bayern auswirken, nachdem rund die Hälfte der Milchviehbetriebe diese Haltungsform betreibt. Einen Stichtag für das Ende der Anbindehaltung lehnt der BBV strikt ab. Favorisiert werden langfristige Lösungen. Würde nach den Ferkeln auch die Milchviehhaltung aus Bayern abwandern – wer sorgt dann für Verwertung des Grünlands, das ein wichtiger Tourismus-Aspekt im Freistaat ist?
„Wir Bauern bekennen uns zu unserer Verantwortung als Tierhalter“, bekundet Stadler. „Wir achten darauf, dass unsere Tiere gesund sind und es auch bleiben.“ Schön wäre es, wenn auch die Politik ihren Beitrag zur Gesundheit der bäuerlichen Familienunternehmen leisten würde. Kontraproduktiv seien hier die Bürokratie, die hohen Kosten für die Planung und Zulassung von Ställen. Auf der anderen Seite fehle es an verlässlichen Aussagen zur weiteren Entwicklung des staatlichen Tierschutzlabels. Ohne diese Sicherheit würden viele Tierhalter von Investitionen abgehalten. „Wie wird sichergestellt, dass die Wertschöpfung auch tatsächlich bei den Landwirten ankommt?“, fragt sich Stadler. Der Politik empfiehlt er, sich zur modernen Nutztierhaltung zu bekennen und die Weichen richtig zu stellen. Die Bauern jedenfalls seien für die Optimierung des Tierwohls aufgeschlossen.
In einem weiteren Vortrag sprach Liane Kuhstrebe, Geschäftsführerin der BBV Verkehr und Technik GmbH, über Entwicklungen im Führerscheinrecht in der Land- und Forstwirtschaft.

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