Login
Biobetrieb

Hühner unter Haselnüssen

Haselnussbäumchen
Thumbnail
Brigitte Früh, Wochenblatt
am
28.09.2017

Eine Betriebsführung bei Armin Weber im Rahmen der Ökoerlebnistage. Der Heimertinger betreibt eine Biohaselnussplantage mit Biohühnermast.

Haselnüsse

Alles begann im Jahr 2011. Armin Weber reaktivierte in Heimertingen einen aufgelassenen Milchviehbetrieb, den die Eltern seiner Lebensgefährtin Hildegard Link vor vielen Jahren bewirtschaftet hatten. Flächen, die früher zum Hof gehörten und verpachtet waren, wurden zurückgepachtet. Statt dem Muhen von Kühen ist nun jedoch das Gegacker von Federvieh zu hören und im Herbst, zur Erntezeit, das Knacken von Nüssen. Denn der hauptberufliche Bauhof-Mitarbeiter betreibt seit mittlerweile sechs Jahren eine Haselnussplantage und darunter weiden Masthühner – beides seit zwei Jahren nach Bioland-Richtlinien.
Armin Weber, eigentlich gelernter Töpfer und Zimmermann, wagte sich an eine neue Herausforderung, nahm viel Geld in die Hand und investierte unzählige Stunden Arbeit, um sich parallel zum Vollzeitjob am Bauhof eine Nebenerwerbslandwirtschaft aufzubauen – bereits von Beginn an „bio“, aber zunächst „nur“ EU-zertifiziert.
Was treibt einen 50-Jährigen dazu, sich so viel Arbeit aufzutun und ein so großes finanzielles Risiko einzugehen? „Damit ich in der Rente eine Beschäftigung habe“, lautet Webers einfache und ehrliche Antwort. Eine Prämisse war, dass die Arbeit alleine zu bewältigen sein sollte – was Weber im jetzigen Ausmaß als gegeben ansieht. Nur so nebenbei funktioniert das Ganze aber auch nicht, „es ist schon sehr arbeitsintensiv“, räumt er ein und ist dankbar für die Unterstützung seiner Hildegard bei Arbeitsspitzen.

 

Rund 1300 Haselnussbäume auf 2 Hektar

Haselnuss

Eine Liebe zur Landwirtschaft muss bei Weber aber wohl auch dahinterstecken, denn ohne ein gehöriges Quantum Herzblut hätte der 56-Jährige bestimmt nicht so tief in die Materie einsteigen und so viel Durchhaltevermögen aufbringen können. Sein ungeheures Wissen um ökologischen Haselnussanbau und um ökologische Hühnermast beeindruckte die Besucher, die der Einladung des Bio-Rings Allgäu zur Betriebsführung im Rahmen der Ökoerlebnistage gefolgt waren. Eine stattliche Anzahl Interessierter – Verbraucher, aber auch (zukünftige) Landwirte, die vielleicht ebenfalls in den Haselnussanbau einsteigen wollen – hatten sich dazu an der Hofstelle mitten in Heimertingen eingefunden und wurden von Bio-Ring-Geschäftsführerin Christine Räder begrüßt.
Heute baut Weber auf knapp 2 ha Flächen rund 1300 Haselnussbäume verschiedener Sorten an wie Wunder von Bollweiler, Hallesche Riesen oder Corabel. Er zieht die Haselnusspflanzen als Bäumchen mit ca. 1 m Stammhöhe, das erleichtert später die maschinelle Bearbeitung des Bodens darunter und die Ernte. In der Haselnussplantage stehen die Bäumchen mit einem Reihenabstand von 4 m Abstand und 3 m Abstand innerhalb der Reihe.

Veredelte Pflanzen wachsen schneller

Indianerbanane

Zum Teil sind die Pflanzen veredelt, das hat den Vorteil, dass sich keine Schossen bilden. Außerdem wachsen veredelte schneller und haben schon nach zwei Jahren einen ersten Ertrag – unveredelte erst nach drei bis vier Jahren. Mit dem vollen Ertrag von 2 – 3 t/ha ist freilich erst nach 7 bis 10 Jahren zu rechnen. Auch die Witterung kann einen Strich durch die Rechnung machen. So rechnet Weber heuer aufgrund der Spätfröste im Frühjahr mit Ertragseinbußen: Statt der erwarteten 400 kg werden es wohl nur 250 kg sein.
Die Pflanzen bezieht Weber jetzt aus Hamburg. Von der Erstanlage musste er leider bereits viele Bäumchen ersetzen, „weil die Ware schlecht war“. Eine Pflanze kostet ihn stolze 10 €. Er zieht sie aber teilweise auch selber – bei unveredelten Haselnüssen durch Absenker oder Wurzelausläufer. Bei Absenkern werden Triebe in den Boden gesenkt und angeritzt, damit sie Wurzeln treiben. Wurzelausläufer müssen mühsam ausgegraben werden. Außerdem veredelt Weber auch selber und wendet dabei eine einfache, aber gut funktionierende Technik aus Italien an: Unterlage oben abschneiden, kreuzweise einschneiden, Reiser hineinstecken und zubinden.
Der Pflegeaufwand für eine Haselnussanlage sollte nicht unterschätzt werden: Schnitt, Abstreifen von Trieben im Stammbereich, weißer Stammanstrich, Mäusebekämpfung, Mulchen bzw. Mähen der Fahrgassen, Düngung und Pflanzenschutz sind regelmäßig wiederkehrende Arbeiten. Den Unterwuchs nutzt Weber im Frühjahr als Heu, danach wird nur noch gemulcht bzw. beweidet. Die Düngung erfolgt mit dem Spurennährstoff Bor und mit Bio-Aminosol, einem Stickstoffdünger aus Aminosäuren, die aus Schlachtabfällen gewonnen werden. Beides sind Blattdünger, die Weber mit der Rückenspritze appliziert.

Mühevoller Pflanzenschutz

Eine echte Herausforderung ist der Pflanzenschutz, denn Bakterien und Schädlinge wie Schildläuse, Spinnmilben und vor allem der Haselnussbohrer setzen der Kultur zu. Aber auch Krähen, Spechte, Eichhörnchen, Feldhasen und Wühlmäuse wollen ihren Anteil an der Ernte bzw. beschädigen die Pflanzen. Auf der anderen Seite sind die Möglichkeiten des Pflanzenschutzes im Bioanbau eingeschränkt. Weber spritzt Kupfer – im Frühjahr zum Knospenplatzen, im Herbst zum Blattfall und außerdem nach Hagel, um das Eindringen von Pilzen zu verhindern. Gegen den Haselnussbohrer, einen Rüsselkäfer, helfen nur Leimringe um Stamm und Stützpfahl oder Spritzen mit Rapsöl – dazu muss man allerdings den Käfer direkt treffen. Versuche mit Neemöl hat Weber nach negativen Erfahrungen aufgegeben. Das Öl des Neembaumes ist phytotoxisch und schädigt das Laub, sodass die Bäume eingehen.
Im Herbst reifen die Haselnüsse je nach Sorte unterschiedlich ab. Die reifen Schalenfrüchte fallen aus ihren Hüllblättern in ein Hagelschutznetz, das Weber unter die Bäume gespannt hat. Dort sammelt er sie händisch ein. Danach werden die Nüsse gereinigt, sortiert, getrocknet, verlesen und eventuell geknackt. Mit einem Gebläse trennt Weber leere und volle Nüsse und trocknet sie in höchstens 5 cm dicken Lagen bei maximal 30 °C. Zum Sortieren verwendet er einen Kartoffelsortierer, den er umgebaut hat. Damit kann er in Größen von unter 18 und über 22 mm trennen, wie es der Handel verlangt. Runde, große Nusssorten werden bevorzugt, diese lassen sich leichter bearbeiten. Eine Handknackmaschine ist seine neueste Investition.
Weber vermarktet seine Haselnüsse über den in Dachau ansässigen Verein Bayerischer Haselnusspflanzer bzw. dessen Vertriebsunternehmen, die Erzeugerorganisation Deutscher Haselnussbauer UG. Der Verein hat derzeit 71 Mitglieder, die rund 250 ha bewirtschaften. Nur sechs Mitglieder sind Biolandwirte. 2016 wurden 200 t Nüsse vermarktet – damit kann der heimische Bedarf freilich noch lange nicht gedeckt werden. Der Wermutstropfen: Der Preis für Biohaselnüsse liegt nur geringfügig über dem von konventioneller Ware, obwohl der Aufwand deutlich höher ist. Ein kleiner Teil der Ernte, nämlich 10 %, muss nicht über den Verein vermarktet werden. Weber verkauft diese Haselnüsse als Kerne im Biohofladen in Benningen und direkt bei sich zu Hause. Dort kann man auch köstlichen Haselnussschnaps erwerben, den der Verein brennen lässt.

 

Hähnchen werden nur auf Vorbestellung gemästet

Masthähnchen als Küken

Nur auf Vorbestellung mästet der Neulandwirt Hähnchen, pro Jahr vier Durchgänge zu jeweils 80 bis 100 Stück, zwei im Frühjahr und zwei im Herbst. Eigentlich müsste es „Hühnchen“ heißen, denn bei der Biomasthühnerrasse Hubbard, die aus einer altdeutschen Zucht stammt, können sowohl Hennen als auch Hähnchen gemästet werden. Weber bevorzugt die Farbrichtung Weiß, diese seien bessere Futterverwerter als die roten. Die Küken bezieht Weber als Bioeintagsküken von der Hetzenecker Biogeflügelzucht und Brüterei in Neumarkt-St. Veit.
Die ersten drei Wochen werden die Küken wegen der erforderlichen Wärme in einem Aufzuchtstall gehalten. Davon hat Weber zwei separate unter einem Dach, die aus hygienischen Gründen abwechselnd belegt werden bzw. leer stehen. Bei der Aufzucht hat er nur sehr wenige Verluste zu beklagen. Die Besucher horchten auf, als Weber sagte, dass seine Küken bei ihm auch ein Antibiotikum bekommen, „ein natürliches“, ergänzte er verschmitzt, „im Trinkwasser schwimmt immer eine frische Zwiebel.“ Das Futter bezieht der Heimertinger von einer Biomühle in Großaitingen, außerdem bekommen schon die kleinen Küken ein bisschen Grünfutter.
Vom 22. bis zum 70. Lebenstag dürfen die Junghühner auf die Weide in der Haselnussplantage. Dort hat jedes Tier mindestens 4 m² Auslauf. Das Gehege, das regelmäßig gewechselt wird, zäunt Weber ein und überspannt es „raubvogelsicher“ mit einem Netz. Der Auslauf ist eher breit als tief, „denn die Hühner gehen nicht weiter als 10 Meter vom Stall weg“, weiß Weber. Der Stall, das ist ein Bauwagen auf Rädern mit einer Hühnerleiter.

Schlachtung erst im Alter von 70 Tagen

Im Alter von 70 Tagen werden die Masthühner geschlachtet, in Altensteig bei Dirlewang, einem Naturland-Betrieb. Konventionelle Masthähnchen leben übrigens nur 28 Tage. Die Schlachtung erfolge tiergerecht, betont Weber. Für die 15-minütige Fahrt nach Altensteig hat er sich 12 Transportkisten angeschafft, in denen er je 10 Tiere transportieren kann. Er besetzt sie aber nur mit 9 Tieren. Die Biomasthühner sind zu dem Zeitpunkt zwischen 1300 und 2200 g schwer und kosten 10 €/kg. Das ist eigentlich für den Aufwand zu wenig, aber Weber ist es ein großes Anliegen, „dass sich jeder ein gutes Lebensmittel leisten können soll“. 90 % verkauft er direkt vom Hof an Kunden aus der näheren Umgebung.
Von seiner Nebenerwerbslandwirtschaft leben könnte Weber nicht – zumal er sich immer noch in der Aufbau- und Investitionsphase befindet. Aber das war ja auch nie sein Ziel. Es geht ihm um die Arbeit in der Natur, mit Pflanzen und Tieren, und er hat Freude daran, regionale, ökologische und qualitativ hochwertige Lebensmittel zu erzeugen. Aber – und da geht es ihm nicht anders als seinen Kollegen im Vollerwerb – auch er braucht einen fairen Preis für seine Produkte, der die Kosten deckt, die Arbeit entlohnt und Rücklagenbildung ermöglicht.

Auch interessant