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Wahlen

Die IHK könnte Knotenpunkt sein

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Michael Ammich
am
25.06.2018

Bäuerliche Vertreter bewerben sich bei den Wahlen der Industrie- und Handelskammer in Schwaben.

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Die Flächen der Landwirte nehmen die schwäbischen Gewerbetreibenden gern in Anspruch. Ob sie aber die Bäuerinnen und Bauern nicht nur als Grundbesitzer, sondern auch auf Augenhöhe als wichtige Säule der Wirtschaft schätzen, wird sich spätestens bei den Wahlen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben vom 25. Juni bis 27. Juli erweisen. Mehrere mit der Agrarbranche verbundene Personen aus dem Regierungsbezirk treten als Kandiaten für die IHK-Regionalversammlungen an. Als Minderheit haben sie aber wohl nur dann eine Chance auf einen Sitz in diesem Gremium, wenn sie nicht nur von Berufskollegen, sondern auch aus anderen Branchen ausreichend Stimmen erhalten.

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In Schwaben vertritt die IHK rund 140 000 Unternehmen. Mitglied ist automatisch jedes gewerbliche Unternehmen, das nicht zum Handwerk gehört. Eine Beitragspflicht zur IHK besteht jedoch nur für Mitgliedsunternehmen, die einen Gewerbeertrag von mindestens 5200 € erwirtschaften. Das betrifft zahlreiche Landwirte, deren Biogas- oder Photovoltaikanlagen, Direktvermarktung oder kommunale Dienstleistungen in den Gewerbebereich fallen.

„Sie bestimmen mit, wer in den nächsten fünf Jahren Ihre wirtschaftlichen Interessen gegenüber der Politik vertritt“, heißt es auf der Website der IHK Schwaben zu den Kammerwahlen. Wählen dürfen alle Unternehmen, die IHK-Mitglied sind und eine Betriebsstätte im Regierungsbezirk Schwaben unterhalten. Mit ihrer Stimme entscheiden sie über die Zusammensetzung der elf IHK-Regionalversammlungen. Aus diesen bildet sich wiederum die Vollversammlung, die das Präsidium der IHK Schwaben wählt.
BBV-Bezirksgeschäftsführer Markus Müller begrüßt ausdrücklich, dass sich auch Personen mit landwirtschaflichem Hintergrund als Kandidaten für die IHK-Wahlen zur Verfügung stellen. Schließlich nimmt die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe, die eine gewerbliche Tätigkeit als Zusatzeinkommen aufgenommen haben, immer mehr zu. Damit wächst auch die Zahl der IHK-Mitglieder aus der Agrarbranche. Die Bereitschaft, sich aktiv in die IHK einzubringen, verdiene „Anerkennung, Respekt und Unterstützung“, betont Müller.
Den in der BBV-Hauptgeschäftsstelle in Augsburg mittlerweile eingelaufenen Rückmeldungen kann der Bezirksgeschäftsführer entnehmen, dass sich unter den 556 Kandidaten auch mehrere dem bäuerlichen Berufsstand verbundene Personen befinden. Dazu gehören beispielsweise Stefan Asum (Dasing/Lks. Aichach-Friedberg), Josef Wollmann-Seiler (Gersthofen/Lks. Augsburg), Alfred Luderschmid (Wolferstadt/Lks. Donau-Ries), Johann Wolf (Kissendorf), Peter Feuchtmayr (Autenried) und Stefanie Ihle (Leipheim, alle drei Lks. Günzburg), Markus Hafner (Schwaighofen/Lks. Neu-Ulm), Eva Maria Treu (Neu-Ulm) und Anton Oliver Wiedenmann (Vöhringen/Lks. Neu-Ulm), Ignaz Einsiedler (Wildpoldsried /Lks. Oberallgäu) und Heinrich Mayr (Eggenthal/Lks. Ostallgäu). Auf der Website „www.ihk-schwaben-wahl.de/kandidatenliste“ werden alle Bewerber für die elf schwäbischen Regionalversammlungen vorgestellt.
Ein bäuerlicher Unternehmer, der die IHK-Wahlen als Chance begreift, ist Johann Wolf in Kissendorf. Der 64-jährige Landwirt betreibt eine Ferkelerzeugung mit angeschlossener Schweinemast und Ackerbau. „Ich war überrascht, als ich einen Bescheid der IHK erhielt, in dem mir meine Beitragspflicht mitgeteilt wurde.“ Der Grund dafür: Wolf hat im Jahr 2004 eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 60 kWp gebaut, deren Gewerbeertrag den Freibetrag von 5199 € überschreitet. Doch der Ärger über die Beitragspflicht wich schnell der Erkenntnis, dass sich über einen Sitz im regionalen Vertretergremium in der IHK Schwaben eine zusätzliche Stimme aus der Landwirtschaft etablieren ließe. Das hält Wolf für umso notwendiger, als die der IHK angeschlossenen Unternehmen ständig neue Flächen forderten.
„Wie die Industrie haben sich auch die landwirtschaftlichen Betriebe weiterentwickelt“, sagt Wolf – allerdings ohne sich wie die Industrie gut zu vernetzen. Früher seien die Bauernhöfe noch intensiv mit ihren meist kleinen Abnehmern wie den Mühlen verbunden gewesen. Heute jedoch laufe die Vermarktung oft ohne persönliche Kontakte ab und es gebe kaum mehr einen Dialog zwischen der Landwirtschaft und dem übrigen Mittelstand. Da sei es kein Wunder, dass nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der Industrie und im Handel oft das Verständnis für die Bedürfnisse der bäuerlichen Unternehmen fehle. Als Landwirt seine Stimme für die Anliegen des Berufstands erheben – so umschreibt Wolf sein Ziel, falls er in die IHK-Regionalversammlung gewählt wird.
Besonders ärgert sich Wolf über die vielen aufgelassenen Gewerbeflächen in Städten und Dörfern, die mit Wohnhäusern anstatt neuer Gewerbebetriebe bebaut werden. Viele Gewerbetreibende zögen es vor, auf der „grünen Wiese“, sprich wertvollem Ackerland, ihre Firmengebäude und Lager zu errichten. Außerdem zähle in der IHK offenbar die „schnelle Infrastruktur“, um die Unternehmen wettbewerbsfähig zu erhalten. Als Beispiel führt Wolf den geplanten dreispurigen Ausbau der B 16 an. Für diesen werde zwar bäuerlicher Boden beansprucht, doch die Landwirte dürften dann nicht mehr mit ihren Schleppern auf der Kraftfahrstraße unterwegs sein.
Für den Kissendorfer Landwirt könnte die IHK einen Knotenpunkt in der Vernetzung der landwirtschaftlichen Betriebe mit Industrie, Gewerbe und Handel darstellen. Dann fiele es den bäuerlichen Unternehmen auch leichter, an die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft heranzukommen.
Auch Anton-Oliver Wiedenmann in Illerberg, Regionalsprecher des Fachverbands Biogas für Bayerisch Schwaben Süd, sähe es gern, dass die IHK und ihre Mitgliedsunternehmen die landwirtschaftlichen Betriebe nicht nur als „Flächenlieferanten“ betrachten. Seine Biogasanlage mit einer Leistung von 800 kW hat er 2005 bereits als gewerbliche Anlage gebaut. Schon ein Jahr später habe er sich als „Zwangsmitglied“ und Beitragszahler in der IHK wiedergefunden, sagt Wiedenmann. Er bewirbt sich um einen Sitz in der IHK-Regionalversammlung, nachdem er aus der Kammer bisher mehr kritische als positive Kommentare zu den erneuerbaren Energien vernommen habe. „Die IHK ist industrielastig“, stellt Wiedenmann fest. Und die Abneigung der Industrie gegen die erneuerbaren Energien rühre wohl daher, dass sie den Strom verteuern. „Aber in Zeiten der Energiewende kommen wir nicht um die Erneuerbaren herum.“
Über einen Sitz in der IHK-Regionalversammlung hofft der 47-jährige Illerberger für die Produzenten erneuerbarer Energien Kontakte zur Politik knüpfen und nutzen zu können. Die IHK und die angeschlossenen Unternehmen müssten lernen, dass die Energiewende ohne Biogasanlagen nicht funktionieren wird, so Wiedenmann. Biogas sei neben der Wasserkraft die einzige erneuerbare und zugleich grundlastfähige Energiequelle, die beim Ausfall von Sonne oder Wind für einen Ausgleich sorgen könne. Außerdem sei Strom aus Biogas – richtig gerechnet – die billigste regenerative Energie. Wiedenmann hat bereits mehrere Veranstaltungen der IHK besucht und musste dabei feststellen, dass „die Landwirtschaft nur ein Randthema ist und vor allem als Flächenlieferant wahrgenommen wird.“ Das möchte er ändern, falls er in die Regionalversammlung gewählt wird.
Auch der Milchviehhalter und Ackerbauer Markus Hafner aus Schwaighofen bewirbt sich um einen Sitz in der IHK-Regionalversammlung. Gewerblich betreibt er seit 2011 eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 210 kWp und seit 2016 eine kleine 75-kW-Güllebiogasanlage. Auch er fand sich plötzlich als beitragspflichtiges „Zwangsmitglied“ der IHK wieder. Darüber hat sich Hafner lange geärgert, weil „die IHK ja so wahnsinnig viel für die Landwirtschaft tut und dem Flächenfraß Vorschub leistet.“
Mit Blick auf das eher geringe Engagement der IHK für die Landwirtschaft sieht Hafner nicht ein, dass er dafür er auch noch einen Beitrag entrichten soll. Die Kammer setze sich vor allem für die Industrie und das Handelsgewerbe ein. „Ich habe mich für die Regionalversammlung beworben, damit ich mitreden und Verständnis für die Anliegen und Probleme der Landwirtschaft wecken kann“, erklärt Hafner. Das betrifft insbesondere den ungebremsten Flächenverbrauch für den Bau von Gewerbegebieten und Umgehungsstraßen oder den geplanten mehrspurigen Ausbau der B 10 und B 16. „Flächen stehen uns nicht unbegrenzt zur Verfügung, deshalb müssen die Unternehmen flächensparend bauen.“ Dabei denkt der Landwirt beispielsweise an mehrstöckige Parkhäuser anstelle von großen Firmenparkplätzen auf der „grünen Wiese.“

Der 44-jährige Schwaighofener will der IHK ins Stammbuch schreiben, dass zahlreiche der ihr angeschlossenen Unternehmen im vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft ihr Geld verdienen. „Das ist Grund genug, der Landwirtschaft in der IHK mehr Raum zu geben und sie zu unterstützen anstatt sie nur als Flächenlieferant zu betrachten. Die Beiträge der Landwirte nimmt die IHK gerne mit, tut aber nichts für uns Bauern. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

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