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Wiesen und Weiden

Grünland zwischen Artenvielfalt und Hochleistung

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Brigitte Früh
am
09.09.2019

„Biodiversität und Futterqualität sind nicht gleichzeitig zu haben“, sagte Prof. Dr. Martin Elsäßer beim Allgäuer Grünlandtag.

  • Biodiversität und hohe Futterqualität sind nicht gleichzeitig zu haben.
  • Die Tierzuchtziele sollten laut Elsäßer überdacht werden.
  • Auch bei intensiver Grünlandnutzung sind Maßnahmen zur Verbesserung der Artenvielfalt möglich.
  • Die Stickstoff-Effizienz bei der Düngung sollte dringend verbessert werden.
  • Unterschiedliche Nutzungsformen auf einem Betrieb bzw. innerhalb einer Region wären wünschenswert.
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Kempten Die Chancen und Grenzen einer Nutzung von Grünland zwischen Artenvielfalt und Hochleistung zeigte Prof. Dr. Martin Elsäßer vom LAZBW Aulendorf beim Allgäuer Grünlandtag am Spitalhof Kempten auf. Er machte darauf aufmerksam, dass Grünland über seine hervorragende Eignung als Futter für Wiederkäuer hinaus eine Vielzahl von Ökodienstleistungen erbringen kann: Boden-, Wasser- und Erosionsschutz, Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, guter Verwerter von Wirtschaftsdünger, Speicher von enormen Mengen Kohlenstoff im Boden (zu intensive Bewirtschaftung reduziert diese Speicherkraft), Gestaltung von Landschaft. Insbesondere artenreiche Extensivwiesen haben einen hohen Wert: durch ihren Blütenreichtum, hohe Biodiversität, vor allem in Streuobstwiesen, lange Blühphasen, hohe Anpassung der Vegetation an den Standort, geringe Umweltbelastungen infolge reduzierter Düngung und Erhalt des Landschaftscharakters.

Beides zusammen geht nicht

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Aber eines stellte Elsäßer gleich zu Beginn klar: „Biodiversität und Futterqualität sind nicht gleichzeitig zu haben.“ Was wiederum Fragen aufwerfe: Wollen wir Grünland als Produktionsfläche oder für die Artenvielfalt? Biologische Vielfalt bedeute nicht, dass überall möglichst viele Arten wachsen, sondern dass jede Region ihre regionalspezifischen und jeder Ort seine lokalspezifischen Pflanzen hat. „Wieviel Grünland welcher Kategorie brauchen wir also und wieviel können wir uns künftig leisten?“, fragte der Referent.

Um als Grundfutter für Milchvieh geeignet zu sein, muss der Grünlandaufwuchs frühzeitig genutzt werden. Aber was ist mit eiweißreichem Futter, wenn hoher Nährstoffeintrag aus der Viehhaltung kaum mehr eine Entwicklung von Leguminosen zulässt?, hinterfragte der Referent die allzu intensive Grünlandnutzung kritisch. Und weiter: Was ist mit der Bodenfruchtbarkeit, wenn schwere Güllefässer den Boden verdichten? Was ist mit Futter- und Luftverschmutzung, wenn Gülle zum falschen Zeitpunkt und mit ungeeigneter Technik ausgebracht wird? Was passiert mit Grünland, wenn der Klimawandel immer mehr trockene Phasen bringt? Und die zentrale Frage: Was ist überhaupt eine angepasste Nutzung von Grünland? Eine nachhaltige Nutzung von Grünland müsse Klima und Standort berücksichtigen. Das Allgäu sieht Elsäßer jedenfalls „an der Intensitätsobergrenze angekommen“.

Im Volksbegehren wünschte sich die Bevölkerung eine hohe Artenvielfalt. Um diese im Grünland zu erhalten und zu verbessern, müsse zunächst einmal das Grünland erhalten werden. Dazu brauche es Wiederkäuer und Graser. Und es müsse Konsens darüber herrschen, dass das Grünland Ökodienstleistungen bereitstellt, die honoriert werden müssen. Die Kuh ist als Klimakiller in Verruf geraten. Aus Elsäßers Sicht ist die 8500-kg-Kuh die umweltfreundlichste, „sie frisst noch genügend Gras, geht noch auf Weide, kann gut laufen und hält lange aus“. Während eine Hochleistungskuh nur mit Grünlandfutter nicht ausgefüttert werden könne.

Elsäßer: Die Tierzuchtziele überdenken

Die Landwirtschaft müsse sich wichtigen Fragen stellen: Stimmen unsere Tierzuchtziele? „Ich meine, sie stimmen nicht“, so die Meinung des Referenten. Wird der Wirtschaftsdünger effizient genug genutzt? Wird zu viel Vieh gehalten, geht die Flächenbilanz tatsächlich auf? „Wir brauchen die intensive Grünlandnutzung, aber gibt es nicht einzelne Punkte, die man verbessern kann?“, gab Elsässer den Landwirten zu denken. Etwa Landschaftsstrukturen wie Gräben und Hecken neu zu schaffen oder beim ersten Schnitt einzelne Felder später mähen, um den Löwenzahn wenigstens teilweise ausblühen zu lassen.

Mehr Ertrag durch mehr Pflanzenarten

  • Eine Lösung wäre es laut Elsäßer, Grünland künftig mit abgestufter Intensität zu nutzen: Intensiv genutzte Wiesen als Futtergrundlage für Hochleistungskühe, den Aufwuchs artenreicher, extensiver genutzter Wiesen als Futter für Trockensteher oder Aufzucht bzw. bei größerer Menge Verwertung als Futter für andere Tierarten oder stoffliche Nutzung.
  • Eine zweite Lösung sieht der Experte darin, Grünland mit mehr Artenvielfalt und nicht nur Deutschem Weidelgras zu schaffen. Er präsentierte dazu eine Untersuchung, wonach sich mehr Arten gegenseitig ergänzen und so den Ertrag steigern, unabhängig von der Intensität der Bewirtschaftung. Eine Mischung von flach- und tiefwurzelnden Arten verbessert demnach die Stickstoff-Aufnahme um bis zu 17 %.
  • Als dritten Ansatzpunkt sieht Elsäßer einen „unbedingten Zwang zu einer besseren Stickstoff-Effizienz bei der Düngung“. Ein bundesweiter Stickstoff-Steigerungsversuch habe am Standort Aulendorf ergeben, dass eine Erhöhung der Düngung um 200 kg N/ha nur eine Steigerung von 2 dt TM/ha bewirkt hat. „Die Steigerung hat sich nicht gelohnt!“, stellte der Referent fest. Eine optimale N-Düngung sei vom Standort abhängig. Je mehr Leguminosen im Bestand vorhanden sind, desto weniger Stickstoff müsse gegeben werden. In Aulendorf reichten beispielsweise 32 kg N/ha aus, um einen Rohproteingehalt von 18 % zu erzielen. „Den großen Effekt von Leguminosen auf den Eiweißertrag sollte man nutzen“, lautet die Empfehlung des Experten.
Ein weiterer Versuch habe ergeben, dass der TM-Ertrag bei fünfmaliger Nutzung ohne N-Düngung, aber Rotklee im Bestand, bei 135 dt TM/ha lag, wogegen die Gabe von 170 kg N/ha ohne Rotkleebestand nur 83 dt TM/ha hervorbrachte. „Rotklee-Nachsaat lohnt sich eher als Stickstoffdüngung“, so Elsäßers Fazit daraus. In Aulendorf wurde auch festgestellt, dass die Wirkung von Herbstgülle geringer ist als die von Frühjahrsgülle. Und noch eine Erkenntnis: Auch bei der Anwendung neuer Gülleausbringtechnik sollte nicht in den bereits gut angewachsenen Bestand gedüngt werden, um die „Streifenkrankheit“ zu vermeiden. „Gülle ist kein Blattdünger“, rief Elsäßer nochmal in Erinnerung.
Wieviel also von welchem Grünland, und ist das bezahlbar?, fragte Elsäßer. Der Landwirt braucht das Grünland zur nachhaltigen Sicherung der eigenen Erwerbsgrundlage. Er will daraus gesunde Lebensmittel erzeugen, gleichzeitig damit die Kulturlandschaft gestalten und die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, und das alles ohne andauernde Schikanen durch die Bürokratie.

Eckpunkte zukünftiger Grünlandnutzung

Als Eckpunkte zukünftiger Grünlandnutzung schlägt Elsäßer vor:
  • Grünland in jeglicher Form sollte vorhanden sein, um dessen besonderen Nutzen zu erhalten.
  • Grünland muss genutzt werden, also braucht es Grünlandnutzer oder Graser zur Verwertung des Aufwuchses, „denn ich will kein Gras essen“, merkte Elsässer mit einem Schmunzeln an. Deshalb sollten die Bedingungen für Beweidung geschaffen bzw. erhalten werden.
  • Landschaft, bzw. eine besondere Nutzung etwa als Streuobstwiese, muss in Wert gesetzt werden.
  • Einzelbetriebliche Beratung sollte Aspekte des Biotopschutzes berücksichtigen.
  • Es sollte auch noch Fleischesser geben oder zumindest Verbraucher von Produkten aus der landwirtschaftlichen Grünlandverwertung. Die Verbraucher sollten über die Zusammenhänge aufgeklärt werden.
  • Eine Agrar- und Umweltpolitik wäre wünschenswert, die Ökodienstleistungen besser honoriert und entsprechende Produktionsformen unterstützt.
Biodiversität sollte nicht nur auf der einzelnen Fläche, sondern vor allem in einem Landschaftsraum vorhanden sein. „Wir brauchen Betriebe, die unterschiedliche Nutzungen in ihrer gesamten Struktur vereinigen, also eine sinnvolle Ergänzung verschiedener Nutzungsformen auf dem gleichen Betrieb, der gleichen Gemarkung oder der gleichen Region“, fasste Elsäßer zusammen. Man kann sich das vorstellen als ein Landschaftsmosaik mit abgestufter Bewirtschaftungsintensität von intensiv bis zur FFH-Wiese.
Eine nachhaltige und ausgewogene Nutzung des Grünlandes basiere auf den Möglichkeiten des Standortes und berücksichtige die Grenzen der Intensität, stellte Elsäßer klar. Sie könne nur gelingen mit Wiederkäuern und raufutterbasierter Fütterung und setze das Vorhandensein von ausreichend vielen Bewirtschaftern voraus, deren ökonomische Situation ausreichend sein muss. Zudem sei die Wertschätzung der Gesellschaft und des Naturschutzes für die Bewirtschafter wichtig. Außerdem müssten spezielle, auf das Grünland ausgerichtete, gute und neue Vermarktungsstrukturen geschaffen werden.
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