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Flutpolder

Hier geht es um Existenzen

Michael Ammich
am
10.04.2017

Dillingen - Drei geplante Polder im Kreis Dillingen würden viele bäuerliche Familienbetriebe in Bedrängnis bringen.

Teilnehmer der BBV-Infoveranstaltung

Stell Dir vor, an der Donau droht extremes Hochwasser und keiner geht hin. Dann wären nach Berechnungen des Donauwörther Wasserwirtschaftsamts (WWA) zwischen Neu-Ulm und Donauwörth rund 19.000 Menschen betroffen und der Schaden beliefe sich auf 2,9 Mrd. €. Durch den Bau von drei großen, gesteuerten Flutpoldern bei Leipheim im Kreis Neu-Ulm sowie Lauingen und Gremheim im Kreis Dillingen könnte ein solches Szenario deutlich entschärft werden, stellte die Wasserwirtschaftlerin Marion Keyl auf einer BBV-Veranstaltung in Blindheim klar. Allerdings: Zumindest die beiden Polder im Kreis Dillingen würden viele bäuerliche Familienbetriebe in Bedrängnis bringen.
Zahlreiche Landwirte waren zur BBV-internen Informationsveranstaltung in der Blindheimer Gemeindehalle erschienen, um vom WWA und dem Dillinger Landrat Leo Schrell den aktuellen Sachstand bei der Polderplanung zu erfahren. Begrüßt wurden sie von Kreisobmann Klaus Beyrer, der gleich den Finger in die Wunde legte: „Der 1800 ha große Polder auf der Flur Neugeschüttwörth südlich von Gremheim wird in einem Ackerbaugebiet errichtet, das viele landwirtschaftliche Betriebe ernährt.“ Eine reine Blockadehaltung gegen die Polderprojekte werde die Landwirtschaft aber nicht weiterbringen, sagte Beyrer. Angesagt sei vielmehr ein fortgesetzter Dialog zwischen den zuständigen Behörden und den betroffenen Grundbesitzern und -bewirtschaftern. In den Gesprächen werde der BBV die notwendige Härte zeigen.
Mehr als vier Quadratkilometer des Blindheimer Gemeindegebiets liegen in der geplanten Polderkulisse, stellte Bürgermeister Jürgen Frank fest. Ob die Polder für den Hochwasserschutz erforderlich seien oder nicht, wolle er nicht bewerten. Aber Hochwasserschutz bedeute auch, die Fehler der Vergangenheit, beispielsweise das Bauen in gefährdeten Gebieten, nicht zu wiederholen. Frank appellierte an das WWA, sich den Fragen und Ängsten der betroffenen Bürger und Landwirte zu stellen. „Hier geht es um Existenzen. Viele Bauern fragen sich, ob sie nach dem Polderbau überhaupt noch Landwirte sein können. Der Hochwasserschutz darf nicht auf dem Rücken der Bauern und Grundbesitzer betrieben werden.“

In das Risikogebiet hineinentwickelt

Bernhard von Roda vom Donauwörther WWA bezog sich auf das Aktionsprogramm „Verbesserung des Hochwasserschutzes an der Schwäbischen Donau“. Dabei gehe es nicht um die Frage „Ober- oder Unterlieger“, sondern um den Erhalt eines funktions- und lebensfähigen Wirtschaftsraums. In der Vergangenheit hätten sich nämlich viele Kommunen und bäuerliche Betriebe in das Risikogebiet hineinentwickelt. Von Roda versprach, die Bedenken und Anregungen der Betroffenen bei der Polderplanung aufzunehmen. Diese stehe aber erst am Anfang.
Marion Keyl, ebenfalls vom WWA Donauwörth, fasste den Zweck des Aktionsprogramms in drei Worten zusammen: Hochwasservermeidung, Vor- und Nachsorge. Für die Region an der schwäbischen Donau würde der Eintritt eines 100-jährigen Hochwassers einen geschätzten Sachschaden von 120 Mio. € bedeuten, rund 4000 Bewohner wären davon betroffen. Käme es gar zu einem extremen Hochwasser, beliefe sich die Schadensumme auf 2,9 Mrd. € und rund 19 000 Menschen wären betroffen.
Ein solches Szenario könnten die vorhandenen Schutzsysteme kaum aufhalten: 80 km Deiche, von denen viele rund 100 Jahre alt sind, und 5 km Schutzmauern, 77 km Stauhaltungsdämme und viele Flutmulden. Hochwasserschutzprojekte seien mittlerweile auf den Weidachwiesen an der Iller angelaufen, außerdem an der Mindel und Günz. Geplant sind drei gesteuerte, große Flutpolder bei Leipheim sowie auf den Fluren Helmeringen bei Lauingen und Neugeschüttwörth bei Gremheim. Dazu sollen sich noch mehrere ungesteuerte, natürliche Rückhalteräume gesellen.
Beim Flutpolder Helmeringen stehen folgende Baumaßnahmen an: 4 km Anpassung Stauhaltungsdamm, 2 km Anpassung Deich, 2 km Deichumbau, ein Poldereinlauf 2 km vom Stausee Faimingen donauaufwärts und ein Polderauslauf am Wasserkraftwerk der Staustufe sowie Anpassungsmaßnahmen für das Grundwasser. Das Rückhaltevolumen des Polders Helmeringen wird sich auf 7 Mio. m³ belaufen.
Für den Polder Neugeschüttwörth ist die Anpassung von 3 km Stauhaltungsdamm und 2 km Deich vorgesehen, dazu 4 km Deichneubau sowie ein Einlauf nahe der Mündung des Klosterbachs in die Donau und ein Auslauf bei Schwenningen. Der Polder soll 32 Mio. m³ Hochwasser aufnehmen können. Die Standorte Helmeringen und Neugeschüttwörth sind bereits als Überschwemmungsgebiete eingestuft. Beim Donauhochwasser 2013 war laut Keyl ein großer Teil der landwirtschaftlich genutzten Flächen im Neugeschüttwörth überschwemmt worden. Ohne den Bau der Flutpolder sei davon auszugehen, dass bei einem 100-jährigen Hochwasser noch deutlich mehr Bauernland unter Wasser gesetzt würde.

Es werden noch viele Jahre ins Land ziehen

Bis die Polder tatsächlich gebaut sind, werden noch mehrere Jahre ins Land ziehen. Zuerst werden die Unterlagen für die Raumordnung aufgestellt, mit der Bedarfsplanung wurde 2016 begonnen. Dann läuft die Aufstellung der Planfeststellungsunterlagen an. In diesem Prozess wird auch die Entschädigung für die Land- und Forstwirtschaft abgeklärt. Die gesteuerten Polder sollen erst geflutet werden, wenn die Hochwasserschutz-Grundmaßnahmen nicht mehr ausreichen.
Kreisobmann Beyrer kann nicht nachvollziehen, warum die Polder überwiegend zu Lasten der Landwirtschaft gebaut werden, während Gewerbeflächen so gut wie nicht betroffen seien. „Warum werden die bäuerlichen Nutzflächen geringer bewertet? Auch sie sind die Existenzgrundlage von Betrieben und die Basis von Arbeitsplätzen.“ Außerdem würden nach der Flutung der Polder große Mengen an mitgeschwemmten Sedimenten auf den Feldern liegen bleiben. Beyrer forderte eine Baulösung, die ein schnelles Abfließen des Hochwassers aus den Poldern gewährleistet.
Landrat Leo Schrell berichtete über die Arbeit des Bündnisses „Hochwasserschutz für unsere Heimat“. An diesem sind die Gemeinden entlang der Donau im Kreis Dillingen und die Gemeinde Tapfheim im Donau-Ries beteiligt. Das Bündnis arbeite eng mit dem Bauernverband zusammen. Er selbst, so Schrell, sehe seine Aufgabe darin, für den Hochwasserschutz im Kreis Dillingen zu kämpfen und nicht für den im Nachbarlandkreis Donau-Ries. Dabei lasse sich nur etwas erreichen, wenn das Bündnis konstruktiv mitgestaltet. „Eine reine Verweigerungshaltung bringt hier gar nichts.“ Ziel sei es, die Schäden im Hochwasserfall möglichst gering zu halten und die Funktionsfähigkeit der Region zu sichern.
Schrell listete die bisherigen Erfolge auf: Die Zahl der im Kreis Dillingen geplanten Flutpolder hat sich von vier auf zwei verringert, der Hochwassergrundschutz wird verbessert und von den Maßnahmen samt Poldern profitieren, jetzt nicht mehr nur die Unterlieger, sondern auch die Region Dillingen selbst. Dafür sorge insbesondere der gesteuerte Flutpolder donauaufwärts bei Leipheim. „Wir wollen, dass die Hochwasser-Rückhaltemöglichkeiten an den Nebenflüssen der Donau, vor allem an der Iller zwischen Ulm und Memmingen, stärker in die Planung einbezogen werden, um die Größe der Polder im Kreis Dillingen verringern zu können.“
Ferner erwartet man, dass die aufgrund des Polderbaus erforderlichen Ausgleichsflächen nicht auch noch allein der Kreis Dillingen stellen muss. Hier kann sich der Landrat der Unterstützung durch den Dillinger BBV gewiss sein.
Josef Stangl von der Gruppe Land- und Forstwirtschaft an der Regierung von Schwaben erläuterte deren Aufgaben beim Hochwasserschutz. Dazu gehört das frühzeitige Einbringen der land- und forstwirtschaftlichen Belange in die Planungen. Die Gruppe versteht sich als Ansprechpartner für die betroffenen Land- und Forstwirte und für den BBV.
Abschließend stellten Beyrer und BBV-Kreisgeschäftsführer Eugen Bayer die Riedstromlösung und die Mustervereinbarungen für die Entschädigung der Landwirte in Sachen Flutpolder vor .

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