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Demeterbetrieb

Das Handhacken als Philosophie

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Michael Ammich
am
22.10.2018

Auf dem Schlossgut Burgberg bewirtschaftet die Familie Badmann 190 ha biodynamisch.

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Das Hacken mit der Hand ist eine Philosophie, man muss es können und wollen“, sagt Biobauer Walter Badmann. „Ich empfinde das Hacken als meditativ und lasse dabei meine Gedanken schweifen.“ Die 5 ha Zuckerrüben sind jedoch nur ein kleiner Teil der 190 ha großen Nutzfläche, die rund um das Schlossgut Burgberg verteilt auf drei Standorte von der Familie Badmann auf biodynamische Weise bewirtschaftet werden. „Wir waren zunehmend unzufrieden, wie wir mit unseren Lebensmitteln umgehen“, begründet der Betriebsleiter die Umstellung auf die ökologische Landwirtschaft vor sechzehn Jahren.
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Für die Arbeit und Produktion auf einem Demeter-Betrieb in Burgberg bei Giengen interessierten sich auch die Teilnehmer einer Sternfahrt des vlf/VLM Schwaben. Vor dem Rundgang über das weitläufige Areal des Schlossguts galt es jedoch erst einmal, den Leiter des AELF Wertingen, Magnus Mayer, nach fünf Jahren Geschäftsführertätigkeit zu verabschieden. Diese Aufgabe übernahm unter dem dankbaren Applaus der Mitglieder Karlheinz Kilian als Vorsitzender des schwäbischen vlf/VLM-Bezirksverbands.
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Nach diesem kurzen Vorspiel erläutert Walter Badmann, wie seine Familie in den Besitz des Schlossguts kam. Nachdem es sich mehrere Jahrhunderte hinweg in der Hand eines Grafengeschlechts befand, gelangte es 1728 an das fürstliche Haus Oettingen-Wallerstein. Von 1838 bis 1936 war die adelige Familie von Linden Herrin über das Schloss und die zugehörigen Wirtschaftsflächen, bis diese nach mehrfachem Besitzerwechsel 1963 in der aus München umgesiedelten Familie Badmann ihre neue Eigentümerin fanden. Walter Badmanns Vater, der das Schlossgut erwarb, hatte auf ihm zuvor als Verwalter gedient. 1987 übergab er den Betrieb an seinen Sohn Walter. Der Agraringenieur führte ihn bis 2002 konventionell.
Zum Gut gehört eine Nutzfläche von 190 ha, von denen 150 ha Äcker und Wiesen sowie 14 ha Wald um das ehemals gräfliche Schloss arrondiert sind. Damit kann Badmann sein Recht auf eine Eigenjagd wahrnehmen. Die restlichen 40 ha verteilen sich auf zwei weitere Betriebsstandorte. Ein gutes Viertel der Flächen besteht aus Kleegras, das zum einen als Futter für die Tiere dient und zum anderen in die Biogasanlage eines Demeter-Betriebs im benachbarten Hermaringen wandert. Auf 60 ha betreibt die Familie Badmann die Vermehrung von Getreide, auf 15 ha erzeugt sie Pflanzkartoffeln für andere Demeter-Betriebe. Der Philosophie der Handhacke kann sich Walter Badmann immerhin auf 5 ha Zuckerrübenäckern widmen.

Viele Arbeitsstunden fürs Handhacken

Der 56-jährige Agraringenieur verschweigt nicht, dass die Produktion von Biozuckerrüben sehr personal- und arbeitsintensiv ist. 120 bis 150 Arbeitsstunden/ha für die Handhacke setzt er an. Er habe sich jahrelang gegen den Einsatz ausländischer Saisonarbeitskräfte gestemmt, erklärt Badmann. Aber irgendwann sei der Punkt gekommen, an dem es nicht mehr anders ging. Dadurch ergab sich dann auch mehr Zeit für ein wichtiges Betriebsstandbein, die Aufbereitung von Getreide. Vor vier Jahren hat Badmann in eine Bürstelmaschine investiert, immer wieder wurden Teile des großen Getreidelagers, das in seinen Silos rund 400 t Korn fassen kann, erneuert und erweitert. Die Bürstelmaschine beseitigt unerwünschte Pilzsporen aus dem Getreide, das ja schließlich auch ein möglichst unbelastetes Tierfutter sein soll. Für andere Demeter-Höfe bereitet Badmann neben Hafer auch Dinkel auf, der ab Herbst 2018 nicht nur gebürstet, sondern zusätzlich geschält wird. Einmal jährlich vor der Ernte müssen das Getreidelager und die Maschinen gründlich gereinigt werden. Dann sind zwei Arbeitskräfte zwei Wochen lang mit Kehren, Putzen und Saugen beschäftigt.
Ganz ohne Pilzbekämpfung geht es auch auf den Demeter-Feldern nicht, räumt Walter Badmann ein. Freilich muss es dabei ökologisch zugehen. Als eine Art „Biofungizid“ wird insbesondere auf den Kartoffelfeldern des Schlossguts ein Tee aus Ackerschachtelhalmen erfolgreich eingesetzt. Auf das ansonsten im Ökolandbau übliche Spritzen von Kupfer verzichtet Badmann. Auch von Schneckenkorn hält er wenig. „Es gibt Schnecken, die andere Schnecken fressen. Würde ich auch nur ein einziges Mal Schneckenkorn einsetzen, wären alle Schnecken tot und der Kreislauf des Fressens und Gefressenwerdens auf Jahre hinaus unwiederbringlich zerstört.“ Überhaupt hat für Familie Badmann ein geschlossener Betriebskreislauf eine hohe Priorität. Abgesehen von Mineralstoffen kauft sie kein Futter zu.
Der Verpflichtung der Demeter-Betriebe zur Tierhaltung kann und will sich auch die Familie Badmann nicht entziehen. Im alten Kartoffellager, das vor drei Jahren zu einem Stall umgebaut wurde, stehen jetzt 16 Mutterkühe mit ihrem Nachwuchs. Selbstverständlich können die Tiere jederzeit aus dem Stall in überdachte und eingestreute Tiefbuchten gehen, von dort in den Auslauf und über einen Durchgang weiter auf die 2,5 ha umfassenden Weideflächen. Zu Badmanns Bedauern reicht der Mist aus der Mutterkuhhaltung nicht aus, um alle Felder damit zu düngen. „Die Böden, die Mist abbekommen haben, sind nämlich gigantisch besser“, erklärt der Biobauer.
Wo immer möglich, verzichtet er auf den Pflug und begnügt sich mit flacher Bodenbearbeitung. Die extreme Trockenheit des vergangenen Sommers hat Badmann gezeigt, dass er mit den Methoden seines Ökoackerbaus richtig liegt. „Unsere Böden halten lange durch. Ich habe mich gewundert, dass wir heuer doch noch eine gute Ernte eingefahren haben.“ 16 Jahre nach der Umstellung weisen die Böden viele tiefe Poren und eine dicke, nährstoffreiche Humusschicht auf.
Für die Mutterkuhhaltung ist vor allem Sohn Benedikt zuständig. Der 27-jährige Landwirtschaftsmeister, der die Landwirtschaftsschule am AELF Wertingen besucht hat, führt die Teilnehmer der Sternfahrt durch den Stall. Dort erfahren sie, dass die Familie Badmann derzeit den Bau eines Bullenstalls in Angriff nimmt. „Auch Demeter-Landwirte müssen ja ihre Kälber irgendwie verkaufen können“, begründet er diesen Schritt. Sie brauchen folglich Abnehmer, bei denen sie ihre Kälber gut aufgehoben wissen. Einer davon ist nun eben die Familie Badmann. Fünf Kälber pro Mutterkuh und Jahr werden auf dem Schlossgut aufgezogen, indem eine Kuh neben ihrem eigenen Nachwuchs als Amme noch vier weitere Kälber an ihre Zitzen lässt.

Kein Hofladen, aber Ab-Hof-Verkauf

Mit einem Hofladen groß in die Direktvermarktung eingestiegen sind die Badmanns nicht. Sie begnügen sich mit dem Ab-Hof-Verkauf von Linsen, Kartoffeln und Fleisch aus der Mutterkuhhaltung. Dafür bieten sie aber einen weiteren Service an. Walter Badmanns Ehefrau Anna hat sich zur Pferdewirtschaftsmeisterin ausgebildet und betreibt auf dem Schlossgut eine Pensionspferdehaltung mit 15 Plätzen. Bis 2015 züchtete sie noch edle Lipizzaner-Pferde, doch dann musste sie erkennen, dass sich dieser Betriebszweig nicht trägt. Heute hält Anna Badmann noch zwölf Lipizzaner, darunter einen Hengst, zwei Wallache, sechs Stuten und Jungpferde.
Die Lipizzaner, die wie die Pensionspferde in wahrhaft fürstlichen Stallabteilen oder auf saftigen Weiden rund um das Hofgut stehen, fügen sich gut zum Schloss. Das herrschaftliche Gebäude hat als einziges einen verheerenden Brand überdauert, der 1956 fast die gesamte historische Bausubstanz auf dem Gutsareal vernichtete. Bewohnt wird das Schloss von der Familie Badmann und ihren Kindern. 30 000 l Heizöl waren früher eingelagert, um die zahlreichen Räume zu beheizen. Heute kommt die Wärme aus einer Hackschnitzelheizung, in der Holz aus dem eigenen Wald verfeuert wird.

Was ist auf Demeter-Betrieben anders?

Der Demeter-Verband gehört neben dem Bioland- und dem Naturland-Verband zu den drei größten deutschen Bio-Anbauverbänden. Die biodynamische Wirtschaftsweise seiner Mitglieder gründet seit 1924 auf den landwirtschaftlichen, esoterisch-spirituellen Ideen des Antroposophen Rudolf Steiner (1861 – 1925) und damit auf einer ganzheitlichen Sicht der Einwirkungen der Natur auf das Wachsen der Pflanzen. Der Demeter-Verband versteht den landwirtschaftlichen Betrieb als einen lebendigen Organismus, der auch immateriellen, dynamischen Einflüssen unterliegt. Biologisch-dynamische Präparate gelten als heilende Substanzen für den Boden, beispielsweise Kompost- und Spritzpräparate. Diese werden aus Heilkräutern, Quarz oder verrotteten Kuhhörnern hergestellt und in geringfügigen Mengen beim Düngen oder bei der Pflanzenpflege eingesetzt. 2017 gab es in Deutschland 7305 Bioland-, 3448 Naturland- und 1529 Demeter-Betriebe.

Die Mitgliedsbetriebe des Demeter-Verbands sind zur Tierhaltung oder wenigstens zur Kooperation mit tierhaltenden Betrieben durch den Austausch von Futter und Mist verpflichtet. Bei der Umstellung muss der gesamte Betrieb umgestellt werden. Das komplette Futter für die Tiere muss aus dem ökologischen Landbau, davon mindestens zwei Drittel und bei der Haltung von Wiederkäuern vier Fünftel aus Demeter-Betrieben stammen. Mindestens die Hälfte des eingesetzten Futters muss aus dem eigenen Betrieb oder aus einer Betriebskooperation kommen.

In Demeter-Betrieben ist das Enthornen der Kühe nicht erlaubt. Auf den Feldern sind biologisch-dynamische Präparate aus Kräutern, Mineralien und Kuhmist anzuwenden. Bei der Züchtung von Getreide, Gemüse und Geflügel wird auf eigene Sorten und Züchtungen gesetzt, im Getreidebereich dürfen nur samenfeste Sorten, also keine Hybride zum Ensatz kommen. Verboten ist ebenso der Einsatz von Sorten aus der Zellfusionstechnik. In der Verarbeitung der Demeter-Produkte sind nur wenige und absolut unverzichtbare Zusatzstoffe und Hilfsstoffe erlaubt, untersagt sind Jodierung, Nitritpökelsalz oder natürliche Aromen. Zugelassen sind lediglich Aromaextrakte.

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