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Landfrauen

Heimat ist keine Gefühlsduselei

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Patrizia Schallert
am
19.03.2018

Bayerns Landtagspräsidentin Barbara Stamm beim Landfrauentag des Dillinger BBV-Kreisverbandes

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Lange Zeit verpönt erlebt der Begriff „Heimat“ heute eine Renaissance in Politik und Gesellschaft. Auf dem Landfrauentag in Dillingen erläuterte die bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm, was Heimat für sie bedeutet. „Heimat ist kein Museum und hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun, sondern muss gelebt und gestaltet werden“, rief Stamm den rund 400 Bäuerinnen zu, die ihre Festrede immer wieder mit Applaus unterbrachen.
Zuvor saß Kreisbäuerin Annett Jung wie auf einem Nadelkissen. Wird die Landtagspräsidentin ihren Termin in Dillingen einhalten können, nachdem sie noch um drei Uhr nachts an den Koalitionsverhandlungen in Berlin teilgenommen hatte? Als Stamm schließlich mit einem Lächeln im Gesicht in den voll besetzten Stadtsaal marschierte, brach aus der Kreisbäuerin ein „Habt Ihr gehört, was für ein großer Stein mir gerade vom Herzen gefallen ist?“ heraus.
Eröffnet wurde der Landfrauentag mit einer ökumenischen Andacht, die der katholische Stadtpfarrer Wolfgang Schneck und sein evangelischer Amtskollege Manuel Kleiner gemeinsam mit dem Dillinger Landfrauenchor gestalteten. Die Ungewissheit über das pünktliche Eintreffen Stamms verschaffte den Grußrednern beinahe unbeschränkte Redezeit. Oberbürgermeister Frank Kunz nutzte sie, um den Bäuerinnen für ihren nimmermüden Einsatz für das Allgemeinwohl zu danken. „Sie sind nicht nur starke Partner des Landkreises, sondern leisten Hervorragendes bei der Aufklärungs- und Bildungsarbeit mit Blick auf die nachhaltige Produktion hochwertiger Lebensmittel. Durch die Pflege von Kultur und Tradition haben die Bäuerinnen unsere Heimat zu dem gemacht, was sie heute ist.“
Landrat Leo Schrell schloss sich dem Lob seines Vorredners an. „Durch ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Akzente gestalten die Bäuerinnen den ländlichen Raum und erhöhen damit die Lebensqualität aller Menschen in unserem Landkreis.“ In Zeiten der Globalisierung und Polarisierung sei es wichtig, klare und lebensnahe Strukturen als Kraftquelle zu nutzen, heimatliches Brauchtum zu pflegen und die bäuerliche Identität zu bewahren.
Jung hatte sich die Nacht um die Ohren geschlagen, um gleich zwei Reden vorzubereiten – eine lange und eine kurze. „Ich wusste ja nicht, wie viel Zeit ich bis zum Eintreffen unserer Festrednerin überbrücken muss.“ In ihrem Rückblick hob die Kreisbäuerin besonders die „Kindertage auf Bauernhöfen“ hervor. Landkreisweit erhielten 1500 Mädchen und Buben auf 30 Betrieben Einblicke in die bäuerliche Urproduktion.
Kreisobmann Klaus Beyrer wurde angesichts so viel geballter Frauenpower fast „Angst und Bange“. Gleich ob im Voll- oder Nebenerwerbsbetrieb, die Bäuerinnen hätten sich als ambitionierte und kompetente Mitunternehmerinnen etabliert, stellte Beyrer fest. Das langgehegte Klischee der drei bäuerlichen „K’s“ – Kinder, Kuhstall, Kittelschürze – treffe auf die moderne Landfrau nicht mehr zu. Abschließend sprach Beyrer das BBV-Jahresthema „Das ist Heimat“ an. Er selbst verbinde mit diesem Begriff nichts Nostalgisches, sondern ein Gefühl der Geborgenheit.

 

Viele Menschen suchen eine neue Heimat

„Endlich bin ich wieder in meiner Heimat angekommen“, begann Barbara Stamm ihren Festvortrag und erntete dafür tosenden Applaus. „In der Globalisierung ist Heimat genau das, was wir brauchen.“ Auch wenn die Politik die notwendigen Rahmenbedingungen für das Wohl der Bevölkerung schaffe, scheine sie oft nicht mehr zu wissen, was die Menschen wirklich benötigen. Nicht nur die ältere, auch die junge Generation sei auf der Suche nach Verwurzelung, Verlässlichkeit und einem Für- und Miteinander. „Heimat ist kein Museum und hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun, sondern muss gelebt und gestaltet werden“, betonte die Landtagspräsidentin.
Wer auf die Welt blicke, müsse sich nicht wundern, dass der Begriff Heimat an Bedeutung zunehme. „Unsere Welt ist aus den Fugen geraten. Kriege, Flüchtlinge und Terrorismus greifen um sich und die Bilder in den Medien gehen nicht spurlos an uns vorüber.“ Außerdem suchten immer mehr Flüchtlinge in Europa eine neue Heimat. „Das ist eine große Herausforderung für die Menschen in unserem Land, weil sie Angst davor haben, ihre eigenen Werte und ihre eigene Kultur aufgeben zu müssen. Aber wir können die Welt um uns herum nicht ausblenden und uns zurückziehen.“ Die Rückbesinnung auf Heimat dürfe kein Aufsetzen von Scheuklappen sein.

Heimat auch für die Kinder gestalten

Kinder betrachtet Stamm als beste Grundlage für eine lebenswerte Zukunft. Die Erwachsenen müssten für sie Verantwortung übernehmen und ihnen die Heimat bewahren und vor­anbringen. „Unsere Heimat verändert sich und manchmal ist es schwer damit umzugehen“, stellte die Politikerin fest. Das habe aber auch sein Gutes. Während Mädchen und jungen Frauen früher meist keine Ausbildung zuteil wurde, gehe man heute auf ihre Begabungen ein. „Deshalb werden die Berufe immer weiblicher, sei es bei der Polizei, in der Medizin oder an den Schulen“, folgerte Stamm. „Im Gegenzug wollen immer mehr Männer an der Erziehung ihrer Kinder aktiv mitwirken und der Faktor Zeit hat für viele Menschen an Bedeutung gewonnen.“ Allerdings habe sich die Berufswelt auf diesen Trend noch nicht eingestellt. Umso wichtiger sei es, dass die Politik hier für die notwendigen Rahmenbedingungen sorge. „Damit die Menschen ihre Heimat aktiv gestalten können, muss überlegt werden, wie wir die Bürokratie und Reglementierungen zurückfahren können.“
Stamm bedauerte die ständigen Angriffe auf die Landwirtschaft. „Die Bäuerinnen und Bauern wollen nur das Beste für ihre Tiere und Böden.“ Schwarze Schafe gebe es überall. „Darüber dürfen wir nicht vergessen, dass sich der Großteil der Landwirte seiner Verantwortung bewusst ist. Wir müssen ihnen wieder mehr Vertrauen entgegenbringen.“ Ein sensibles Thema sei der Flächenfraß. „Natürlich benötigen wir Flächen für die Infrastruktur, weil es hier auch um Arbeitsplätze und Lebensqualität geht.“ Die Unruhe, die dieses Thema bei vielen Menschen auslöse, habe mit dem Misstrauen gegenüber einer Kultur des „Immer weiter, immer größer, immer mehr“ zu tun. „Das akzeptieren besonders auf dem Land viele Menschen nicht mehr.“
Der Boden dürfe nicht nur als Quadratmeterzahl gesehen werden, sondern als Fläche, die bewirtschaftet wird. Die Diskussionen um den Flächenverbrauch müssten ehrlich geführt werden. „Wir sollten hier immer das Ganze im Blick haben.“ Dazu gehöre auch das gemeinsame Gestalten der Heimat und sich Zeit für sich selbst und andere zu nehmen. „Zeit ist das Schönste, das wir haben.“ Gesundes Wachstum benötige Zeit und Ruhe. „Was für die Pflanzen gilt, das gilt auch für uns Menschen.“
Am Nachmittag verwandelte sich die Bühne in einen Laufsteg. Die Dillinger Bäuerinnen hatten in ihren Schränken nach alten Kleidern gestöbert und was sie hervorzauberten, konnte sich sehen lassen. Teils waren die Kleidungsstücke nahezu zeitgemäß. Für ihren Auftritt als „Hobbymodels“ ernteten die Frauen und Kinder viel Applaus. Auch BBV-Kreisgeschäftsführer Eugen Bayer machte als Moderator eine gute Figur. Fachkundig erläuterte er, welche Mode wann der letzte Schrei war.

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