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Berglandwirtschaft

Warum hacken die Umweltschützer immer auf uns herum?

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Susanne Lorenz-Munkler
am
13.05.2019

Managementplan „Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen“ nährt Misstrauen der Älpler.

Fischen/Lks.Oberallgäu Jahrelang haben sie daran gearbeitet: Biologen, Botaniker und Förster. Nun liegt das Ergebnis als Entwurf vor und wurde von den zahlreich erschienen Älplern mit großer Skepsis zur Kenntnis genommen: der Managementplan für das Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen, ein 129 Seiten starkes Dokument. Dieser Managementplan soll dokumentieren, in welchem Zustand der Lebensraum Allgäuer Hochalpen ist. Und er soll zeigen, was nötig ist, damit die Zustände so bleiben oder sich verbessern, erklärte Günter Riegel von der Höheren Naturschutzbehörde der Regierung von Schwaben. Er und weitere Mitwirkende an dem Plan stellten das Werk kürzlich in Fischen vor.

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Was die Alpbewirtschaftung betrifft, stoßen einige Passagen den Älplern sauer auf. Zum Beispiel wird mehrmals ein Verbot des Einsatzes von stickstoffhaltigem Mineraldünger gefordert. Dieser Einsatz aber sei schon seit 40 Jahren verboten, betonte Dr. Michael Honisch, Geschäftsführer des Alpwirtschaftlichen Vereins Allgäu (AVA). Eine andere Passage schlage vor, dass in Hochlagen auf die Beweidung mit schweren Rindern verzichtet werden sollte. „Ich kann das nicht mehr hören, dass unsere Rinder zu schwer sind“, monierte AVA-Vorsitzender Franz Hage. „Im Gegensatz zu früheren Zeiten kommen die Tiere heute nur noch in ihren ersten beiden Lebensjahren auf den Berg.“

Honisch lobte, dass viele Dinge „die wir für kritisch befunden haben“, bereits aufgenommen und eingearbeitet worden seien. Aber es blieben dennoch offene Fragen: „Grundsätzlich kooperieren wir gerne mit dem Naturschutz, sofern dies auf Augenhöhe geschieht. Wir kooperieren dann, wenn es einen Ausgleich bei Bewirtschaftungseinschränkungen gibt. Oder wenn das Eigentum nicht in irgendeiner Form gefährdet ist.“ Das müsse berücksichtigt werden. Es gebe dabei die Möglichkeit, dies über das Vertragsnaturschutzprogramm zu tun, das dann aber aufgestockt werden müsste.
Grundsätzlich hinterfragte der AVA-Geschäftsführer, welcher Handlungsbedarf aus dem Plan entstehe: „Der Managementplan ist für die Behörden verbindlich. Für den Privatmann nicht. Welche verpflichtende Wirkung hat der Managementplan auf staatliches Handeln und die Ausgestaltung zukünftiger Fördergrundlagen?“, fragte er.
Im Vorfeld einer neuen gemeinsamen Agrarpolitik würden aus dem Managementplan große Ziele herausformuliert und Forderungen an die Politik gestellt, befürchtet Honisch. Zum Beispiel das Verbot von Stickstoffdüngung, das wieder so dezidiert aufgeführt worden sei, obwohl es doch tatsächlich schon lange nicht mehr praktiziert werde. Honisch: „Das erweckt den Eindruck, als ob wir das jetzt erst abstellen müssten. Unsere Bewirtschaftung ist aber schon lange so extensiv, wie man es sich von Naturschutzseite gar nicht besser wünschen kann.“ Die Älpler seien froh, wenn die Nutzung der Hochlagen nicht eingeschränkt würde. An eine Ausweitung sei nie gedacht worden. Auch dieser Eindruck entstehe bei der Lektüre des Plans. „Denken Sie an die politische Wirkung, die solche Aussagen haben. Ich halte es für verdammt gefährlich, und befürchte, dass solche Aussagen in der Agrarpolitik ihren Niederschlag finden könnten.“
Aber immerhin, so beschwichtigte er, verfolge der Managementplan einen kooperativen Ansatz und sei besser als die zu befürchtenden Maßnahmen aus dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“. Diese griffen ins Ordnungsrecht und das bedeutet Zwang. „Und Zwang will keiner von uns!“
Das wurde in der aufgeheizten Stimmung im vollbesetzten Fiskina-Saal mehr als deutlich. Viele aktive Älpler waren gekommen und ergriffen das Wort: „Warum hacken die Naturschützer immer auf uns herum?“, fragte einer. „Wir wissen aus jahrelanger Erfahrung, wie man eine Alpe bewirtschaftet und betreiben mit unserer Arbeit bereits aktiven Naturschutz.“
Eine Älplerin schlug vor, dass die Macher des Managementplans lieber die Störfaktoren der Freizeitindustrie regeln sollten. „Die Mountainbiker, die über unsere Wiesen fahren, aufzuhalten, wäre viel gscheiter, als den Hirten vorzuschreiben, was sie tun sollen.“ Zum Thema Freizeitnutzung stehen in dem Plan nur Empfehlungen. Zum Beispiel, dass in Auerhahngebieten Wanderer mit Hunden auf den Wegen bleiben sollen, in der Nähe der Steinadlerhorste keine Gleitschirmflieger fliegen sollen und auch an von Adlern bewohnten Felsen nicht geklettert werden sollte. Und AVA-Vorsitzender Franz Hage schimpfte, dass ausgerechnet das Thema Wolf im Managementplan ausgespart worden sei. Der Wolf schade der Alpwirtschaft und somit dem Erhalt der Artenvielfalt. Das Verschlechterungsverbot für Schutzgebiete erfordere daher, das Thema Wolf anzupacken.
Günter Riegel betonte immer wieder, dass in den Allgäuer Hochalpen die Situation sehr günstig sei und der Plan keinen zusätzlichen Schutzstatzus vorsehe. Doch er konnte das Miss- trauen der Älpler nicht entkräften, deren Ursache der AVA-Vorsitzende Franz Hage so formulierte: „Wir haben schon oft den kleinen Finger gereicht und schon nach kurzer Zeit wurde unsere ganze Hand genommen.“ Die Bauern und Älpler hätten das Vertrauen in die Politik verloren.

Warum hacken die Naturschützer immer auf uns herum? Wir wissen aus jahrelanger Erfahrung, wie man eine Alpe bewirtschaftet und betreiben mit unserer Arbeit bereits aktiven Naturschutz.

Managementpläne sollen dokumentieren, in welchem Zustand schützenswerte Lebensräume sind. Neben dem jetzt fertigen Managementplan Allgäuer Hochalpen sind weitere Managementpläne für das Allgäu geplant. Für die Nagelfluhkette, die Hörnergruppe, den Hohen Ifen, den Piesenkopf und das Gebiet westlich der Iller. Bis zum 24. Mai können Betroffene noch Stellungnahmen einreichen. Die Pläne liegen im Landratsamt Oberallgäu, im Grünen Zentrum Immenstadt und in den Rathäusern von Bad Hindelang, Oberstdorf und Sonthofen aus. Auch im Internet kann der Plan eingesehen werden.

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