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Biologie des Waldes

Es gibt nichts Lebendigeres als Totholz

Wald bei Ottobeuren
Toni Ledermann
am
25.10.2017

Drei Schwerpunkte hatte der Abendwaldbegang des Forstbetriebs Ottobeuren im Gebiet Obergünzburg.

  • Das Naturschutzkonzept der Bayerischen Staatsforsten,
  • die Wiederbewaldung nach dem Sturm vor sieben Jahren und
  • das Borkenkäfermanagement mit dem Ziel, die Käfer-Bäume frühzeitig zu erkennen, schnell aufzuarbeiten und aus dem Wald zu bringen.

Treffpunkt war die Liebenthan-Mühle an der Straße von Ronsberg nach Obergünzburg. Trotz heftiger Regenfälle konnte sich Organisator Harald Husel vom AELF Kaufbeuren über viele Interessenten freuen. Der FBG-Berater ist vor allem im Bereich Waldbewirtschaftungsverträge, Fortbildung und Öffentlichkeitsarbeit aktiv. Die Professionalisierung, Weiterentwicklung und die überregionale Zusammenarbeit sind sein persönliches Anliegen. Die FBG Markt­oberdorf war durch den 1. Vorstand Alfons Hindelang und die 3. Vorsitzende Perpetua Zwick vertreten.

Dr. Walter erläuterte den Aufgabenbereich seines Hauses: Die Flächen des Forstbetriebs Ottobeuren liegen zwischen der Iller im Westen, der Wertach im Osten, Babenhausen im Norden und Kempten im Süden. Sie erstrecken sich dabei über die Wuchsgebiete des tertiären Hügellands, der Schwäbisch-Bayerischen Schotterplatten- und Altmoränenlandschaft und der Schwäbisch-Bayerischen Jungmoräne und Molassevorberge. Die Gesamtfläche des Forstbetriebs beträgt rund 12 300 ha und ist auf neun Reviere verteilt. Die Holzbodenfläche nimmt dabei 11 827 ha ein. Charakteristisch für den Forstbetrieb Ottobeuren sind die stark zersplitterten Besitzverhältnisse.

Waldnatur schützen

Wald Ottobeuren

Besonderes Augenmerk legt das Team des Forstbetriebs auf den Waldnaturschutz. Mit Recht stolz ist Walter, dass hier im Verborgenen der Schwarzstorch, Uhus und auch die Wildkatze leben. „Hier befinden sich sieben Schwarzstorchhorste, allein in einem Horst sind heuer vier Jung­störche flügge geworden“, freut er sich. Auch die Wildkatze ist hier heimisch. Die naturnahe Waldbewirtschaftung komme den Lebensraumansprüchen der Wildkatze sehr entgegen, besonders wegen vieler Biotopbäume, Totholz und eines waldbaulichen Strukturreichtums mit geschlossenen und offenen Waldbereichen mit großer Baumartenvielfalt. Bewirtschaftungsmaßnahmen, die in dem Bereich durchgeführt werden, berücksichtigen die Bedürfnisse der Wildkatze, versicherte Walter.

Der Referent führte die Gruppe in die Nähe der Reverdys-Quelle. Diese ist zeitgleich mit der „Teufelsküche“ im Jahr 1939 zum Naturdenkmal erklärt worden. Charakteristisch für die Reverdys-Quelle ist eine kurze Tuffrinne. Die Grenze bildet den wichtigsten Quellhorizont der Region.

Eine weitere interessante Besonderheit befindet sich in diesem Areal: Die weltweit nur im Voralpenland vorkommende Bayerische Quellschnecke. Bei diesem Tier handelt es sich um ein „Eiszeit-Relikt“. Ebenso ist das nur im Voralpenbereich befindliche Löffelkraut hier anzutreffen. Das Bayerische Löffelkraut ist die pflanzliche Leitart des Forstbetriebs Ottobeuren. Im Zuge des Biodiversitätsprojekts „Löffelkraut & Co“ sind umfangreiche Maßnahmen durchgeführt worden, mit dem Ziel, die endemische Art zu erhalten.
Weiter ging es zu einer abgebrochenen Buche, ein Eldorado für Spechte und Kleintiere. „Wir wollen mehr abgestorbene oder abgebrochene Bäume im Staatswald stehen lassen. Ziel sind im Durchschnitt zehn sogenannte Biotopbäume je Hektar in naturnahen Wäldern. Obwohl solche Bäume nach außen tot erscheinen, sind sie dennoch voller Leben. Holzbrütende Insekten, Flechten und Pilze besiedeln das Holz, Spalten, Höhlen und Klüfte bieten Fledermäusen und Vögeln wertvollen Lebensraum“, sagte Walter, „es gibt nichts lebendigeres als Totholz.“

Es sieht durchaus unaufgeräumt aus

Um den Lebensraum der Kleinstlebewesen zu fördern, lässt der Forstbetrieb gerne auch Kronen liegen. Dies kritisieren mitunter Waldbesucher als „unaufgeräumten Wald“ – aus naturschutzfachlicher Sicht sei die Totholzanreicherung jedoch wertvoll. Im gesamten Forstbetriebsbereich Ottobeuren sind die vorhandenen Großhöhlen erfasst und dauerhaft markiert. Die Höhlen des Schwarzspechtes als eine Schlüsselart für alte und naturnahe Buchenmischwälder werden von vielen Tierarten genutzt. Walters Fazit: „Beim Waldnaturschutz ist wenig oft viel – belassen Sie Totholz im Wald und schützen Sie die Biotopbäume! Sie sind für den Waldnaturschutz Gold wert!“  „Vater Staat“ fördert diese Biotopbäume mit 195 €, wenn sie zwölf Jahre stehengelassen werden.

Noch vielen ist der Tornado in Erinnerung, der am Abend des 13. August 2009 in dieser Gegend wütete und in den betroffenen Wäldern Chaos zurückließ. Anhand eines großformatigen Posters konnten die Teilnehmer den Schaden von damals sehen: Von einer ehemals intakten Waldfläche waren nur noch Baumstumpen stehen geblieben. Damals wurden binnen Minuten 13 ha Wald vollständig zerstört. „Die Wiederbewaldung erfolgte größtenteils durch Naturverjüngung, die auf der Sturmfläche vorhanden war, so Walter. An diesem Beispiel könne man auch sehen, wie wichtig angepasste Wildbestände sind.
Ein Waldbauer sprach die Verantwortung des Waldbesitzers gegenüber Passanten an, wenn sie von umstürzenden Bäumen oder Ästen getroffen werden. Hier liege ein Urteil des BGH aus dem Jahr 2012 vor, berichtete Walter. Demnach ist der Waldbesitzer im Wald lediglich für sogenannte „atypische Gefahren“ verantwortlich – im Gegensatz zu öffentlichen Straßen, wo der Waldbesitzer regelmäßig für typische und atypische Gefahren verantwortlich zeichne.

Käferbäume werden mit GPS sofort verortet

Zum Schluss informierten die Forstleute über effektive Käferbekämpfung im Forst. Entscheidend sei zum Ersten, befallene Bäume frühestmöglich zu finden, zum Zweiten diese dann zeitnah aufzuarbeiten und zum Dritten aus dem Wald zu schaffen. Die Borkenkäfersuche ist im Forstbetrieb über persönlich zugewiesene Suchbezirke organisiert. Alle Sucher haben ein Handy mit einer „Borkenkäfer-App“, die es ermöglicht, gefundene Käferbäume einfach mittels GPS zu verorten.

Die aufgenommenen Daten (Käferstadium, Anzahl, Bäume und Festmeter) stehen allen anderen Nutzern zur Verfügung. Die Dokumentation gefundener Käferhölzer und gerade die anschließende Zusteuerung geeigneter Holzerntekapazitäten sowie die Überwachung des Aufarbeitungsfortschritts seien dadurch stark erleichtert worden. Am Forstbetrieb wurden alle Förster und Waldarbeiter mit entsprechenden Geräten ausgestattet. Dies sei ein wichtiger Beitrag, um dem Schädling schnell und effektiv entgegenzuwirken.

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